Österreich Hier spricht der GletscherSeite 4/4
Zwar kenne niemand den Ausgang dieses Experimentes, fährt Braun fort, aber eines sei heute schon klar: »Die Klimaforscher sind in ihren Vorhersagen viel zu konservativ.« Die Forschungen am Vernagtferner zeigten, dass die Gletscherschmelze deutlich schneller voranschreite als angenommen. Werden die Sommer in Zukunft so heiß wie die vergangenen Hitzesommer, dann gebe es den Vernagtferner in 80 bis 100 Jahren nicht mehr.
Mit dem neu erworbenen glaziologischen Wissen marschieren wir schließlich auf der Seitenmoräne zum Gletscher. Oben ist es frischer, weil von der Bergspitze ein kalter Wind den Gletscher herabfällt. Große Flächen sind jedoch bereits schneefrei; und anders als erwartet, ist es hier keineswegs still. Der rechte Ort für einen Klangkünstler: Bei jedem Schritt knirscht das Eis unter den Schuhen, überall gluckert es, das Schmelzwasser sammelt sich in Rinnsalen, die zu Bächen zusammenfließen und kleine Canyons ins Eis gegraben haben. An manchen Stellen werden die Bäche breiter, und das Wasser verschwindet in turbulenter Drehung in den sogenannten Mühlen, um durch Tunnel und Hohlräume herabzustürzen und viel weiter unten durch das Gletschertor wieder herauszuströmen. Langsam und lauschend schreitet Kalle Laar übers Eis, auf der Suche nach der geeigneten Stelle für sein Mikrofon.
Doch plötzlich ist eine schnelle Entscheidung gefragt, das Wetter verschlechtert sich, und es wäre für alle Beteiligten ohne Steigeisen auf einem Gletscher im Regen viel zu gefährlich. Kalle Laar wählt eine Stelle nahe dem Gletschertor. Wenn er in ein paar Wochen zurückkehrt, wird er dort mit Matthias Siebers einen Koffer installieren, ausgestattet mit sensibler Elektronik und einer Übertragungseinheit. Geschützt vor Windgeräuschen und dem Wetter, bestückt mit Solar- oder Brennstoffzellen und fixiert in einer Konstruktion aus Metallstangen, damit er bei schmelzender Oberfläche nicht rutscht. Dann braucht er noch eine Richtantenne für eine gute Übertragungsqualität, weil die Mobilfunk-Basisstation zehn Kilometer entfernt hinter einem Berg liegt. Außerdem muss der Ton des Gletschers digital kodiert werden, weil das Mobilfunknetz Rauschen herausfiltert. Aber es hat ja niemand gesagt, dass es leicht ist, einem Gletscher Gehör zu verschaffen.
Information:
Den Gletscher hört man unter Tel. 089/37914058. Die Pegelstation ist auf einem Wanderweg von Vent aus zu erreichen. Bergführer für Gletschertouren zum Vernagtferner vermittelt das Bergsteigerbüro Vent (Tel. 0043-5354/8106), ein Tag mit dem Bergführer kostet 230 Euro für eine oder zwei Personen.
Weitere Informationen
zum Projekt:
www.callingtheglacier.org
zur Expedition Overtures:
www.overtures.de
zum Gletscher:
www.glaziologie.de
zu Vent: Tourismusverband, Tel. 0043-5254/8193,
www.vent.at
zur Webseite des Künstlers Kalle Laar:
www.soundmuseum.com
Zum Reinhören: die Geräusche des Gletschers, aufgenommen von dem Künstler Kalle Laar
am 11.Juni 2007
am 13.Mai 2007
am 1.Mai 2007
- Datum 22.06.2007 - 04:16 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.06.2007 Nr. 26
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