Schneekugel im Taumel

Auf Bullshit folgt die Wahrheit. Selbstverständlich ist das nicht, zumindest nicht, wenn man kulturpessimistisch davon ausgeht, dass ein Gros der Gesellschaft ohnehin den lieben langen Tag manipulativen Nonsens verzapft, der nur dazu dient, zu verschleiern, Macht auszuüben oder zu verstärken. So jedenfalls lautete die Quintessenz der kleinen Sozialkritikfibel Bullshit des Princeton-Philosophen Harry G.

Frankfurt, die im vergangenen Jahr die Bestsellerlisten eroberte.

Frankfurt legt nun den Nachfolger vor: Über die Wahrheit, ein flammendes Plädoyer für eine neue Wertschätzung der Wahrheit, die in unserer Welt vor lauter Bullshit, vor lauter Indifferenz und Ignoranz gegenüber dem Wahren, abhanden gekommen ist.

Leider ist aber das Traktat wie eine Schneekugel, die zu kräftig geschüttelt wurde: Wild wirbelt durcheinander, was Wahrheitstheorien und -diskurse seit Jahrtausenden beschäftigt hat: Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Faktizität, Geltung, Lüge, Selbsttäuschung, Selbsttreue, Gründe, Liebe, Wunsch, Wille und so fort. Als Alltagsplauderer sollen wir Frankfurt in diesem Fall verstehen. Aber ob ein auf diese Weise vorgebrachter und äußerst knapper moralischer Appell, der noch dazu nicht gerade neu ist, reicht, um für den Wert der Wahrheit eine Lanze zu brechen? Die polemischen Bemerkungen des 90 Seiten schmalen Büchleins scheinen so gut und schön wie wahr (im alltäglichen Sinne) und zielen, so ist anzunehmen, auf den Bullshit der Politik im eigenen Land, dessen Kultur Harry G. Frankfurt, wie alle Bullshit-Kulturen, dem Untergang geweiht sieht: »Um eine höhere Kultur zu errichten und zu bewahren, müssen wir vermeiden, uns durch Irrtum und Unwissenheit schwächen zu lassen.«

Aber nicht nur auf andere, auch auf uns selbst sollen wir zeigen: »Dies ist nicht nur ein Gebot, das die Gesellschaft betrifft. Es gilt auch für jeden einzelnen von uns als Individuum. Individuen brauchen Wahrheit.« Die Liebe zur Wahrheit, so lautet Frankfurts ethisch-pragmatische These unter Rekurs auf Spinoza, ist notwendig für ein gelingendes Leben. » Ohne Wahrheit () sind wir vom Glück verlassen, bevor wir überhaupt begonnen haben.«

Schade, dass es mit dem Buch ähnlich endet: Man verlässt es, bevor es überhaupt begonnen hat. Frankfurt verkauft den Wert der Wahrheit unter Wert. Am Ende wird die ganze Aufregung durch ein Shakespeare-Sonett zur Lüge gedämpft, das der eigentliche Clou des Textes ist. Vorbei!

Über die Wahrheit müssen nun andere sprechen.

Harry G. Frankfurt: Über die Wahrheit

Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer - C. Hanser Verlag, München 2007 - 96 S., 10,- Euro

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.26 vom 21.06.2007, S.55
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