Gewerkschaften Der Riese schrumpftSeite 3/3

Das Konstrukt der Multibranchen-Gewerkschaft ist dabei wenig hilfreich. Schließlich gilt es, die Interessen von selbstständigen Artisten und Krankenschwestern, Journalisten, Tankstellenpächtern und mehr als 1.000 anderen Berufen zusammenzubringen. Und das gelingt zu selten. Zumal nach der Fusion und mit dem Einzug in die neue ver.di-Zentrale »das Familiäre weggebrochen ist«, so Frank. Früher war der 36-Jährige bei der HBV beschäftigt. 550 Menschen haben dort gearbeitet. »Bei ver.di sind wir 4.400, und von den wenigsten kenne ich das Gesicht«, sagt Frank. »Hier ist man doch sehr fachblind geworden.« Ein Gemeinschaftsgefühl ist trotz aller Beteuerungen des Vorstands offenbar weder unter den Mitarbeitern noch unter den Mitgliedern entstanden.

Die ersten sechs Jahre ver.di haben gezeigt: Wer kann, der flüchtet. Es sind meist Berufsgruppen mit kleiner Klientel und großer Streikwirkung. Zuletzt haben sich die Ärzte abgewendet. Frank Ulrich Montgomery war dafür die treibende Kraft. »Die Zeit der Multibranchen-Gewerkschaft ist vorbei«, sagt der Vorsitzende des Marburger Bundes. Als Beleg führt er an, dass die Ärzte ohne ver.di im Tarifkonflikt 2006 Lohnsteigerungen von bis zu 13 Prozent herausgeholt hätten. Die Aufkündigung der Tarifgemeinschaft mit ver.di hat sich für den Marburger Bund nach seinen Angaben ausgezahlt: Binnen Wochen sei die Mitgliederzahl von 80.000 auf 110.000 Mitglieder gestiegen. »Wir werden nie wieder unter die Fuchtel von ver.di gehen«, sagt Montgomery. Und sollte die Großgewerkschaft versuchen, diese Mitglieder zurückzugewinnen, dann »gründen wir eine Gesundheitsgewerkschaft«. IW-Experte Niedenhoff erwartet als Nächstes eine eigene Organisation für Krankenpfleger. »Kleine, homogene Gruppen können ihre Interessen viel besser vertreten, das hat sich auch in England gezeigt«, sagt Niedenhoff.

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Ganz anders sieht das die ver.di-Führung. »Ich glaube, ver.di entwickelt sich zu einem sehr markanten Gestaltungselement der Bundesrepublik Deutschland«, meint Vorstandsmitglied Lothar Schröder, der neben Wilhelm am Verhandlungstisch im Telekom-Konflikt saß. »Mit der erfolgreichen Fusion von fünf Gewerkschaften ist uns gelungen, was Daimler und Chrysler in den Sand gesetzt haben.«

Doch die Ruhe, die ver.di-Funktionäre derzeit nach außen verbreiten, täuscht. Wie bei Fusionen in der Wirtschaft droht auch bei ver.di ein massiver Stellenabbau. Die in der Gründungsphase vereinbarte Beschäftigungsgarantie läuft in diesem Jahr ab. Nach dem Bundeskongress der Gewerkschaft rechnet Niedenhoff mit 1.000 bis 1.500 betriebsbedingten Kündigungen. Schon von 2004 bis 2006 mussten die 4.400 Mitarbeiter einen Lohnverzicht von 2,5 Prozent hinnehmen – im Gegenzug gab es einige zusätzliche Urlaubstage. Dass ver.di seinen Apparat verkleinern muss, scheint unausweichlich: Die IG Metall etwa zählt mehr Mitglieder, aber nur halb so viele Mitarbeiter.

Und die Funktionäre, die bei ver.di bleiben, sind immer häufiger frustriert. »Es ist heute normal geworden, Rückzugskämpfe zu führen«, sagt Benedikt Frank. Und er ergänzt: »Den Status quo als Erfolg zu verkaufen ist schwierig.« Ado Wilhelm wäre damit schon zufrieden. Bei der Telekom sind über 70 Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Noch.

 
Leser-Kommentare
  1. es berichtete die presse das die verdi-angestellten schlechter behandelt werden als das die verdi funktionäre selbst von den unternehmen verlangen. das ist dann so eine sache mit glaubwürdigkeit

    • AlexR
    • 23.06.2007 um 19:44 Uhr

    Ein Wunder ist das nicht -- Gewerkschaften sind immer noch Besitzstandswahrer für Leute unbefristeten Vollzeitstellen. Aushilfen, Befristete, Teilzeit-Arbeitnehmer, mit solchen Leuten wollen die gar nichts zu tun haben. Dabei brauchen grade diese die Gewerkschaften am meisten. Und einmal alleingelassen, haben diese Leute auch dann keine Lust mehr, sich diesen geschlossenen Gesellschaften anzuschließen, wenn die sie haben wollen.

    Da müßten also die Gewerkschaften mal dringend ihre Posistion überdenken.

  2. Es ist nicht weiter verwunderlich, das den Gewerkschaften gerade junge Mitglieder den Rücken kehren. Alle Kompromisse und Regelungen am Arbeitsmarkt (und nicht nur da) laufen doch auf einen Schutz alter Mitarbeiter auf kosten der jüngeren hinaus. Bei Entlassungen müssen immer zuallererst die jungen Entlassen werden. Unabhängig von der Leistung kommen häufig durch automatische Beförderungen vor allem ältere, länger im Betrieb arbeitende Mitarbeiter in besser bezahlte Stellen. Die Rente der älteren Arbeitnehmer ist noch halbwegs sicher, jüngere Arbeitnehmer werden wohl keine ernstzunehmende staatliche Rente mehr erhalten. Nicht an all diesen Punkten sind die Gewerkschaften schuld, aber wie alle Institutionen der Republik haben auch sie vor allem Ihre älteren Mitglieder im Blick.

    Warum sollte ich daher einer Organisation beitreten, die im Zweifel meine Interessen immer zugunsten der Interessen der älteren Mitglieder opfern wird?

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