Schönheit "Die Freude am Unregelmäßigen"
Der Wissenschaftsautor Stefan Klein fragt den Chemiker und Nobelpreisträger Roald Hoffmann nach den Gesetzen des Schönen. Auftakt einer Gesprächsreihe über die großen Fragen.
Professor Hoffmann, haben Sie ein Lieblingsmolekül?
Hämoglobin – den roten Farbstoff des Bluts. Es ist ein Molekül von geradezu barocker Pracht. An die 10000 Atome, die meisten Wasserstoff und Kohlenstoff, sind zu vier Ketten verbunden, die einander umschlingen. Das Ganze ähnelt vier Bandwürmern beim Liebesakt.
Völlig verworren...
Ja, aber nur auf den ersten Blick. In Wirklichkeit herrschen da Unordnung und Ordnung zugleich. Denn die meisten Kurven haben sehr wohl einen Sinn. So sind zwischen den Windungen der Ketten vier Scheiben eingeklemmt, die Häme. Genau in deren Mitte sitzt ein einsames Eisenatom. Daher auch die rote Farbe. An das Eisen bindet sich der Sauerstoff, den wir atmen. Doch jedes Häm nimmt nur ein, zwei Atome Sauerstoff auf.
10.000 Atome, um ganze acht Sauerstoffatome zu verpacken? Was für eine Verschwendung.
Aber wunderschön. Finden Sie nicht?
Frauen können schön sein, Eiskristalle sind schön. Wir können sie sehen. Ihr Hämoglobin dagegen zeigt sich noch nicht einmal unter dem Mikroskop.
Musik sehen Sie auch nicht, schön ist sie trotzdem. Viel entscheidender als Ihre Sinneswahrnehmung ist, welches Interesse Sie für einen Gegenstand empfinden. Das Empfinden der Schönheit entsteht aus einer Spannung zwischen Ihrem Verstand und dem Objekt. Doch Sie haben recht: Irgendwoher muss das Interesse kommen. Eine sinnliche Anziehung steht immer am Anfang.
Bei einem attraktiven Körper vielleicht. Aber Chemie? Ich habe Ihre Wissenschaft sozusagen vom ersten Tag an eingesogen. Vater Chemiker, Mutter und Großmutter Chemikerinnen, und schon mein Urgroßvater leitete eine chemische Versuchsanstalt bei Wien. Trotzdem konnte ich Chemie nie anders als langweilig finden. Ich fürchte, den meisten Menschen geht es so.
Hatten Sie als Junge ein kleines Chemielabor?
Nein.
Sehen Sie: Die sinnliche Seite ist Ihnen entgangen. Chemie ist interessant, weil es raucht, knallt und stinkt. Die Anziehung kommt daher.
Mag sein. Und doch bezweifele ich, dass ein Molekül wirklich auf die gleiche Weise schön sein kann wie ein Kunstwerk.
Die Gewichte sind unterschiedlich. Bei Kunst spielt die Emotion, in der Wissenschaft der Verstand eine größere Rolle. Sehen Sie sich zum Beispiel das Bild da über meinem Schreibtisch an. Es zeigt ein Idol von den Kykladen, 5000 Jahre alt. Wenn ich diesen Frauenkörper aus Marmor ansehe, denke ich wenig darüber nach, welchen Einfluss die ägyptische und die kykladische Kunst aufeinander ausgeübt haben. Schon wenn ich die Statue sehe, bekomme ich ein warmes Gefühl. Aber jetzt betrachten Sie das ekstatische Frauengesicht auf dem Bild daneben. Es ist die heilige Theresa, eine Skulptur des Barockkünstlers Bernini. Da spielt der Verstand schon eine größere Rolle. Theresa spricht mich nicht nur wegen ihres Aussehens an, sondern auch, weil sie als christliche Nonne einen jüdischen Großvater hatte und mich weibliche Visionen interessieren. Schließlich war dies die einzige Weise, auf die sich Frauen in einer männlichen Kirche ausdrücken konnten. Die Skulptur erzählt mir eine Geschichte. Da ist eine Spannung zwischen dem Kunstwerk und mir.
Das Hämoglobin...
...erzählt ebenfalls eine Geschichte. Die Ketten sind so gewickelt, dass sich zwischen ihnen eine Art Tasche bildet, in die Sauerstoff in der Lunge perfekt hineinschlüpfen kann. Wenn der Fahrgast Platz genommen hat, ändert das Molekül seine Form, es klappt gewissermaßen zu. Dadurch wechselt die Farbe, das Blut wird hellrot. Im Gehirn oder in einem Muskel gibt das Hämoglobin den Sauerstoff frei, indem die Ketten wieder ihre frühere Form annehmen. Darum ist Venenblut purpurrot. Wie dieses Molekül durch die Adern reist und sich dabei ständig verwandelt, finde ich so spannend wie die Geschichte des Odysseus.
- Datum 29.06.2007 - 04:35 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 21.06.2007 Nr. 26
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Ich sag's gleich am Anfang: Vielen Dank für dieses Gespräch! Besonders dankbar bin ich für den unvoreingenommenen Blick auf die Schönheit – Hämoglobin und die heilige Theresa ringen um unsere Gunst. Aber so ist es doch oft: Die Schönheit überrumpelt uns an Orten, wo wir sie oft nicht erwarten.
Dankbar bin ich auch für die Erinnerungen von Prof. Hoffmann. Diesen Frieden über meine Vergangenheit (im weitesten Sinne) möchte ich später auch haben.
Und schlussendlich bin ich auch dankbar für das Bild der Wissenschaftler, das dieser ZEIT-Lebens-Artikel für mich wieder ein bisschen zurechtgerückt hat.
Danke!
Dem Lob von "credonaut" kann ich mich nur anschließen. Vor allem Hoffmanns Einsicht in die Ordnung in der Unordnung (oder war es umgekehrt?) ist faszinierend. Eine weitere wichtige Erkenntnis daraus: So wie der Hass der Bruder des Hässlichen ist, ist die Schönheit die Schwester der Versöhnung.
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