Der Leiter der Kunstausstellung Documenta trägt einen Schnurrbart. Dies bedeutet einen politisch-ästhetischen Paradigmenwechsel, der in seiner Bedeutung die Bedeutung der Documenta selbst vermutlich überragt. Der Schnurrbart war aus dem Gesichtsfeld der kulturellen Elite seit Jahren fast völlig verschwunden.

Sogar die deutschen Türken haben, sobald sie in die kulturelle Elite aufstiegen, doch immer als Erstes ihren Schnurrbart abgelegt. Ein deutscher Türke ohne Schnurrbart – das ist automatisch ein Bundestagsabgeordneter, ein Lyriker oder ein Regisseur. Dann aber habe ich bei Google „Türken“ und „Schnurrbart“ eingegeben und habe ein langes Radio-Essay zur Türkenschnurrbartfrage entdeckt. Es fängt ganz normal an, ein Türke sagt: „Für uns Türken ist es selbstverständlich, einen Schnurrbart zu tragen.“ Der Schnurrbart ist bei den Türken auch von alters her eine Art nonverbales Verständigungsmittel, wie die Flaggenzeichen bei den Matrosen, das Tanzen bei den Bienen oder die Rauchzeichen bei den Indianern, sie drücken mit Hilfe ihrer Schnurrbärte ihre politische Meinung aus. Wenn der Schnurrbart struppig ist, handelt es sich um einen linken, wenn die Enden nach unten gebogen sind, um einen rechten Türken.

Dann aber kommen in dem Essay Stimmen zu Wort, die berichten, dass im Rahmen der Globalisierung, wie so vieles, auch der Schnurrbart des Türken, wenn auch nur teilchenweise, zu verschwinden droht. 1977 trugen 77 Prozent der Türken Schnurrbart, 2001 gerade noch 46 Prozent! Zwei Türken, die sich begegnen, wissen, wegen der Globalisierung, auf einmal gar nicht mehr, wo der andere politisch steht. Wenn aber ausgerechnet jetzt bei den Galeristen in Berlin-Mitte die Schnurrbärte wieder modern werden, dann hat die Türkei ja schon wieder „den Zug nach Europa verpasst“.

Beim Surfen im Internet bin ich dann auf einen von Michel Friedman, diesem Moderator, gesprochenen Kommentar zu dem Dopingskandal bei den Radfahrern gestoßen. Michel Friedman schien extrem wütend zu sein auf die Radfahrer. Er sagte, er sei „angewidert“. Man habe das Doping „eingestanden, nur, weil man’s musste, und wenn, dann nur teilchenweise“. Die Radfahrer würden sinngemäß sagen: „Sorry, ich habe ein bisschen gedopt“, und dann „weitermachen, als wäre nichts passiert“. „Doping, Betrug, Lüge!“, hat Friedman mit Pathos in die Kamera gerufen, und: „Alle sollten sich Gedanken über Heuchelei und über Doppelmoral machen!“ Gut, wenn alle das tun sollten, dann mach ich das jetzt halt.

Friedman hat doch selber gedopt. Ich meine, wenn man als Fernsehtyp Koks nimmt, was eine lockere Zunge macht, dann ist das wohl ähnlich wie Epo für einen Radfahrer, was schnelle Beine macht, außerdem war da diese unschöne Sache mit den Ukrainerinnen. Er hat doch selber auch immer nur zugegeben, was er unbedingt zugeben musste, dann gesagt, sorry, ich habe mit den Ukrainerinnen ein bisschen gedingst, und macht jetzt weiter, als wäre nichts passiert. Er hat also ungefähr das Gleiche gemacht wie die Radfahrer, jetzt aber sagt er, er sei von solchem Verhalten „angewidert“, was ich eine ziemlich heftige Selbstkritik finde. Dies ist der erste Mensch, der, im Glashaus sitzend, nicht etwa Steine wirft, sondern mit einer Bazooka feuert.

Ich finde, man soll, im Großen wie im Kleinen, seine Vergangenheit nicht einfach verdrängen. Man sollte auch und gerade die dunkelsten Kapitel der eigenen Geschichte zur Kenntnis nehmen und versuchen, für die Zukunft daraus zu lernen. Ich selbst trage meinen Schnurrbart übrigens seit 1977.