DIE ZEIT : Frau Sherman, es hat lange gedauert, Sie für ein Interview zu gewinnen. Ihr Galerist sagte mir, Sie seien sehr schüchtern und würden grundsätzlich nicht gerne Auskunft über Ihre Arbeit geben, stimmt das?

Cindy Sherman : Meine Zurückhaltung hat weniger etwas mit Schüchternheit zu tun. Ich rede einfach nicht gerne über meine Arbeit. Wenn ich es zu oft tue, habe ich das Gefühl, mich zu wiederholen. Und wenn ich das, was ich angeblich gesagt habe, dann lese, weiß ich manchmal nicht mehr, ob ich das wirklich gedacht habe oder ob ich es irgendwo über mich gelesen habe. Oder ich bezweifle selbst, was ich mit einer bestimmten Arbeit sagen wollte. Ob mir in dem Moment, als ich sie gemacht habe, wirklich diese Gedanken durch den Kopf gingen. Die Leute sollen sich lieber selbst ihre Meinung bilden, sie brauchen nicht auf mich zu hören . Es ist ganz schön verrückt, was schon alles in meine Arbeit hineininterpretiert wurde. Ich lese das aber alles mit großem Interesse.

ZEIT : Sie lassen sich nicht nur ungern befragen, Sie arbeiten auch immer allein. Warum?

Sherman : Ich habe zwei Mal versucht, mit Assistenten zu arbeiten, aber dabei hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass ich sie unterhalten müsste und irgendwie beschäftigt aussehen sollte, nur ihretwegen. Wenn ich alleine bin, habe ich das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Im täglichen Leben habe ich dieses Gefühl nicht. Wenn ich alleine arbeite, habe ich eine gewisse Macht. Es hat etwas Befreiendes, und es spielt keine Rolle, was ich tue. Wenn mir eine Arbeit nicht gefällt, zeige ich sie eben nicht.

ZEIT : Produzieren Sie viel, was Sie letztlich nicht zeigen?
Sherman : Nicht so viel wie andere Fotografen. Ich probiere vorher viel aus. Die Testphasen, bis ich zu dem Bild gelange, das ich machen will, sind sehr lang und aufwendig. Ich arbeite auch mit Polaroids und verschieße deshalb nicht so viele Filme.

ZEIT : Sind Sie streng mit sich selbst? Sind Sie eine Perfektionistin?

Sherman : Oh ja, das kann man wohl sagen. Manchmal beneide ich Maler oder Leute, die für ihre Arbeit einfach nur ein Blatt Papier brauchen. Bei meiner Art zu arbeiten kann ich mich einfach nie von einer spontanen Eingebung leiten lassen. Wenn die Kamera und das Licht aufgebaut sind, kann ich nicht einfach etwas anderes machen, was mir gerade so einfällt. Alles ist genauestens durchgeplant. Ein guter Vergleich ist vielleicht der Dreh eines Films. Wenn die Schienen gelegt sind und das Setting einmal steht, kann man nicht mehr alles von einem Moment auf den andren ummodeln…

ZEIT : Ihr ganzes Werk wirkt sehr strukturiert und gradlinig. Wie gehen Sie vor? Arbeiten Sie immer nur an einem Thema?

Sherman : Ich habe keine strenge Methode, nach der ich vorgehe. Manchmal mache ich mir kleine Notizen zu Kostümen oder Requisiten, die ich für ein bestimmtes Bild benutzen will. Manchmal sind es bestimmte Gesten, die mich inspirieren. Es ist mehr eine visuelle Vorgehensweise, die weniger mit Schauspielerei zu tun hat. Ich posiere ja nur und bewege mich nicht wie in einem Film. Manchmal arbeite ich stundenlang nur an irgendwelchen Ausdrücken oder Posen, bis ein bestimmter Wesenszug einer Figur zum Vorschein kommt. Dann konzentriere ich mich auf dieses Element und fotografiere so lange, bis ich diesen bestimmten Ausdruck gefunden habe.