Film Kämpfen für den Schmerz
»Die Hard 4.0«: Bruce Willis hält zum vierten Mal als John McClane seinen harten Schädel in die Kamera. Ein Rollenporträt des Actionfilm-Märtyrers.
Irgendetwas ist passiert, seit John McClane 1995 nachts in New York in einer Bar verschwand, um seinen Kater mit Whiskey zu bekämpfen. Irgendetwas hat sich verändert in dieser Welt, die McClane, so wollte es sein Schicksal, immer nur als eine Serie von Explo-sionen, Unfällen und Katastrophen wahrgenommen hat. Irgendetwas ist durcheinandergekommen im Verhältnis von Wirklichkeit und Wahnsinn. John McClane war Actionheld, das war sein Job; dafür, dass er das Böse bekämpfte, hat er immerhin sein Privatleben geopfert.
Und was ist der Dank dafür? Die Wirklichkeit revanchiert sich bei einem wie ihm damit, dass sie all das alt aussehen lässt, was er getan hat. All die Terroristen, denen er ein paar Kugeln hinterhergeschickt hat, all die Bösewichter, deren mörderische Pläne er verhindert hat, all die Hochhäuser, Flughäfen und Straßenschluchten, die er durchklettert, durchstiegen und durchwandert hat – all das sind Szenarien aus einer Zeit, in der das Kino noch dabei war, eine Welt zu zeichnen, die größer und greller und brutaler war als alle Wahrheiten außerhalb des dunklen Saals. Actionfilme lieferten immer auch Nachrichten vom Stand des Weltuntergangs.
Aber die Wirklichkeit hat sich von den Fiktionen emanzipiert, spätestens mit dem 11. September, als der Weltuntergang oder das, was wir seitdem dafür halten, live im Fernsehen kam. Und nun? Welche Katastrophen sind da noch sexy? Schmutzige Atombomben, Killertornados, irre Diktatoren? John McClane, das muss man zugeben, hat sich für all das gar nicht so besonders interessiert, er wollte in den Jahren von Die Hard I bis Die Hard III, von 1988 also bis 1995, stets weniger die Welt retten als sein Privatleben. Was ihm, das sieht man gleich zu Beginn von Die Hard 4.0, natürlich nicht gelungen ist.
Es war immer der Charme dieses John McClane, dass er eher widerwillig in die Sache mit den Bösen hineingezogen wurde und meistens einfach seine Frau beschützen wollte, die mal zur falschen Zeit in einem Flugzeug saß und mal in einem Hochhaus und die sich nun aber doch noch davongemacht hat. John McClane hat 2007 kein Heim, so scheint es, er hat kein Leben, er hat nur eine Tochter, die nichts von ihm wissen will. Aber schlimmer noch, schlimmer als all die privaten Sorgen ist es selbst für einen Actionhelden, wie es John McClane ist, wenn ihm der größere Sinn abhandenkommt.
Das ist das Drama, das dieses Wiedersehen mit Bruce Willis durchzieht, der immer John McClane war und es wohl auch bleiben wird, ganz egal, was er sonst noch so spielt oder gespielt hat: Sein McClane brauchte die Schmerzen, um sich lebendig zu fühlen, sein McClane lebt im Grunde immer nur für die gut zwei Stunden, in denen er auf der Leinwand von Brücken springen darf, aus Fenstern geschleudert und von Kugeln gehetzt wird. Nimm ihm dieses bisschen, und du nimmst ihm den Rest seines kümmerlichen Heldendaseins.
Der neue Film bemüht sich auf fast rührende Weise, die Schwelle des 11. September noch einmal zu überspringen, nach hinten, in die gute alte Actionwelt. Die Hard 4.0 wirkt wie ein heroischer Versuch, sich in jene Zeit zurückzuversetzen, als das Sterben noch geholfen hat. Und dabei gibt sich Regisseur Len Wiseman auch alle Mühe. Die Bedrohung, die er inszeniert, ist einerseits virtuell, weil es darum geht, dass eine Gruppe Italienisch, Französisch und Russisch sprechender Eurohipster-Terroristen unter der Leitung des so genialischen wie zornigen Exregierungsmitarbeiters Thomas Gabriel (Timothy Olyphant) die Computer in den Machtzentralen Amerikas unter ihre Kontrolle bringen will und damit natürlich ein heiliges Chaos anrichtet; es geht andererseits wie immer ganz real um die Choreografie von Körpern im Raum, um das also, was Schönheit und Reiz des Actionkinos ausmacht.
- Datum 22.06.2007 - 13:23 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.06.2007 Nr. 26
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