So kann man sich den Einschlag eines alles vernichtenden Meteoriten auf der Erdoberfläche vorstellen: Man steht friedlich auf seiner Terrasse, die Sonne scheint, man raucht eine Zigarette und weiß beim Anstecken noch nicht, dass es die letzte sein wird. Kein Grollen, kein Beben, kein Vorbote des Untergangs. Und dann, aus dem Nichts, fängt der Himmel Feuer, der Boden unter den Füßen bricht ein, und ein Sturm der Verwüstung fegt alles hinweg, was war – noch ehe das Gehirn begriffen hat.

Am Morgen eines milden Wintertags, des 14. Januar 2007, tritt Ludwig P.*, damals Vorsitzender des Betriebsrats der ZEIT und bei der Innenverwaltung des Verlags beschäftigt, vor die Tür seines Hauses im Dorf Tessin , um eine Zigarette zu rauchen. Es ist Sonntag, am Abend zuvor war er mit seiner Frau im Kino gewesen. Jetzt trinkt sie in der Küche Kaffee, die beiden Kinder, die 15-jährige Jana und den 17-jährigen Sebastian*, hat P. noch nicht gesehen, sie schlafen wohl noch. Der Mann braucht keine Jacke, die Sonne füllt die Terrasse mit milchigem Licht. Da tritt der Nachbar an den Zaun; „Schon gehört“, fragt er herüber, „gestern Abend sollen in der Dorfstraße zwei umgebracht worden sein.“ – „Ich schau mal vorbei“, gibt P. zurück, löscht seine Zigarette und nimmt für die paar Hundert Meter das Auto. „Tatortneugier“ habe ihn hingezogen, sagt er heute, eine Vorahnung hatte er nicht.

Den Menschenauflauf beim Haus Nummer 22 hat P. gleich gesehen. Die Polizei hatte den Tatort abgesperrt. Alle Gesichter wenden sich ihm, dem Neuankömmling, wortlos zu, als er aus dem Wagen steigt. P. wundert sich. Warum starren die ihn so an? So unsicher? So fremd? Er kennt sie doch alle. Gehemmt kehren sie sich wieder ab. Niemand spricht ihn an, als er durch die Umstehenden schreitet. Niemand gibt ihm eine Antwort, wenn er fragt. P. wendet sich an einen Kriminalbeamten: Was passiert ist, will er wissen. Die Auskunft fällt knapp aus: Das Ehepaar E. sei heute Nacht von zwei 17-Jährigen erstochen worden. „Wenn Sie mehr erfahren wollen, wenden Sie sich an die Staatsanwaltschaft Schwerin.“

Zwei 17-Jährige? Eine dünne, böse Angst zieht sich zu um P.s Kehle. Sein Sohn Sebastian ist 17. Aber der ist doch zu Hause im Bett.

Oder?

Warum diese Blicke? Dieses Schweigen? Da entdeckt P. die Bürgermeisterin in der Menge. Eine Amtsperson – sie wird ihm sagen, was los ist. „War mein Sohn dabei?“, fragt P. ohne Kraft, während es ihm in den Ohren kracht und die Erde unter seinen Füßen Risse bekommt. Und noch bevor die Frau antwortet, hat er verstanden.

Sebastian. Der intelligente Junge, der erfolgreiche Gymnasiast, der wohlerzogene Sohn, der jedermann höflich grüßte. Er war keiner von jenen Tunichtguten, die ihren Eltern schlaflose Nächte bereiten. Deshalb hatten die P.s es auch nicht für nötig gehalten, zu kontrollieren, ob er in der Nacht des 13. Januar im Bett lag, als sie gegen halb elf Uhr heimgekommen waren. Nie hatte die Polizei Sebastian irgendwo aufgreifen und nachts nach Hause bringen müssen, nie war er laut oder hinter Mädchen her gewesen, nie hatte er gepöbelt oder sich geprügelt. Er trank nicht, er klaute nicht, ging selten auf Partys. Rauschgift, Motorradgangs oder andere jugendliche Verirrungen, mit denen viele Eltern über Jahre zu kämpfen haben, blieben den P.s erspart. Ihr Sebastian war anders: verlässlich, vernünftig, verantwortungsvoll. Ein guter Bursche, ein zuversichtlicher Ausblick in die Zukunft. Jedenfalls bis zum 13. Januar 2007 – da nämlich lagen gegen 22 Uhr zwei blutüberströmte Leichen im Backsteinhaus Dorfstraße 22. Niedergemetzelt mit Küchenmessern. Von Sebastian, dem Musterknaben.

Noch am Tatort war er zusammen mit seinem Freund Torben verhaftet worden. Doch niemand hatte seinen Eltern Bescheid gesagt. Kein Beamter hatte an die Tür gehämmert und sie aus dem Schlaf gerissen. Erst am Tag nach der Tat kam die Kripo, durchsuchte das Zimmer des Jungen und nahm seinen Computer mit. „Als mir aufging, was er angerichtet hat“, sagt Ludwig P., „wünschte ich, er wäre tot.“ Später, als er mit seinem Sohn telefonieren durfte, sagte er bloß: „Lüg dich da nicht raus. Steh wenigstens dazu, was du gemacht hast.“

Der frühe Abend des 13. Januar verläuft scheinbar friedlich im Hause P. Sebastian, sein Freund Torben, seine Schwester Jana und deren Freundin Eyleen essen mit den Eltern P. zu Abend. Es gibt Hotdogs, und die Kinder greifen mit gutem Appetit zu. Nichts, gar nichts deutet darauf hin, dass es in dieser Nacht ein Blutbad geben wird. Das einzige Ungewöhnliche mag sein, dass die Jungs sich nachher freiwillig zum Küchendienst melden und mustergültige Ordnung herstellen. Heute kennt P. den Grund für diesen Eifer: „Sie wollten allein in der Küche sein, um an die Messer zu kommen.“ Mindestens sechs werden Sebastian und Torben drei Stunden später beim Überfall mit sich führen.

Als die Eltern P. im Kino sind, ziehen sich die Jungs in Sebastian’ Zimmer zurück, um eine DVD anzusehen: Es ist der Film Final Fantasy VII, eine computeranimierte Heldensaga, deren Erscheinen Sebastian mit großer Ungeduld erwartet hat. Danach brechen sie zur Bushaltestelle auf.

Tessin, ein Dorf an einer mecklenburgischen Straßenkreuzung in der Nähe von Boizenburg, hat vielleicht zweihundert Einwohner. Mit der Bahn braucht P. vierzig Minuten bis in die ZEIT- Redaktion . Es gibt einen hübschen Weiher und ein paar Schritte weiter eine Bushaltestelle, wo sich mangels Alternative die Dorfkinder versammeln. An diesem Abend sind es Jana und Eyleen, die mit anderen Halbwüchsigen in der frühen Dunkelheit des Januarabends dort stehen, Alkopops trinken und ihrer Langeweile mit Handystreichen beizukommen suchen.

Sebastian wendet sich an Eyleen und überredet sie, ihn in die Finsternis zu begleiten. Die beiden Jungs wandern mit dem Mädchen zum etwas abgelegenen Haus der E.s und betreten den Schuppen. Plötzlich fühlt sie von hinten einen harten Griff. Umständlich fesseln und knebeln die Jungs die 15-Jährige, die den Übergriff noch komisch findet und sich deshalb nicht sonderlich wehrt. Warum sollte sie auch: Sebastian ist der Bruder ihrer besten Freundin, sie kennt ihn seit vielen Jahren. Schon früher haben die zwei Burschen sie mal an einen Baum gefesselt und „satanische Rituale“ an ihr zelebriert, die darin bestanden haben, dass sie Wunderkerzen ansteckten. Und Sebastian hat in der P.schen Küche auch einmal mit den dumpfen Worten „Die Wege eines Kriegers sind unergründlich!“ das Messer gegen sie erhoben – spaßhaft, wie es schien. Es kann sich – so glaubt Eyleen – auch jetzt nur um eine fortgeschrittene Variante des Indianerspiels handeln.

Doch diesmal macht niemand Spaß. Eyleen ist eine Geisel, sie weiß es nur noch nicht. „Du wirst heute noch Leichen sehen“, prophezeit ihr Sebastian. Dann lassen die beiden Jungen die Gefesselte im Schuppen zurück und klingeln bei den E.s. Der Vater öffnet, er kennt die zwei. „Reno“, sagt Sebastian, das ist ein Name aus Final Fantasy und das Codewort zum Losschlagen. Die Jungs ziehen die Messer und halten sie E. an die Kehle:

Auf die Knie!