Politisches Buch Der milde Umgang mit den TäternSeite 2/2

Ein solches Rezept für ein effektives »Reinigungsverfahren« zeigt nicht nur, wie die Besonderheiten der Wiedervereinigung und des Einigungsvertrages missverstanden werden, sondern auch, wie unhistorisch die Urteilsmaßstäbe sind. Diktaturvergleich ist ohne Zweifel ein legitimes Instrument der historischen Forschung und der politischen Debatte. Aber er führt leicht aufs Glatteis, wenn die Ebenen und Felder nicht genau benannt werden. Und diese geraten bei Knabe immer wieder völlig durcheinander, auch wenn ihm selbstverständlich die riesigen Unterschiede zwischen beiden Diktaturen bewusst sind. Es geht eben nicht an, 40 Jahre von außen implantierter SED-Diktatur umstandslos in die Nähe von zwölf Jahren einer aus der deutschen Gesellschaft erwachsenen NS-Diktatur mit Weltkrieg und Holocaust zu rücken, um für beide eine ähnliche, moralisch »einwandfreie« strafrechtliche und politische Aufarbeitung zu fordern.

Dass modernen Diktaturen nach ihrem Ende mit rechtsstaatlichen Mitteln nicht beizukommen ist, zeigt die Geschichte der alten Bundesrepublik. Das gilt nicht zuletzt für die ausführlich dargestellte Rententhematik. Auch hier wird man gern der Kritik des Autors zustimmen, wenn es um die vergleichsweise opulenten Rentenbezüge hoher Altkader (einschließlich Stasi) geht, während die Opfer und Widerständler um eine oft bescheidene materielle Entschädigung kämpfen müssen. Das war leider in der alten Bundesrepublik nicht viel anders, weil das Prinzip »Rentenrecht ist kein Strafrecht« nicht zur Disposition stand. Der Grundsatz der politischen Neutralität der Rentengesetzgebung ließ sich somit nach 1990 nicht einfach zu den Akten legen. Dass die »Luxusrenten der Systemtreuen« vom Bundesverfassungsgericht »unter den Eigentumsschutz des Grundgesetzes gestellt« wurden, greift daher zu kurz.

Knabes häufige Verweise auf die bundesrepublikanische »Vergangenheitsbewältigung« belegen eine erstaunlich selektive, um nicht zu sagen naive Vorstellung. Schließlich begann im Westen eine Auseinandersetzung mit Verbrechen, mit Elitenkontinuitäten, aber auch mit Wiedergutmachungs- und Entschädigungsproblemen in der Regel spät und oft völlig unzureichend. Die öffentliche Debatte und auch die juristischen Bemühungen gleich nach dem Ende der DDR vermitteln dagegen ein deutlich anderes Bild. Das mag man alles als unzureichend empfinden, aber der grundsätzliche Unterschied bleibt offenkundig. Auch ein Blick auf den Umgang mit der Vergangenheit in anderen ost- und auch westeuropäischen Diktaturen hätte die Tonlage der Streitschrift dämpfen können.

Wer soll angesprochen werden? Die Uneinsichtigen und Schönredner werden sich durch die Frontalattacke kaum eines Besseren belehren lassen. Die Warnung vor erneuten Aktivitäten ist berechtigt, aber zu generellem Alarmismus besteht wenig Anlass. Wen nach Spektakulärem hungert, der mag befriedigt werden. Wieweit das Buch aber wirklich zur Aufklärung und Aufarbeitung einer komplexen Vergangenheit beiträgt, bleibt zweifelhaft.

Die Täter sind unter unsÜber das Schönreden der SED-DiktaturHubertus KnabePolitisches BuchBuchPropyläen Verlag2007Berlin22,-384
 
Leser-Kommentare
  1. Lustig, diesen Artikel in direkter Nachbarschaft zur engagierten Starthilfe der ZEIT für die neue Linke in Deutschland zu lesen.
    Die Täter sind unter uns, und sie heißen eben auch Gysi, Bisky und Petra Pau.

    • Anonym
    • 12.08.2007 um 13:08 Uhr

    als republikgeflohener interessiert mich die "aufarbeitung" nicht. hat bei den nazis nicht geklappt, bei der täterä nicht, so isses. mir wichtiger ist es, den augenblicklichen akteuren, schreibers schäuble, guantanamosteinmeier z.b. gar nicht erst die möglichkeit einzuräumen, einer späteren "aufarbeitung" zu entgehen. später ist sowieso immer zu spät. heißt ja nicht, dass wir "aktive" an hervorragender stelle in unserer republik dulden sollen. klar. aber rache ist nicht, wg. rechtsstaat und so. hier und jetzt, und aus der geschichte lernen.
    z.b. was lernen wir aus schily, was lernen wir aus mahler?
    und, nebenbei was soll jetzt das sensationsgeschrei: "Schießbefehl gefunden!!!!" klar wurde geschossen, gezielt, belohnt, befohlen: brauchen wir da noch den zettel als beweis? wer den schießbefehl leugnet, hätt's ihn nicht gegeben hätten alle spitzbärte&dachdecker einen revolutionären befehl zum NICHT-schiessen erteilt!, ist entweder dumm oder böswillig.

  2. den aggressivsten Teil der deutschen nach dem Krieg unter Quarantäne zu stellen war notwendig solange der Weltkrieg II als kalter Krieg fortgesetzt wurde gegenüber Rußland. Aber auch für die westlichen "Partner" war ein kastriertes deutsches reich besser zu handhaben, weswegen auch die Briten und Franzose gut damit leben konnten. Unter Aufsicht des eigendlichen Kriegsgegners als Besiegte zu stehen mag für die Deutschen uerträglich gewesen sei aber man darf die Ursache nicht vergessen, es war nicht die Diktatur eines Österreichers und einiger Marsmännchen die die Deutsche in Schwierigkeiten gebracht haben, sondern ihr eigener völkischer Größenwahn und Selbstüberschätzung, und dass das durch die Demokratie nicht besser geworden ist wie man man an den Großmachtambitionen und kriegerischen gewaltsamer Politik nach der Widervereinigung deutlich wieder sehen kann. Das sogenannte DDR Unrecht war die Eindämmung einer gefährlichen Kultur auf eine vergleichsweise humane Weise, indem die Sowjetunion durch die Energiesubvention die Deutschen-Ost großzügig durchgefüttert hat. Die Art wie Deutschland nun gegen den Geist der 2+4 Verträge verstößt und eine feindliche Politik gegenüber Rußland verfolgt die vielleicht wieder zu neuen Excessen führt, auf die die Strafe folgen wird, muss man sich die Frage stellen ob diese Strafe genauso human sein wird wie die für die Verbrechen im WKII gegenüber Russland ?

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    • JV55
    • 12.08.2007 um 8:40 Uhr

    sollte als Wortschöpfung des Tages einen Sonderpreis oder wenigstens befristet bis zur Wiedervereinigung in allen Köpfen einen Ehrenplatz in der Neuen Deutschen Rechtschreibung erhalten.

    • JV55
    • 12.08.2007 um 8:40 Uhr

    sollte als Wortschöpfung des Tages einen Sonderpreis oder wenigstens befristet bis zur Wiedervereinigung in allen Köpfen einen Ehrenplatz in der Neuen Deutschen Rechtschreibung erhalten.

    • JV55
    • 12.08.2007 um 8:40 Uhr

    sollte als Wortschöpfung des Tages einen Sonderpreis oder wenigstens befristet bis zur Wiedervereinigung in allen Köpfen einen Ehrenplatz in der Neuen Deutschen Rechtschreibung erhalten.

    Antwort auf "Kriegsfolge DDR"
    • Anonym
    • 20.03.2008 um 22:36 Uhr

    ... mit solch einem "Hallo" begrüßten, daß einem regelrecht die Luft zum Atmen genommen wurde. In der Masse geht der Mensch unter.                                                                                                            Das Feuerwerk während der Maueröffnung 1989 kam mir so vor, als ob einige Landsleute, die nie den Krieg kennenlernen durften, im Nachhinein dies als Sieg über die Besatzer zum Siege des WII schlechthin erklärten. Das hat mich sehr betroffen gemacht.                                                                                                            isaac ben laurence weismann

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