Viele kennen ihn nicht. Die andern aber lieben ihn. Gerhard-Meier-Leser sind treue Leser. Am 20. Juni wird er neunzig. Und das muss auch so sein. Denn spät hat er angefangen mit dem Schreiben, aber sein Umweg dorthin war von großer Konsequenz: Vielleicht begann der schon mit seinem Vater, der, tatsächlich ein Schweizer Schweizer, auf Bauernhöfen in Norddeutschland sein Geld verdiente, auf Rügen seine Frau fand und nach Jahren erst in die Schweiz zurückkehrte und sich – Meier-Leser kennen dieses Wort – in Niederbipp am Fuß des Juras einrichtete. Dort wurde Gerhard Meier als sechstes und letztes Kind geboren, während um die Schweiz herum die Kaiser- und sonstigen Reiche Europas sich heftig zerfleischten und Lenin gerade erst die Schweiz verlassen hatte. Der Vater wurde dann Pfleger in einem Züricher Irrenhaus, die Mutter, die laut Sohn ein grausliches Kauderwelsch sprach, hütete derweil das Haus.

Keine Handlung im üblichen Sinn – und es bewegt sich doch

Meier begann ein Hochbaustudium und gab es wieder auf, heiratete mit zwanzig, arbeitete für eine Lampenfabrik, der er drei Jahrzehnte treu blieb. Dann aber will er Dichter werden, quittiert den Dienst und lässt die Frau das Nötige als Kioskverkäuferin verdienen: Bisweilen bringt er ihr dorthin, was er zu Haus gekocht hat, und sie verzehren es am Stand. Er schreibt Gedichte, Prosaskizzen folgen, Romane, dann eine Trilogie, die er überraschend zu einer Tetralogie erweitert. Dann lange nichts, ohne dass er deswegen verstummt wäre: Ein umfangreiches Gesprächsbuch mit Werner Morlang über Arbeit und Leben ergänzt die Liste seiner einzigartigen Bücher auf eindringliche Weise. Zuletzt schließlich ein Buch der Trauer, geschrieben nach dem Tod seiner Frau Dorli, mit der er das Leben sechs Jahrzehnte geteilt hatte. Wer dieses Paar einmal erlebt hat – etwa bei den jährlichen Ausflügen zum Petrarca-Preis, den 1983 auch er bekommen hat –, der weiß, was für eine sänftigende Wirkung von den beiden ausgehen konnte.

Eigenwillig, eigensinnig, ja eigenbrötlerisch sind die Bücher dieses Autors, sehr eigen jedenfalls. Nichts Dramatisches treibt sie voran; Ereignisse gibt es nur im etymologischen Sinn dieses Wortes: etwas, das unter die Augen kommt. Kaum Handlung im üblichen Sinn – und es bewegt sich doch. Es ist ein monologisches Erzählen: Meier erfindet Meiersche Figuren und lässt die reden, berichten, vor allem aber sich erinnern. Er sagt daher einmal: »Ich glaube, die stärksten Sachen in der Kunst sind jene, die aus der Erinnerung aufsteigen, weil das Abgelebte, das Entschwundene, Unwiederbringliche unwillkürlich einen abendlichen Glanz erhält.« Marcel Proust zählt daher nicht von ungefähr zu seinen Hausgöttern, er schätzt an ihm, was er dessen Unangestrengtheit nennt. Aber auch Claude Simon ist ihm nahe, ebenso wie der doch ganz andere Tolstoj (Borodino heißt ja einer von Meiers Romanen), vor allem aber – wen wollte es wundern – Robert Walser. »Vielleicht der größte Spracharabeskler«, sagt er von ihm.

Mit Walser wird er denn auch häufig zusammen gesehen. »Die Stillen im Lande« pflegt man dann zu sagen – als ob es keine Stillen in den Städten gäbe. Hallo, ihr in den Leseecken, das ist (die Bücher gibt es bei Suhrkamp) euer Autor! Der übrigens auch sehr witzig sein kann: Sein Roman Der Besuch, wo einer in Zimmer 212 auf einen Besuch wartet, der nie kommt, und sich stattdessen an Besuche erinnert, die er selbst gemacht hat, lässt uns an einem Spagetti-Essen teilnehmen, gegen das Bernhards Brandteigkrapfen eine manierliche Mahlzeit sind. Tatsächlich sehen Meiers Monologe von Weitem bisweilen wie Bernhard aus, von Nahem dann aber wie Handke. Seltsam.

Im Übrigen wandelt sich Meiers anfangs etwas verschnörkelte Fantasie von Buch zu Buch in eine Art Wahr-Nehmung, die die Gestorbenen und Verlorenen wiederfindet, die dem Banalen und Alltäglichen Aufmerksamkeit schenkt – er spricht von der »Schönheit der Hässlichkeit« –, die aber vor allem, uns am meisten bewegend, einem in Jahren und Geduld gereiftem Lebenswissen Gültigkeit gibt. Peter Handke nennt es sehr treffend »eine von Satzspirale zu Satzspirale sich fast unmerklich fortspinnende Lebenslehre«. Und Meier selbst sollte man da mit folgendem Zitat zu Wort kommen lassen: »Zur Funktion der Kunst wäre vielleicht zu sagen: Kunst könne einen nicht heiler machen. Kunst könne einen nicht einfacher und somit nicht tüchtiger machen. Kunst könne einen höchstens für Augenblicke glücklich und vor allem menschlicher machen, was aber keine Kleinigkeit sei, denn das Gegenteil von menschlich sei ja eben unmenschlich. Wobei es sich erübrige, näher einzugehen auf die Unmenschlichkeit.«