Halberstadt, das sind 40.000 Einwohner am Ostrand des Harzes, mehr als tausend Jahre Geschichte und die St.-Burchardi-Kirche, in der noch bis zum Jahre 2640 John Cages Orgelwerk Organ 2 /ASLSP aufgeführt wird (im Moment erklingen die Töne a', c'', fis'' und gis''). Zu Halberstadt gehören auch Bürgermeister Andreas Henke, Linkspartei, und der Naziausstatter Ragnarök in bester Lage in der Innenstadt, der vom Baseballschläger bis zur Rechtsrock-CD feilhält, was der rechte Rand der Stadt zur Bewältigung des Alltags so benötigt. Dieser Tage ist besonders viel los. »Das Geschäft brummt«, sagt die Ladenbetreiberin. Es scheint die Naziszene regelrecht zu beflügeln, dass alle Welt mal wieder für ein paar Tage vom »rechten Mob« in Halberstadt spricht.

Auch aus Nazisicht hat Halberstadt einen Ruf zu verlieren: die Stadt, in der Konstantin Wecker nicht auftreten konnte, weil die NPD eine Gegenveranstaltung angekündigt hatte, und in der sich nun nach der Premiere der Rocky Horror Show Mitglieder des Ensembles im Krankenhaus wiederfanden. Gewalt gegen Punks, Obdachlose und die versprengten Angehörigen der linken Szene gehört zum Alltag. »Viele Übergriffe werden erst gar nicht angezeigt«, sagt Torsten Hahnel von der Anti-Nazi-Initiative Mobile Opferberatung. »Die Leute erwarten von der Polizei keine Hilfe mehr, sondern fürchten bei einer Anzeige nur noch die Rache der Rechten.«

Und was tut die Polizei? Halberstadts Polizeipräsidentin Christiane Marschalk hat sich mittlerweile bei den Theaterleuten entschuldigt. Da sei »einiges schiefgelaufen«, räumt sie ein. Den Einsatzleiter, der im Polizeirevier blieb, anstatt zum nahen Tatort zu eilen, hat sie von seinen Aufgaben entbunden, die vier Beamten der herbeigeeilten Funkstreifen wurden streng getadelt, weil sie die Täter laufen ließen und stattdessen lieber die Opfer des Überfalls vernahmen. »Das ist einfach nicht zu entschuldigen«, sagt die Polizeipräsidentin.

Christiane Marschalk ist Juristin, 41 Jahre jung, man merkt ihr an, dass der Vorfall sie nicht kaltlässt. Vor einem Jahr sei damit begonnen worden, die Polizisten für politisch motivierte Straftaten zu sensibilisieren, sagt sie. »Da müssen wir dranbleiben.« Schlimm findet sie, »dass bei den Opfern der Eindruck entstanden ist, die Polizei sei nicht willens zu handeln«.

Die Polizeipräsidentin sagt, was sie beim letzten Vorfall auch schon sagte

So ähnlich hat sie sich auch im Oktober vergangenen Jahres geäußert, als Halberstadt gerade wieder einmal Schlagzeilen machte, weil in zwei Fällen Kneipenpächter zusammengeschlagen worden waren. Im einen Fall, sagten Zeugen später aus, habe die Polizei ihr spätes Eintreffen mit mangelnder Ortskenntnis entschuldigt, im anderen Fall entkamen die Täter, während die Beamten sich auf die Befragung der Opfer konzentrierten.

Christiane Marschalk, das lässt sich kaum bestreiten, ist mit ihren Bemühungen gescheitert. Zum 1. Juli wird sie ihren Posten verlieren – nicht etwa wegen des Versagens ihrer Beamten im Kampf gegen die rechte Gewalt. Die Halberstädter Polizeidirektion wird ganz planmäßig im Zuge einer landesweiten Strukturreform aufgelöst. Die Straffung der Direktionen soll die Polizeireviere stärken und mehr Beamte »in die Fläche« bringen, heißt es im Innenministerium. Christiane Marschalk möchte das nicht kommentieren.