Roman Der Sommer des Lebens
Arnold Stadler erzählt in »Komm, wir gehen« von drei Arten der Liebe – und drei Arten, davor zu fliehen.
Die verzwickte Beziehungsgeschichte beginnt wie ein Film. Ein Augusttag auf Capri im Jahr 1978. Auf einem Badetuch sitzt ein deutsches Pärchen und genießt die von O sole mio vibrierende Luft. Ein Fremder bittet um einen Schluck Wasser und rückt mit seinem Badetuch näher. Mit einer Leichtigkeit, die Capri und dem Meer gerecht wird, blendet der Autor voll in die Sonne des Anfangs einer Liaison à trois.
Arnold Stadler hat ein Buch über die Liebe geschrieben, wie er noch nie über die Liebe geschrieben hat. Niemand kann die Liebe neu erfinden, aber jeder fragt sich zu jeder Zeit, was das eigentlich ist. Also hat Arnold Stadler ein Buch der Fragen: »Was ist lieben? Ist es ein Tuwort?«, und ein Buch der Antworten geschrieben: »Das war die Liebe: das Warten auf die Liebe.« Das verzwickte Liebesbuch ist nicht wie andere verzwickte Liebesbücher. Es ist ein trauriges Buch über eine versuchte Liebe zwischen Mann und Frau und Mann und Mann. Schöne Bücher sind fast immer traurig.
Niemand sonst schildert das Leiden am Unzeitgemäßen mit solchem Witz
Arnold Stadler schreibt ergreifend einfach. Seine Absage an modische Storytendenzen ist unumstößlich. In keinem seiner Bücher steckt ein amerikanischer Drive, nirgends tönt ein affirmatives »hey« oder »okay«. Stadler, der südbadische Bauernsohn, verehrt große einheimische Denker und die Langsamkeit, die das Denken nun mal bedingt. Die topografische Nähe seines eigenen Elternhauses zu Meßkirch und zu Kreeheinstetten, den Geburtsorten Stadlers, Heideggers und des wortgewaltigen und deftigen Predigers Abraham a Sancta Clara, hat auf seinen Geist eingewirkt. Philosophie, Theologie und eigene Kenntnisse der Landwirtschaft sind Teil von Stadlers üppiger Aussteuer. Die Tiefe des Denkens und Glaubens wird vom Witz abgefedert und aufgefangen. Arnold Stadler und der Witz!
Gewitzt stimmt auch, aber Witz ist klarer. Sein gesamtes Werk ist bestimmt von der Lust und dem Leiden am Unzeitgemäßen, weil seine Zentral- und Lieblingsfigur der Verlierer ist. Ein Taugenichts, der durch die Welt zwitschert, um sie zu verstehen und von ihr missverstanden zu werden. Stadlers Ich-Sager startet in fast all seinen Büchern aus der Beschränktheit des Dorfes in die Beschränktheit der Welt. Stadlers Ei des Kolumbus ist das Selbst. Dieses Selbst sieht sich als tragisch komischen Außenseiter, als Person, die sich wundert und deshalb viel mehr als die anderen erfährt.
Arnold Stadlers Romane sind nicht jedermanns Sache. Sie handeln auf unterschiedliche Weise davon, wie man sich an Glanz und Gloria vorbei durchs Leben manövriert. Immer sind es archaische Inhalte und manchmal auch archaische Titel, wie Mein Hund, meine Sau, mein Leben oder Der Tod und ich, wir zwei.
Der Erzähler von Komm, gehen wir, der eindeutige Ähnlichkeiten mit dem Erzähler aus vorangegangenen Stadler-Büchern hat, ist raffinierter und anspielungsreicher geworden. Er springt federleicht durch die Zeit und die Erzählperspektiven und dirigiert die Auf- und Abtritte seines Personals. Wenn es mir gefällt, sagt der Erzähler wie ein Zögling Calvinos, verschwinde ich aus der Geschichte. Und Schluss.
Bevor Komm, gehen wir, sein bis jetzt umfangreichster Roman, erschien, hat Arnold Stadler sich in Schriftstellernächstenliebe geübt und ein Buch über seinen Adalbert Stifter geschrieben, der im neuen Roman auch einen kleinen Auftritt hat. Wer wissen möchte, wen und was Stadler schätzt, kann in der Sammlung Tohuwabohu seine Lieblingstexte aus Bibel, Lyrik und vom Schwarzseher E. M. Cioran nachlesen. Cioran erkannte »Glück« darin, »die Hölle in uns selbst entdeckt zu haben«. Diese dunkle Wanderung mutet Stadler seiner von Frau und Sohn und Freund verlassenen Hauptfigur zu.
Arnold Stadler hat in den vergangenen Jahren Luft geholt für einen umfassenden, mindestens drei Menschenleben mit Vor- und Nebenfamiliengeschichten erzählenden Roman, der nichts Geringeres zum Thema hat als »ach, das Leben«. Dieses »ach« umfasst alles. Auch die Liebe. Liebe nach Stadlers Art.
Im Zentrum von Komm, gehen wir probieren drei Personen drei Arten zu lieben und drei Arten der Flucht: der 23-jährige Roland, der das Studium des Balletts und der Landwirtschaft abgebrochen hat und bei der Philosophie gelandet ist, und die gleichaltrige Rosemarie, die schnurstracks Medizin studiert, und Jim, ebenfalls 23, ein Amerikaner italienischer Herkunft. Rosemarie kommt aus einer ostwestfälischen Arbeiterfamilie, Roland aus einer südbadischen Tierarztfamilie – und Jim? Jim kommt aus Scranton, wo seine Vorfahren aus der Basilicata, jener armen, verlassenen Gegend, von der Carlo Levi in Christus kam nur bis Eboli erzählt, gelandet sind. Soziale Milieus werden bei Stadler immer am Stand des freien Bauern gemessen, da mitzuhalten ist schwer.
Rosemarie und Roland, die sich auch Romy und Rolly nennen, möchten braun werden, das Meer sehen und »sonst gar nichts«. »Komm, gehen wir«, haben sie sich gesagt, »und sie gingen.« Roland und Rosemarie wollen heiraten, »müssen« aber nicht! Es ist ein langer Weg von Capri über Rom, den Petersplatz, Papsttod und Papstwahl zurück nach Freiburg. Im Schlusskapitel des Romans sind seit jenem sehnsüchtigen italienischen August elf Jahre vergangen. Roland fliegt nach Miami zu Jim. Der Autor straft sich nicht mit einem Happy End, sondern gibt eine weitere »kleine Antwort« auf die große Frage: War es Liebe? »Es war«, erkennt Roland, »die Illusion des Glücks.«
Ein Liebesroman über die Unmöglichkeit der Liebe
Arnold Stadler ist der Autor der Anzüglichkeit, der lustigen und biestigen Verweise, des Schalks, und nur er selbst weiß, wie viel Zitate in das Buch eingegangen sind. Niemand muss bei jeder Höhle an Platon, bei jeder Plastikflasche an Mülltrennung und bei Allerseelen an Pasolinis Todestag denken. Ganz falsch ist es allerdings auch nicht.
Als der junge fremde Mann auf Capri zu dem deutschen Pärchen »I am Enzo, call me Jim« sagt, könnte der Liebesfilm beginnen, und er tut es auch. Mit Rolands und Jims heterosexuellem Liebeserleben und Rosemaries Schamlosigkeit. Roland und Rosemarie verlieben sich beide in Jim. Jim ist in ihr Zimmer in der Pension Tosca gezogen, und wir befinden uns wie zwischen Cathérine, Jules und Jim, zwischen Jeanne Moreau, Oskar Werner und Henri Serre. Stadler hat Truffauts wackelige Handkamera aus Jules und Jim übernommen, die das Stolpern der Seelen einfängt. Nur die Rollen sind anders verteilt. Truffauts Favoritin war Cathérine, Stadlers Projektionsfigur ist Jim. Erotische Versuchung für den sanftmütigen Roland und die saftig unsympathische Rosemarie. Wie Truffauts Cathérine wird Rosemarie schwanger, und Roland ist der Vater, aber nicht der Erzeuger.
Komm, gehen wir ist ein Roman über die Unmöglichkeit zu lieben. Das Buch enthält mindestens dreißig herrliche einfache Kernsätze über die Kompliziertheit der Liebe, über die Sehnsucht nach der Liebe und das Begehren eines Schwulen. »Linkshänder im Kopf« heißt das im Roman, der zeigt, dass der Mensch die Tendenz hat, die besten Tage des Lebens zu übersehen, weil er denkt, dass noch bessere kommen. Oder weil er, was noch wahrscheinlicher ist, nicht unterscheiden kann, was Liebe ist und was nicht! »Laufstall-Leben«, auch so ein Stadler-Wort.
Komm, gehen wir ist ein Roman über die Versuchung. Die Versuchung, sich verführen zu lassen, dann wegzulaufen und sich wie ein Kind hinter der eigenen Hand zu verstecken. Es ist ein Buch über das Grauen, das von tüchtigen, zielorientierten Frauen ausgehen kann. Komm, gehen wir ist überhaupt kein nettes Buch über Frauen. Rosemarie, Hermine und andere Nebenfiguren, Tante Paula ausgenommen, sind zum Fürchten.
Komm, gehen wir ist auch ein Buch über die späten siebziger Jahre. Roland, dieser unmögliche Liebende, diese herzzerreißend untüchtige Figur, steht quer zur Zeit. Er ist der Beobachter, der um den Preis des Zusehens nicht mitspielen kann. Jim schläft mit Rosemarie und Hermine, und Rosemarie wieder mit einem anderen. Roland ist der Einsame, der Schriftsteller wird, weil er alles in einem Buch aufschreiben muss und ahnt, dass er mit »seinen kleinen Sätzen niemals in der großen Welt landen« wird. Roland, der Chronist des Unglücks, erkennt, dass die Liebe eine »Tür war, die nach innen« aufging.
Der Roman ist eine Mehrfach-Hommage: an Pasolini, an Truffauts Jules und Jim und an Julien Green, den amerikanischen Konvertiten, der in vielen seiner vielen Bücher den Konflikt zwischen religiösem Glauben und Homosexualität beschreibt. Der leicht kriminelle dunkellockige Verführer Jim ist die Wiedergeburt Adrians aus Stadlers Roman Ein hinreißender Schrotthändler.
Roland tröstet sich mit Verzweiflungsschnulzen Udo Lindenbergs, und Arnold Stadler ruft Roland »Kopf hoch!« und andere unmögliche Weisheiten zu und mischt die Dummheiten des allgemeinen Lebens mit Spott: »Wie war’s? – War’s schlimm?« Hier endet sein Tag-und-Nacht-Flug querfeldein durchs Gelände von Mann und Mann und Frau. Komm, gehen wir ist ein starkes, leicht geschriebenes Buch über ein rutschiges Thema. Arnold Stadler erzählt Rolands verflixte Geschichte mit vitalem Schalk, Intelligenz, Humor. Die Liebestrauer ist der Triumph des Romans.
Komm, gehen wirBelletristikRomanArnold StadlerBuchS. Fischer Verlag2007Frankfurt a. M.18,90395- Datum 27.06.2007 - 05:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.06.2007 Nr. 26
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