HomosexuelleSchwulsein heute – ganz normal?

Homosexuelle haben Erfolg in Kultur und Politik. Sie prägen ganze Branchen und Stadtviertel. Aber zugleich wächst der Hass auf sie von 

Eine milde Abendsonne taucht den Fußballplatz in ein freundliches Licht – einen Platz mit Maulwurfshügeln und kahlen Stellen im Rasen, die an Mottenlöcher erinnern. Hier ist der ETSV Hamburg von 1924 zu Hause, im Vorort Allermöhe, umgeben von Schreberlauben. Alte Männer sitzen auf Holzbänken vorm Vereinsheim und trinken Bier – heitere Feierabendstimmung. Die Kicker, die heute zu Gast sind, immer montags, spielen nicht unbedingt den elegantesten Fußball, aber einen sehr leidenschaftlichen. Sie haben keine Trainingstrikots, jeder trägt etwas anderes, so geben sie ein buntes Bild ab. Was Fitness und Alter betrifft, reicht die Spanne von durchtrainiert bis pummelig, von Anfang zwanzig bis Mitte vierzig. Es ist die Fußballmannschaft des schwul-lesbischen Sportvereins Startschuss.

Ein Spieler allerdings sticht durch sein Können hervor. Marcus Urban dominiert den Platz. Dem gastgebenden ETSV Hamburg ist der kleine, drahtige Sportler gleich aufgefallen, der Verein hat ihm ein Angebot gemacht. Doch Urban will nicht mehr in einer Liga spielen – nur noch zum Vergnügen. Den Traum von der Fußballkarriere, der ganz großen, hat er vor über zehn Jahren begraben. Der gebürtige Thüringer stand als Nachrücker beim Bundesliga-Zweitligisten FC Rot-Weiß Erfurt unter Vertrag. Er spielte gegen heutige Stars wie Frank Rost, Torwart beim Hamburger SV, oder Thomas Linke, ehemaliger Schalke- und Bayern-Spieler.

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Urban, der damals noch Schneider hieß wie sein Stiefvater, galt als Nachwuchstalent der DDR. Als 13-Jähriger kam er auf ein Sportinternat, er sollte fürs DDR-Nationalteam aufgebaut werden. Dass er schwul war, sei ihm im Grunde längst bewusst gewesen, sagt er, doch er habe es beiseitegeschoben. »Quatsch, Fußballer können gar nicht schwul sein«, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Es ließ sich auf Dauer aber nicht unterdrücken. Groß war seine Angst, Mitschüler oder Trainer könnten ihm etwas anmerken. »Mit 15 habe ich angefangen, Bücher über Psychologie und Körpersprache zu lesen. Es war ein ungeheurer Kraftaufwand, ich habe mich ständig selber kontrolliert.«

Trotzdem konnte er es nicht verbergen, offen gesprochen wurde darüber jedoch nie. Einmal habe der Trainer vor versammelter Mannschaft gesagt: »Ihr könnt ruhig Mädchen mit aufs Zimmer nehmen, das ist kein Problem. Alles andere würde mich enttäuschen.« Da wusste Urban: »Das galt mir.«

Eine verhinderte Karriere, weil man schwul ist – das gibt es durchaus

Die Anerkennung, die er im privaten Leben nicht bekam, fand er auf dem Spielfeld. »Da war ich ungeheuer aggressiv. Ich spielte zentrales Mittelfeld, war ein Spielmacher wie Rafael van der Vaart beim HSV. Wenn ich den Platz verließ, war ich wieder die schüchterne graue Maus. Ich war voller Komplexe.« Mit 23 verliebte er sich beim Studienaufenthalt in Neapel in einen Mann, einen Italiener – und verlor den Boden unter den Füßen. »Ich lag zwei Wochen im Bett, ich hatte Tagalbträume.«

Seine Fußballkarriere brach er ab; er spürte, dass er nicht die Kraft aufbringen könnte, die nötig wäre, um als schwuler Profifußballer zu bestehen. Urban studierte Stadt- und Regionalsoziologie und Architektur in Weimar. In einer Therapie arbeitete er all die Demütigungen der frühen Jahre auf. Es hat lange gedauert, bis er zu sich selbst gefunden hat. Heute, mit 35, arbeitet er als Designer im Atelier Lichtzeichen in Hamburg mit behinderten Künstlern. Er habe seinen Frieden gefunden, meint er. Aber er sagt auch: »Ich glaube, ich hätte das Potenzial für einen Bundesligaprofi gehabt.«

Eine verhinderte Karriere, weil man homosexuell ist – ist das denn heute noch möglich? Schien Schwulsein in den vergangenen Jahren nicht geradezu normal geworden zu sein? Reihenweise haben sich Künstler, Medienschaffende, Politiker als schwul geoutet, ohne dass es ihrem Ansehen geschadet hätte, eher im Gegenteil.

Der zum geflügelten Wort avancierte Satz von Klaus Wowereit, Berlins Regierendem Bürgermeister, »Ich bin schwul, und das ist auch gut so«, wirkte auf manche Heteros fast schon provozierend, so als ob Wowereit Homosexualität über Heterosexualität stellen wollte. Doch der Satz war an die eigene, homosexuelle Gemeinde gerichtet, sich nicht mehr zu ducken – und in der Tat stärkte er deren Selbstbewusstsein. Bis heute, sagt Wowereit, erhalte er Briefe von Frauen und Männern, die ihm für den Mut danken, den er ihnen gemacht habe. Auch Eltern, viele aus der Provinz, schrieben ihm, er habe es ihnen erleichtert, im Kirchenchor oder Sportverein zu ihrem schwulen Sohn zu stehen.

Endlich schienen Homosexuelle in der Gesellschaft angekommen. Wichtigster Meilenstein war das von der rot-grünen Koalition verabschiedete Lebenspartnerschaftsgesetz, das 2001 in Kraft trat und 2002 vom Bundesverfassungsgericht bestätigt wurde. Seither sind schwule und lesbische Paare in vieler Hinsicht Ehepaaren gleichgestellt, zwar nicht in jeder, aber wichtiger ist die Botschaft: Homosexuelle sind akzeptiert, sie müssen ihre Beziehungen nicht länger verstecken. Ihre Sexualität und, wichtiger, ihre Identität werden nicht mehr abgewertet.

Wie viele Homosexuelle es in Deutschland gibt, weiß allerdings niemand. Nirgendwo werden Statistiken geführt; keine Behörde, kein Politiker möchte sich dem Vorwurf aussetzen, »rosa Listen« zu führen. Offiziell hießen sie »Listen der homosexuell Verdächtigen« und sollten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Strafverfolgung von Schwulen erleichtern. So weiß man heute auch nicht, wie viele Paare eine Lebenspartnerschaft nach dem neuen Gesetz eingegangen sind.

Besucht Klaus Wowereit eine Schule, kriegt er Zoten zu hören

Ein großes Verdienst, Homosexuelle im Alltag sichtbarer gemacht zu haben, kommt den Privatsendern zu. In den Soaps von RTL, Sat.1 oder ProSieben nehmen schwule und lesbische Hauptfiguren seit Mitte der neunziger Jahre feste Plätze ein. Amerikanische Serien wie Queer as Folk oder Six Feet Under mit überwiegend schwulen Themen haben sogar Kultstatus erlangt.

Für die öffentlich-rechtlichen Sender dagegen war Homosexualität lange allenfalls ein Talkshow-Thema. Zwar gab es den ersten Fernsehkuss zweier Männer in der ARD -Lindenstraße 1987, doch was für eine Aufregung löste er aus. Beim zweiten Lindenstraßen- Männerkuss, 1990, schaltete sich das Bayerische Fernsehen aus. Sehr fern wirkt das heute. Die Zeit der Klammheimlichkeiten, der Selbstverleugnung scheint vorüber, ebenso wie die bewegte Kampfzeit, die darauf folgte.

Leserkommentare
  1. 1. jap

    aber wenn ein schwuler zusammengetreten wird dann kommt das nichtmal unter "ferner liefen" in den lokalteil, wenn die polizei da überhaupt richtig hilft.
    wird ein schwarzer zusammengetreten, zumal in deutschland, ist die weltpresse vor ort.
    heuchelei überall. da würden selbst gleiche rechte auf dem papier per gesetz nix helfen, echte gleichberechtigung kann man nicht verordnen die muß von den leuten ausgehen. umso schwieriger die zeiten umso größer der hass auf alles abseits der "norm"..

    Eine Leserempfehlung
  2. 2. normal

    So nun bitte nicht falsch verstehen.

    Schwulsein ist nicht normal.

    Es entsricht nun mal nicht dem Durchschnitt.
    Bitte verwendet einanderes Wort um die fehlende Akzeptanz anderer Lebensmodelle auszudrücken.
    Normal ist hier das falsche Wort.

    grüße
    mo

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    Xquer +/- 2,5*SD?

    Wer Normalität am Mittelwert mißt oder am Median, na ja.

    • Buh
    • 03. Juni 2010 2:53 Uhr

    Menschen die Homosexualität als nicht normal bezeichnen, bewezcken damit mesitens eine ausgerenzung homosexueller Menschen, bezwecken häufig Homosexuealität als Abart darszustellen.

    Warum aber sollte es relevant sein ob Homosexualität normal ist, was auch immer dieses ominöse "Normal" bedeuten mag? Es ist doch vollkommen irrelevant ob es normal ist. relevant ist, dass Menschen frei in der entscheidung sein sollten mit wem sie Zusammen sein wollen. Ob das nun eine Bundeskanzlerin, ein türke, ein Mörder ein Gleichgeschlechtlicher oder ein Prinz ist. Am ende zählt, dass die Personen es wollen und es steht niemandem zu, dieses zu verbieten zu unterdrücken und in vielen Ländern dieser Erde mit Todesstrafe oder zumidnest gefängnis zu bestrafen.

    Ob Normal oder nicht ist egal. Weil das kein Wertausdruck ist sondern eine nebensächliche bemerkung. Genauso könnte ich sagen, dass ein Birnbaum inmitten von Apfelbäumen nich tnormal sei, deswegen muss ich aber noch keine Bewertung vornhemen. Vielmehr ist es egal ob ich im Garten auch einen brinbaum habe, am ende ist es doch leckeres Obst ;)

  3. ich denke der Artikel trägt nicht gerade zur Aufklärung bei.

    Schwulsein ist und bleibt eine Abnormalität (die natürlich toleriert werden muss). Optimal wäre es, wenn der Heterosexuelle das Schwulsein nicht beachten würde: es sollte dieselbe Rolle spielen wie z.B. ob jemand ein Albino ist oder nicht.

    Der gegenteilige Effekt wird erreicht, falls das Schwulsein in den Vordergrund gestellt wird. Das passiert sehr oft in den Medien und die Schwulen tragen auch erheblich selbst dazu bei, mit ihren doch wirklich merkwürdigen Parades, öffentlichen Kussorgien usw. Das "coming-out" gehört auch dazu. Waum ein grosses Ereignis daraus machen? Der Schwule sollte das Schwulsein als etwas ganz normales leben, dann werden es auch die anderen so verstehen.

    Im Artikel steht, dass Schwulsein eine Option ist. Das könnte von manchen ganz falsch verstanden werden. Schwulsein ist keine Option, sondern ist für denjenigen eine Notwendigkeit. Sollte man wirklich verstärkt das Schwulsein als eine Option darstellen, so ist verständlicherweise mit Feindlichkeit aus bestimmten Kreisen zu rechnen. Denn so sieht es z.B. der muslimische Vater: er sieht das Schwulsein als Option, irgendetwas hat seinen Sohn verschwult oder er hat sich selbst verschwult und es ist seine Schuld. Sollte er verstehen können, dass es keine Option für seinen Sohn ist, sondern eine Notwendigkeit, so wird er ihn möglichweise akzeptieren.

    Eine Leserempfehlung
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    "Kussorgien"? Aber selbstverständlich. Ich werde mich unterstehen, meine Freundin je wieder in der Öffentlichkeit zu küssen - wenn sämtliche Heterosexuellen Pärchen dies auch einhalten, und auch keine seltsamen Parties mehr feiern, bei denen man sieht, wie sehr sie ihre Jugend und Sexualität betonen. Sie sollten einfach zu Hause bleiben und daraus keine große Sache machen. Schweigen wir einfach weg, dass es Menschen gibt, die nicht der Norm entsprechen, denn die Norm, nun, die Norm ist ja der oberste Wert der deutschen Leitkultur - sie muss eingehalten und beschützt werden, und alles, was nicht der Norm entspricht, muss sich ruhig verhalten und nicht darauf hinweisen, sonst könnte noch jemand auf die Idee kommen, es wären nicht alle gleich.

    Lieber bspiesser, sie "müssen" nicht "tolerieren", sondern akzeptieren. Schwule sind Menschen wie sie. Ganz genauso wie sie, mit den gleichen Bedürfnissen und auch den gleichen Rechten, auch wenn das gerne vergessen wird.

  4. "Vor allem zwischen Schwulen und Ausländern haben die Spannungen zugenommen."
    Hat diesen Satz eigentlich noch einmal jemand durchgelesen? Ist niemandem aufgefallen, was das für ein absoluter Unsinn ist?

    Die Reaktionen auf diesen Artikel schockieren mich zutiefst, fast so sehr wie der sehr einseitige Inhalt dieses Artikels. Wie so gern werden Lesben ausgelassen. Es ist natürlich viel interessanter über arme, geschundene Männer zu berichten, die es dann doch nicht schafften, Profifussballer zu werden als über die Millionen Frauen, deren Sexualität in Deutschland nicht ernst genommen, verschwiegen, wegretuschiert oder ausgelassen wird wie in diesem Artikel. Lesben sind nicht einfach schwule Frauen, und sie existieren auch außerhalb des politisch korrekten post scriptum hinter "Schwule und...".

    Und "Kussorgien", lieber bspiesser? Nur wenn Heteropärchen sich auch bereit erklären, in der Öffentlichkeit ihre Neigung nicht mehr zu zeigen.

  5. "Kussorgien"? Aber selbstverständlich. Ich werde mich unterstehen, meine Freundin je wieder in der Öffentlichkeit zu küssen - wenn sämtliche Heterosexuellen Pärchen dies auch einhalten, und auch keine seltsamen Parties mehr feiern, bei denen man sieht, wie sehr sie ihre Jugend und Sexualität betonen. Sie sollten einfach zu Hause bleiben und daraus keine große Sache machen. Schweigen wir einfach weg, dass es Menschen gibt, die nicht der Norm entsprechen, denn die Norm, nun, die Norm ist ja der oberste Wert der deutschen Leitkultur - sie muss eingehalten und beschützt werden, und alles, was nicht der Norm entspricht, muss sich ruhig verhalten und nicht darauf hinweisen, sonst könnte noch jemand auf die Idee kommen, es wären nicht alle gleich.

    Lieber bspiesser, sie "müssen" nicht "tolerieren", sondern akzeptieren. Schwule sind Menschen wie sie. Ganz genauso wie sie, mit den gleichen Bedürfnissen und auch den gleichen Rechten, auch wenn das gerne vergessen wird.

  6. Lieber m077fds,

    eben doch. Homosexualität ist eine Variation der Sexualität, die es immer gegeben hat und es immer geben wird. Genauso wie Rothaarige, die sind auch in der Minderzahl, trotzdem sind sie Teil einer normalen Haarfarben-Palette. Bestehen sie auch darauf, Rothaarige als nicht normal zu bezeichnen? Ich kann überhaupt nicht verstehen, was ihnen daran so wichtig ist.

    Ich kann es noch weniger verstehen, dass sie nach dem Lesen dieses Artikels, in dem ein talentierter Sportler aufgrund seines Schwulseins keine Karriere machen kann, in dem es darum geht, dass Leute ihren Söhnen "in die Fresse hauen" wollen, wenn sie schwul wären, in dem ein junger Mann von drei anderen Männern brutalst zusammengeschlagen wird und dabei nur ein Fall von sehr vielen ist, dass ihnen nach der Lektüre dieses Artikels nichts anderes als Kommentar einfällt, als darauf zu bestehen, dass Homosexualität nicht normal ist....das find ich absolut nicht normal.

  7. Mothwing, Sie haben Recht: "akzeptieren" ist das bessere Wort.
    Kussorgien in der Öffentlichkeit halte ich bei Heteropärchen für genauso unangebracht. Ist also keine Diskriminierung. Da bin ich vielleicht doch etwas spiessig.

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    dann ist ja alles in Ordnung. Ich kann es voll und ganz verstehen, wenn jemanden so etwas stört, ich denke auch nicht, dass es unbedingt sein muss - aber es muss erlaubt sein, ohne, dass sich alle umdrehen, starren und tuscheln - was nicht nur fürs Küssen gilt, sondern auch für's Händchenhalten. :) Daher "akzeptieren". Vielen Dank für die Antwort!

  8. dann ist ja alles in Ordnung. Ich kann es voll und ganz verstehen, wenn jemanden so etwas stört, ich denke auch nicht, dass es unbedingt sein muss - aber es muss erlaubt sein, ohne, dass sich alle umdrehen, starren und tuscheln - was nicht nur fürs Küssen gilt, sondern auch für's Händchenhalten. :) Daher "akzeptieren". Vielen Dank für die Antwort!

    Antwort auf "Nachtrag"

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