Gewerkschaften Der Riese schrumpft

Telekom, Postdienste, Krankenhäuser: Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di kämpft an vielen Fronten. Seit der Gründung hat sie jedes fünfte Mitglied verloren.

Weil er sich erpresst fühlte, wollte Ado Wilhelm den neuen Tarifvertrag nicht unterschreiben. Die Telekom drohte, Stellen abzubauen oder zu verlagern, wenn die Gewerkschaft nicht klein beigibt. Trotzdem schaltete Wilhelm auf stur, der ver.di-Streikleiter wollte Mehrarbeit und Gehaltsverzicht nicht zulassen. Dann aber häuften sich E-Mails und Drohanrufe. Nicht von der Telekom, sondern aus dem eigenen Lager. Einige Hundert waren es am Tag. Die Gewerkschaftsmitglieder hatten Angst um ihre Jobs. Manche schrieben Wilhelm von ihren Hypotheken, andere vom Studium der Kinder – für sie wäre jeder noch so schlechte Kompromiss besser als eine Entlassung gewesen. Deshalb unterschrieb Ado Wilhelm dann doch.

Das ist genau ein Jahr her. Mit seiner Unterschrift verhinderte Wilhelm damals die Ausgliederung von TMobile und akzeptierte im Gegenzug schlechtere Arbeitsbedingungen. »Ich hatte keine Wahl«, sagt er heute. Doch jetzt erlebte er ein Déjà-vu. Das Spiel wiederholte sich. Damals, klagt der Funktionär, »wurde der Grundstock gelegt für die aktuellen Forderungen«. Während bei T-Mobile 2.800 Arbeitsplätze betroffen waren, ging es diesmal um schlechtere Arbeitsbedingungen für 50.000 Beschäftigte in der Festnetzsparte T-Com. Die Drohungen waren die gleichen. Und Wilhelm muss am Ende wieder einiges unterschreiben, um zumindest die Arbeitsplätze zu sichern.

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Der aktuelle Konflikt bei der Telekom zeigt, wie ver.dis Macht bröckelt. Die Privatisierung der großen Staatsbetriebe wirkt bis heute nach. Ver.di verlor in den vergangenen Jahren nicht nur massenhaft Mitglieder, sondern auch Verhandlungsstärke. Auseinandersetzungen wie jetzt bei der Telekom, im Bereich der Post oder im vergangenen Jahr im öffentlichen Dienst sind kein Ausdruck neu entdeckter Stärke, sondern von größerer Verwundbarkeit. Statt um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen kämpft die Gewerkschaft immer öfter nur darum, Zumutungen abzuwehren. »Früher ging es darum, das Wachstum zu verteilen. Heute ist man schon zufrieden, wenn man Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen erhält«, sagt der ehemalige ÖTV-Chef Herbert Mai.

Das Problem: Vielen Mitgliedern ist das zu wenig. Einige Gruppen haben sich längst abgespalten von der Multibranchen-Gewerkschaft und verhandeln selbst mit den Arbeitgebern – zunächst waren es die Piloten, dann die Lokführer, die Fluglotsen und zuletzt die Ärzte im Marburger Bund. Ver.di zerfasert.

Das hatte sich Mai ganz anders vorgestellt, als er im Herbst 2000 für eine gemeinsame Großorganisation trommelte. Mit seiner Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) fusionierten im Jahr darauf die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), die Deutsche Angestellten- Gewerkschaft (DAG), die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) und die IG Medien. So entstand 2001 die größte Arbeitnehmervertretung der Welt. »Die Hoffnung war, dass eine besonders schlagkräftige Organisation entsteht, die im Tarifrecht und bei den Arbeitsbedingungen mehr erreichen kann«, erinnert sich Mai.

Alles Geschichte. In vielen Betrieben wäre ver.di froh, wenn auch nur jeder zehnte Beschäftigte Mitglied wäre. In wenigen Branchen des privaten Dienstleistungssektors hat die Gewerkschaft einen Organisationsgrad, der 20 Prozent übersteigt. Weder bei Telefondienstleistern noch bei den neuen Konkurrenten der Post oder im Einzelhandel ist das gelungen. »Der Organisationsgrad ist zum Teil sehr niedrig«, stellt Berndt Keller, Politikwissenschaftler an der Universität Konstanz, nüchtern fest. »Wenn die Messlatte für Unternehmen der Aktienkurs ist, dann ist das für Gewerkschaften die Mitgliederzahl.« Ver.di hat seit der Gründung 2001 jedes fünfte Mitglied verloren und vertritt noch 2,3 Millionen Menschen. Den Titel als weltgrößte Arbeitnehmervertretung hat man längst abgeben müssen.

Wer sich öffentlich zur Gewerkschaft bekannte, flog raus

Die Gewerkschaft verwaltet die schwindende alte Klientel, die neue erreicht sie nur mit großer Mühe. Seit 2001 sind im boomenden Dienstleistungsgewerbe eine Million neue Jobs entstanden. Ein Boom, der an ver.di vorbeigeht. Die Privatisierung von Post, Telekom und vielen Teilen des öffentlichen Dienstes, vom Krankenhaus bis zur Müllabfuhr, setzt ver.di bis heute zu. Allein die Post hat nach Berechnungen der Bundesnetzagentur seit 1999 rund 34.000 Stellen abgebaut – zu 70 Prozent saßen Gewerkschaftsmitglieder darauf. Bei der Konkurrenz entstanden bisher 46.000 Jobs, die meisten davon sind aber Teilzeitstellen oder Minijobs und zudem schlechter bezahlt als bei der Post. Genügend Gründe für Unzufriedenheit und gewerkschaftliche Gegenmacht müsste es da eigentlich geben. Doch ver.di schlägt daraus kein Kapital. 80.000 Austritten zwischen 2003 und 2006 standen im Fachbereich Postdienste, Speditionen und Logistik nur rund 32.000 Eintritte gegenüber. Besonders dramatisch ist die Entwicklung bei jungen Erwachsenen unter 28 Jahren. »Gegen den Trend sind die Eintrittszahlen sogar rückläufig«, heißt es im internen Geschäftsbericht des Fachbereichs.

»Ver.di hat wenig Überlebenschancen«, behauptet Horst Udo Niedenhoff bereits; er ist Gewerkschaftsexperte beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Tatsächlich wirken selbst altgediente Gewerkschaftsvertreter frustriert. »Alle Hoffnungen und Erwartungen, die mit der ver.di-Gründung verbunden waren, sind so nicht eingetreten«, sagt Herbert Mai. »Die Realität hat ver.di eingeholt.«

Diese Realität markiert Benedikt Frank mit roten Stecknadeln im Berliner Stadtplan. Sie stellen die Zustellstützpunkte der PIN AG dar. Die PIN AG ist ein Konkurrent der Deutschen Post, und Frank ist bei ver.di im Landesbezirk Berlin-Brandenburg zuständig für die Gewerkschaftsarbeit in den neu entstandenen Firmen dieser Branche. Das ist kein leichter Job. Wo rote Stecknadeln erscheinen, muss ver.di sich erst eine Position als Tarifpartei erkämpfen.

Besonders hart war der Anfang. Im Winter 2005 stand Frank morgens um drei Uhr auf, um neue Mitglieder zu werben. Für ver.di verteilte er vor der Frühschicht Flugblätter an den PIN-Zustellstützpunkten. Nur wenige griffen zu. »Die Menschen hatten eine unglaubliche Angst.« Dafür gab es einen handfesten Grund. »Wer sich öffentlich zur Gewerkschaft bekannte, dem wurde der Vertrag nicht verlängert«, sagt Frank. Denn die Arbeitsverträge sind zeitlich befristet, oft nur auf Teilzeit- oder 400-Euro-Basis. Genau wie bei vielen der Jobs, die heute entstehen.

Der Gewerkschaftssekretär organisierte deshalb Geheimtreffen, von denen nur einzelne Arbeitnehmer wussten. Die luden dann Kollegen ein, denen sie vertrauten. Schließlich wurde gegen massiven Widerstand des damaligen Vorstandes ein Betriebsrat initiiert. Heute sind von den etwa 1.000 Berliner PIN-Mitarbeitern rund 200 bei ver.di organisiert, der Vorstand der PIN AG wurde ausgetauscht, und jetzt soll ein Tarifvertrag für alle 7.000 Beschäftigten bundesweit geschlossen werden. Zudem pflege die PIN Group (zu deren Eignern die Verlagsgruppe Holtzbrinck zählt, die auch die ZEIT besitzt) heute einen »offenen Dialog mit ver.di«, sagt Unternehmenschef Günter Thiel.

Ein Gemeinschaftsgefühl ist nicht entstanden

Für diesen Erfolg musste sich Frank allerdings enorm engagieren. Anfangs steckte er 80 Prozent seiner Arbeitszeit in die Unterstützung von 15 Mitgliedern – ver.di-intern rechne man pro Vollzeitstelle mit der Betreuung von 2.500 Mitgliedern. Doch Beschäftigte für ver.di zu gewinnen werde immer schwieriger, sagt der Politikwissenschaftler Keller. Früher hätten Betriebs- und Personalräte für den Mitgliedernachwuchs gesorgt. »Da ist der neue Mitarbeiter am ersten Tag mit dem Laufzettel zum Betriebsrat gegangen und hat das Büro als Gewerkschaftsmitglied verlassen.« Solche Strukturen finden sich nur noch selten in den Betrieben und schon gar nicht in den neuen Dienstleistungsbereichen.

Zudem tut sich ver.di damit schwer, Leistungen auf potenzielle Mitglieder zuzuschneiden. »Die Gewerkschaft hat sich auf die neuen Beschäftigungsverhältnisse überhaupt nicht eingestellt«, sagt Keller. »Wer weiß, dass er nur wenige Wochen im gleichen Betrieb bleibt, hat doch völlig andere Interessen als Arbeitnehmer mit hoher Betriebsverbundenheit.« Die schwindende Identifikation mit dem Unternehmen sieht Herbert Mai, der heute Arbeitsdirektor beim Flughafenbetreiber Fraport ist, als ein zentrales Problem für Gewerkschaften: »Die klassische Bindung an den Betrieb geht bei Tochterunternehmen und Beschäftigungsgesellschaften oft verloren.« Wer sich der Belegschaft nicht zugehörig fühlt, wird sich kaum für sie in der Gewerkschaft engagieren.

Doch der frühere ÖTV-Vorsitzende Mai sieht auch Probleme mit ver.dis Auftritt nach außen. Er kritisiert die dauerhafte »Wir-sind-dagegen-Haltung, egal, ob beim Rentenrecht, in der Pflegeversicherung oder bei der Gesundheitsreform«. Für ihn ist klar: »Mit einer Fundamentalposition erreicht man vielleicht innere Geschlossenheit, aber man gestaltet politisch nicht mehr mit.«

Das Konstrukt der Multibranchen-Gewerkschaft ist dabei wenig hilfreich. Schließlich gilt es, die Interessen von selbstständigen Artisten und Krankenschwestern, Journalisten, Tankstellenpächtern und mehr als 1.000 anderen Berufen zusammenzubringen. Und das gelingt zu selten. Zumal nach der Fusion und mit dem Einzug in die neue ver.di-Zentrale »das Familiäre weggebrochen ist«, so Frank. Früher war der 36-Jährige bei der HBV beschäftigt. 550 Menschen haben dort gearbeitet. »Bei ver.di sind wir 4.400, und von den wenigsten kenne ich das Gesicht«, sagt Frank. »Hier ist man doch sehr fachblind geworden.« Ein Gemeinschaftsgefühl ist trotz aller Beteuerungen des Vorstands offenbar weder unter den Mitarbeitern noch unter den Mitgliedern entstanden.

Die ersten sechs Jahre ver.di haben gezeigt: Wer kann, der flüchtet. Es sind meist Berufsgruppen mit kleiner Klientel und großer Streikwirkung. Zuletzt haben sich die Ärzte abgewendet. Frank Ulrich Montgomery war dafür die treibende Kraft. »Die Zeit der Multibranchen-Gewerkschaft ist vorbei«, sagt der Vorsitzende des Marburger Bundes. Als Beleg führt er an, dass die Ärzte ohne ver.di im Tarifkonflikt 2006 Lohnsteigerungen von bis zu 13 Prozent herausgeholt hätten. Die Aufkündigung der Tarifgemeinschaft mit ver.di hat sich für den Marburger Bund nach seinen Angaben ausgezahlt: Binnen Wochen sei die Mitgliederzahl von 80.000 auf 110.000 Mitglieder gestiegen. »Wir werden nie wieder unter die Fuchtel von ver.di gehen«, sagt Montgomery. Und sollte die Großgewerkschaft versuchen, diese Mitglieder zurückzugewinnen, dann »gründen wir eine Gesundheitsgewerkschaft«. IW-Experte Niedenhoff erwartet als Nächstes eine eigene Organisation für Krankenpfleger. »Kleine, homogene Gruppen können ihre Interessen viel besser vertreten, das hat sich auch in England gezeigt«, sagt Niedenhoff.

Ganz anders sieht das die ver.di-Führung. »Ich glaube, ver.di entwickelt sich zu einem sehr markanten Gestaltungselement der Bundesrepublik Deutschland«, meint Vorstandsmitglied Lothar Schröder, der neben Wilhelm am Verhandlungstisch im Telekom-Konflikt saß. »Mit der erfolgreichen Fusion von fünf Gewerkschaften ist uns gelungen, was Daimler und Chrysler in den Sand gesetzt haben.«

Doch die Ruhe, die ver.di-Funktionäre derzeit nach außen verbreiten, täuscht. Wie bei Fusionen in der Wirtschaft droht auch bei ver.di ein massiver Stellenabbau. Die in der Gründungsphase vereinbarte Beschäftigungsgarantie läuft in diesem Jahr ab. Nach dem Bundeskongress der Gewerkschaft rechnet Niedenhoff mit 1.000 bis 1.500 betriebsbedingten Kündigungen. Schon von 2004 bis 2006 mussten die 4.400 Mitarbeiter einen Lohnverzicht von 2,5 Prozent hinnehmen – im Gegenzug gab es einige zusätzliche Urlaubstage. Dass ver.di seinen Apparat verkleinern muss, scheint unausweichlich: Die IG Metall etwa zählt mehr Mitglieder, aber nur halb so viele Mitarbeiter.

Und die Funktionäre, die bei ver.di bleiben, sind immer häufiger frustriert. »Es ist heute normal geworden, Rückzugskämpfe zu führen«, sagt Benedikt Frank. Und er ergänzt: »Den Status quo als Erfolg zu verkaufen ist schwierig.« Ado Wilhelm wäre damit schon zufrieden. Bei der Telekom sind über 70 Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Noch.

 
Leser-Kommentare
  1. es berichtete die presse das die verdi-angestellten schlechter behandelt werden als das die verdi funktionäre selbst von den unternehmen verlangen. das ist dann so eine sache mit glaubwürdigkeit

    • AlexR
    • 23.06.2007 um 19:44 Uhr

    Ein Wunder ist das nicht -- Gewerkschaften sind immer noch Besitzstandswahrer für Leute unbefristeten Vollzeitstellen. Aushilfen, Befristete, Teilzeit-Arbeitnehmer, mit solchen Leuten wollen die gar nichts zu tun haben. Dabei brauchen grade diese die Gewerkschaften am meisten. Und einmal alleingelassen, haben diese Leute auch dann keine Lust mehr, sich diesen geschlossenen Gesellschaften anzuschließen, wenn die sie haben wollen.

    Da müßten also die Gewerkschaften mal dringend ihre Posistion überdenken.

  2. Es ist nicht weiter verwunderlich, das den Gewerkschaften gerade junge Mitglieder den Rücken kehren. Alle Kompromisse und Regelungen am Arbeitsmarkt (und nicht nur da) laufen doch auf einen Schutz alter Mitarbeiter auf kosten der jüngeren hinaus. Bei Entlassungen müssen immer zuallererst die jungen Entlassen werden. Unabhängig von der Leistung kommen häufig durch automatische Beförderungen vor allem ältere, länger im Betrieb arbeitende Mitarbeiter in besser bezahlte Stellen. Die Rente der älteren Arbeitnehmer ist noch halbwegs sicher, jüngere Arbeitnehmer werden wohl keine ernstzunehmende staatliche Rente mehr erhalten. Nicht an all diesen Punkten sind die Gewerkschaften schuld, aber wie alle Institutionen der Republik haben auch sie vor allem Ihre älteren Mitglieder im Blick.

    Warum sollte ich daher einer Organisation beitreten, die im Zweifel meine Interessen immer zugunsten der Interessen der älteren Mitglieder opfern wird?

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