Christian Poets erinnert sich noch gut an die Kameras in den Krankenzimmern. In den Wänden und Zimmerdecken verborgen, zeichneten sie zunächst harmlos anmutende Szenen auf: Eine Frau zum Beispiel, die sich scheinbar fürsorglich über das Bett ihres kranken Kindes beugt, als wolle sie ihm über den Kopf streichen. Die dann jedoch plötzlich eine Hand über Mund und Nase des Babys legt. Der Säugling zappelt hilflos mit Armen und Beinen, doch die Mutter drückt ungerührt weiter zu. Als eine Krankenschwester das Zimmer betritt, jammert die Frau, ihr Kind habe urplötzlich aufgehört zu atmen.

Das geschah vor 15 Jahren. Poets arbeitete damals als junger Assistenzarzt am National Heart and Lung Institute in London. Und konnte dort gleich mehrere dieser Misshandlungen beobachten. Die Täter – überwiegend Frauen – ahnten nicht, dass sie gefilmt wurden. Der britische Geheimdienst hatte die Geräte auf Wunsch des Klinikchefs David Southall installiert. Als einer der ersten Mediziner weltweit ließ der seine Krankenzimmer überwachen. Mit den Videoaufnahmen wollte er Frauen überführen, die scheinbar liebevoll und aufopfernd ihre Kinder pflegen, in Wahrheit jedoch ihren Nachwuchs krank machen, mitunter gar töten.

Schon 1977 hatte der Brite Sir Roy Meadow mit dem ersten Bericht über diese bizarre Form der Kindesmisshandlung im Fachblatt The Lancet in seiner Heimat Furore gemacht. Der Professor für Pädiatrie an der Universität Leeds prägte dafür den Begriff »Münchhausen-by-proxy-Syndrom« (MBPS, auf Deutsch: Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom) – in Anlehnung an das sogenannte Münchhausen-Syndrom, bei dem Patienten sich selbst verletzen oder eigene Krankheiten vortäuschen. Allerdings geriet der Kinderarzt – ebenso wie sein Kollege David Southall – bald in den Ruf, in seinem Urteil manchmal über das Ziel hinauszuschießen. So wurde eine Mutter zunächst vor allem wegen eines Gutachtens des Pädiaters zu lebenslanger Haft verurteilt, nach drei Jahren Gefängnis jedoch in einem sehr umstrittenen Prozess freigesprochen. Nicht die Frau habe ihre beiden Söhne getötet, sie seien an plötzlichem Kindstod gestorben, befand das Gericht. Und Meadow wurde des medizinischen Fehlverhaltens beschuldigt, die Vorwürfe wurden jedoch bald fallen gelassen.

Die Mutter zertrümmerte das Bein ihres Kindes mit einem Hammer

In Deutschland dagegen gingen die Mediziner bislang von wenigen Einzelfällen aus. Zum ersten Mal hat nun Martin Krupinski, Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie der Universitätsklinik Würzburg, in einem Pilotprojekt bundesweit Fallzahlen ermittelt. Von 379 Kinderkliniken beteiligte sich rund die Hälfte an der Datenerhebung. Sie berichteten von insgesamt 91 medizinisch gesicherten und 99 ernsthaften Verdachtsfällen von MBPS. »Auch wenn es eine seltene Form der Kindesmisshandlung bleibt, kommt es deutlich häufiger vor als bislang angenommen«, sagt Krupinski.

Im Gegensatz zu anderen Formen der Kindesmisshandlung scheuen die Täter bei MBPS nicht den Besuch beim Kinderarzt, sondern verlangen ganz im Gegenteil für ihr angeblich krankes Kind immer neue Untersuchungen, Operationen, Medikamente. Mediziner werden so unfreiwillig zu Komplizen, wenn sie versuchen, dem vermeintlich schwer kranken kleinen Patienten zu helfen.

Und die Täterinnen wirken sehr überzeugend. »Die Frauen sind oft überdurchschnittlich intelligent«, sagt Ulrike Böhm, Rechtsmedizinerin an der Universitätsklinik in Leipzig, »sonst wären sie nicht in der Lage, die Symptome der angeblichen Erkrankung ihres Kindes so detailliert und schlüssig zu schildern.« Häufig liefern sie so lange falsche Informationen, bis das Kind eine Therapie erhält, Nebenwirkungen inklusive. Manchmal erleben Ärzte sogar Fälle wie den jenes Jungen, der vier Jahre lang an Durchfall litt, stetig abmagerte und nicht mehr wuchs. Das Kind musste eine Darmspiegelung über sich ergehen lassen, mehrmals wurden seiner Magenschleimhaut Gewebeproben entnommen, bis die vermeintliche Ursache gefunden war: Zöliakie, eine Darmerkrankung. Später stellte sich heraus, dass die Mutter ihm jahrelang Abführmittel gegeben hatte.

Aktenkundig ist auch der Fall der Amerikanerin Mary Bryk. Als kleines Mädchen entwickelte sie nach einer Verletzung am Knöchel eine chronische Knochenentzündung. Sie sei die Treppe hinuntergefallen und habe sich den Knöchel verletzt, berichtete die Mutter. In Wahrheit hatte sie das Bein ihrer Tochter an einen Stuhl gebunden und den Knochen mit einem Hammer zertrümmert.