Die Telefonleitung ist frei. Eine sonore Stimme vom Band meldet sich und kündigt an, dass man »direkt und in Echtzeit« mit einem Gletscher verbunden werde. Und dann: ein gewaltiges Rauschen, ein bisschen wie bei einem Radio, das kein Programm findet und auf volle Lautstärke gestellt ist. Doch das, was man da hört, ist der Vernagtferner, ein Gletscher im Ötztal. In Echtzeit wird der Klang übertragen, den das eisige Schmelzwasser des Gletschers verursacht, wenn es als reißender Bach den Berg herabstürzt.

Zum ersten Mal kann man von überall her in der Welt mit einem Gletscher telefonieren. »Mobile Elegy – calling a glacier« nennt der Klangkünstler Kalle Laar aus München sein Projekt, das er Anfang Juni während der Eröffnungstage der 52. Biennale in Venedig der Kunstwelt präsentierte.

Auf fast 3000 Meter Höhe fängt ein Mikrofon in den Tiroler Alpen den Klimawandel in Ton und Klang ein und macht ihn als akustisches Spektakel für ein Jahr am Telefon erlebbar. Mit der Jahreszeit wechselt das Programm. Jetzt – nachdem es bereits im April und Mai viele heiße Tage gegeben hat –, ist ein ohrenbetäubendes Rauschen zu hören, im Winter wird es ein leises Tropfen sein, im Frühling ein fröhliches Gluckern.

»Als ich den Gletscher besucht habe, wurde mir klar, dass er ein Lebewesen ist, das wirklich stirbt. Er kommt nie mehr wieder«, sagt der Künstler. Kalle Laar, 52, halb Este, halb Lette, hat schon Anfang der neunziger Jahre als Musiker und DJ mit Klängen experimentiert und improvisiert. »Der Klang hat eine enorme emotionale Kraft, die den Menschen ganz unmittelbar trifft.« Das Rauschen des Gletschers bringe den Zuhörer direkt an den Ort des Geschehens tief in den Alpen. Was leicht als engagiertes Umweltprojekt missverstanden werden kann, ist der künstlerische Versuch, über den Klang ein Gefühl für etwas zu geben, das weit weg passiert und doch alle angeht.

Entstanden ist die Idee zu Mobile Elegy im Rahmen der Expedition Overtures, eines interdisziplinären und internationalen Kunstprojektes von artcircolo München. Gemeinsam mit anderen Künstlern und mit Kuratoren reist Kalle Laar zu Orten auf der Welt, an denen das Element Wasser eine herausragende Rolle spielt. Im Austausch mit Wissenschaftlern und Technologen führt die Expedition von Nord nach Süd, über Island, Venedig, die Alpen, die Türkei bis nach Spanien. Auf welche Ideen die Künstler dabei kommen und wie sie sie umsetzen, wird in einer Kunstausstellung zur Expo 2008 nahe Saragossa zu sehen sein.

Noch ist Kalle Laars Arbeit nicht fertig. Deshalb macht sich der Mann mit dem feinen Gehör gleich nach den Eröffnungstagen der Biennale von Venedig aus erneut auf den Weg in die Hochalpen: Er will dem Gletscher weitere Stimmen entlocken, seine Elegie noch eindringlicher gestalten. Laars letzte Reise zum Gletscher liegt drei Monate zurück, und er ist gespannt, wie sich der Berg verändert hat.