Schönheit "Die Freude am Unregelmäßigen"Seite 5/5
Ärgert es Sie, dass viele Menschen Wissenschaftler als gefühllose Vernunftmenschen ansehen – Mr. Spock im Labor?
Und wie es mich ärgert. Aber die Wissenschaftler sind ja selbst schuld daran. Erstens beschreiben sie ihre Forschung in einem grauenhaften Stil, in dem alles Persönliche außen vor bleibt – als würde die Arbeit von Automaten erledigt. Und dann lassen sie auch noch durchblicken, Wissenschaftler müssten supergescheit sein. Was sie nicht sind.
Der Nobelpreisträger erklärt uns, er sei auch nicht klüger als andere?
So ist es.
Was zeichnet Forscher denn aus?
Zuallererst ihre Neugier. Aber die empfinden auch andere Menschen. Wissenschaftler allerdings sind Teil eines Systems, das die Neugier nutzbar macht. Es ist wie ein Puzzle, an dem Hunderttausende spielen. Wenn ein Forscher ein bestimmtes Problem lösen möchte, kann er auf das zurückgreifen, was andere vor ihm veröffentlicht haben. Er kann bei Kollegen nachfragen. Und schließlich – das ist ganz wichtig – bekommt er Lob dafür, wenn er selbst seine Lösung veröffentlicht. Auch wenn es nur ein ganz kleiner Schritt war: Das spornt ihn an. Denn Forschung besteht aus unendlich vielen solcher kleinen Schritte.
Das gilt für alle Ihre Kollegen. Weshalb waren Sie erfolgreicher?
Vielleicht, weil ich mich besser in andere Menschen hineindenken kann. Ich besaß immer ein ganz gutes Gespür dafür, welche Schwierigkeit meine Kollegen im Labor gerade plagte – auch wenn sie es gar nicht sagten. Und genau dieses Problem habe ich dann gelöst. Diese Gabe zur besonderen Empathie mag ich meiner Kriegserfahrung verdanken. Einen besonderen Wunsch, zu gefallen, findet man häufig bei Menschen, die früh Entsetzliches durchgemacht haben. Ein Kind, dessen Vater erschossen wird oder auch nur eine Scheidung durchlebt, fühlt sich schuldig für die Übel der Welt. Es will zeigen, dass es ein gutes Kind ist.
An dem, was Sie erlebt haben, sind andere verzweifelt. Was nährt Ihren Optimismus?
Jedes Lächeln auf dem Gesicht meiner Enkelkinder bestärkt mich in der Hoffnung, dass sie mit dem Klimawandel schon fertig werden, auch wenn ich nicht weiß, wie. Das ist es, was ich in der Kunst wie in der Wissenschaft finde: Beide ermutigen mich zum Glauben an den nie versiegenden Einfallsreichtum des menschlichen Geistes. Um ihn möglichst oft zu erfahren, beschäftige ich mich mit dem Schönen und Interessanten. Und schließlich versuche ich ganz konkret, die Zuversicht am Leben zu halten. Sehen Sie die Runde auf diesem Foto?
Es sind Studenten. Sie kochen.
Es sind angehende Chemiker aus allen Ecken des Nahen Ostens: Syrer, Israelis, Palästinenser, Saudis, Iraner. Junge Männer und Frauen. Wir haben sie kürzlich in Jordanien zu einer Konferenz zusammengebracht. Während in ihren Heimatländern die Bomben hochgehen, versuchen sie Molekülbindungen zu verstehen, neun Stunden am Tag. Die Arbeit ist hart, doch die gemeinsame Plackerei lässt sie am Abend umso ausgelassener sein – und schweißt sie zusammen. Moleküle sind nur der Vorwand, um menschliche Bindungen zu schaffen. Solche Experimente lassen mich hoffen.
Chemienobelpreisträger Roald Hoffmann (hier auf dem Campus der Cornell-Universität) veröffentlicht Formeln – und Verse. Der Biophysiker und Bestsellerautor Stefan Klein spricht mit ihm über die Anmut des Elementaren
Roald Hoffmann wurde 1937 als Kind einer jüdischen Familie in einer Kleinstadt nahe dem damals polnischen, heute ukrainischen Lemberg geboren. Die deutsche Besatzung überlebte er in einem Dachverschlag versteckt. Nach dem Krieg studierte er in den Vereinigten Staaten Chemie. Mit gerade einmal 26 Jahren machte er seine erste bahnbrechende Entdeckung: Gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Woodward fand er Regeln, mit denen sich chemische Reaktionen vorhersagen lassen. Dies trug ihm den Nobelpreis ein.
Wissenschaftler verweisen gern auf die Menge ihrer Veröffentlichungen. Hoffmanns Liste ist 500 Titel lang und wächst weiter. Zwischen den Fachartikeln finden sich Essays über Schönheit, Kunst, jüdische Geistesgeschichte – und vier von der Kritik gelobte Gedichtbände. Zurzeit arbeitet Hoffmann an seinem dritten Theaterstück.
Stefan Klein ist promovierter Biophysiker. Der 42-Jährige hat die Bestseller „Die Glücksformel“ und „Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist“ geschrieben. Klein (Bild rechts) wird von nun an regelmäßig für uns Gespräche mit Wissenschaftlern führen: Über die großen Fragen, auf die wir keine letzten Antworten haben
- Datum 29.06.2007 - 04:35 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 21.06.2007 Nr. 26
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Ich sag's gleich am Anfang: Vielen Dank für dieses Gespräch! Besonders dankbar bin ich für den unvoreingenommenen Blick auf die Schönheit – Hämoglobin und die heilige Theresa ringen um unsere Gunst. Aber so ist es doch oft: Die Schönheit überrumpelt uns an Orten, wo wir sie oft nicht erwarten.
Dankbar bin ich auch für die Erinnerungen von Prof. Hoffmann. Diesen Frieden über meine Vergangenheit (im weitesten Sinne) möchte ich später auch haben.
Und schlussendlich bin ich auch dankbar für das Bild der Wissenschaftler, das dieser ZEIT-Lebens-Artikel für mich wieder ein bisschen zurechtgerückt hat.
Danke!
Dem Lob von "credonaut" kann ich mich nur anschließen. Vor allem Hoffmanns Einsicht in die Ordnung in der Unordnung (oder war es umgekehrt?) ist faszinierend. Eine weitere wichtige Erkenntnis daraus: So wie der Hass der Bruder des Hässlichen ist, ist die Schönheit die Schwester der Versöhnung.
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