Achtung, Kinder!«, ruft Christian Schlögl, bevor er die Volierentür öffnet. »Man muss sie vorwarnen, sonst erschrecken sie.« Schlögls Kinder sind Raben, genauer Kolkraben: Gwaihir, der Ranghöchste, Ilias, sein Bruder, und deren Weibchen, Nemo und Columbo. »Sie verstehen ihre Namen«, sagt Schlögl. »Aber ob sie darauf reagieren, entscheiden sie selbst. Nicht wie Hunde, die kommen, wenn man sie ruft.«

Diesmal braucht der Rabenforscher nicht zu rufen. Kaum hat er die Hand mit dem Katzen-Trockenfutter geöffnet, setzt sich Gwaihir auf seine linke Schulter und beginnt nach den Biskuits zu schnappen, was nicht ganz ungefährlich aussieht angesichts des scharfen Schnabels und der Größe des Vogels. Kolkraben können ein Gewicht von 1,5 Kilogramm und eine Flügelspannweite von 130 Zentimetern erreichen. Die bei uns viel häufigeren Rabenkrähen, die manchmal ebenfalls als »Raben« bezeichnet werden, sind nur halb so groß.

Ja, er habe seinen Raben einiges abgewöhnen müssen, sagt Schlögl. Aber mittlerweile wüssten sie, dass sie nicht auf seinem Kopf landen und auch nicht an seinen Wimpern zupfen dürften – etwas, was sie eigentlich sehr gern täten. Überhaupt hätten von Hand aufgezogene Kolkraben besonders viele Flausen im Kopf. Kürzlich sei in Österreich ein zahmer Rabe bei einer Beerdigung auf dem Sarg gelandet, der sich gerade in die Erde senkte.

In der Voliere beginnt Schlögl, Fleischreste zu verteilen. Die Raben packen die Knochen mit dem Schnabel und fliegen scheinbar planlos hin und her. Da passiert es: Nemo landet hinter einem Felsbrocken, wo zwei der anderen sie nicht sehen können. Hier wartet sie ab, bis auch der dritte Rabe ihr Blickfeld verlässt – dann gräbt sie blitzschnell mit ein paar Schnabelhieben ein Loch in den Boden, lässt den Knochen darin verschwinden und deckt das Versteck mit einem hastig abgetrennten Grasziegel zu. Keiner der Käfiggenossen hat etwas bemerkt.

Die Szene spielt im Cumberland-Wildpark im oberösterreichischen Grünau. Gleich neben dem Park befindet sich eine nach Konrad Lorenz benannte Forschungsstelle. Lorenz hat sie, bereits siebzigjährig, nach seiner Emeritierung im Jahr 1973 gegründet, um weiter an seinen geliebten Gänsen forschen zu können. Mittlerweile wird dort aber auch mit Waldrappen, Turmdohlen und eben Kolkraben gearbeitet. Die Rabengruppe von Christian Schlögl wurde ebenfalls in Grünau großgezogen.

Jungraben bilden Banden und picken aus Jux Hirschen in den Hintern

Die Klugheit der Raben ist sprichwörtlich. Doch erst vor etwa zehn Jahren begannen Wissenschaftler, die kognitive Leistungsfähigkeit der Vögel zu erforschen. Sie entdeckten, dass Raben ähnliche Denkleistungen erbringen wie die klügsten Affen. »Rabenvögel sind so etwas wie gefiederte Menschenaffen«, meint Nathan Emery von der Cambridge University. Und Thomas Bugnyar, der an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle arbeitet, sagt: »Die kognitiven Leistungen der Raben sind wirklich erstaunlich. Sie sind besser, als ich je gedacht hätte.«

So vermögen Kolkraben zum Beispiel, dem Blicken von Artgenossen zu folgen und einzuschätzen, ob der andere etwas sieht, was sie selbst nicht sehen können. In Experimenten flatterten sie gar auf Hindernisse und schauten nach, was der Kollege dahinter gesehen haben könnte – ein Verhalten, das man sonst nur bei Schimpansen findet. Auch zum taktischen Betrug sind Kolkraben imstande: Wenn dominante Artgenossen in der Nähe sind, suchen niederrangige Tiere ihr verstecktes Futter bewusst am falschen Ort, um die Mächtigen in die Irre zu führen. Genau den gleichen Trick verwenden Schimpansen.

Für Raben dreht sich vieles um das Futterverstecken, weil sie sich hauptsächlich von großen Kadavern ernähren. Besonders im Winter mangelt es an anderen Nahrungsquellen, und wenn sie einmal ein Aas gefunden haben, zerteilen sie es so rasch wie möglich und vergraben die Fleischstücke im Boden. »Ein Elch ist in einem halben Tag weg«, sagt Thomas Bugnyar. »Da bleiben nur Skelett und Geweih übrig.«

Doch handelt es sich dabei nicht um ein simples Vorratanlegen, sondern um ein komplexes Versteckmanöver. Denn die Raben sind Konkurrenten und versuchen, ihre Depots gegenseitig auszuplündern. Die Verstecker müssen deshalb darauf achten, dass niemand sie bei ihrem Geschäft beobachtet. Manchmal legen sie leere Scheinverstecke an, um etwaige Beobachter zu verwirren. Umgekehrt stehen die Plünderer sowohl mit den Versteckern als auch mit potenziellen Mitplünderern im Wettbewerb. Darum merken sie sich nicht nur, wer wann was versteckt hat, sondern auch, wer außer ihnen das Versteck kennt.