Mordprozess Wie das Böse nach Tessin kamSeite 5/5

Und wie sieht ein Vater aus, dessen Sohn im Männlichkeitsrausch Menschen ersticht? Bis zum 13. Januar war D. bodenständig, zufrieden und meistens guter Dinge. Ein ganz normaler Mann eben, der dauernd irgendetwas repariert und am liebsten karierte Hemden trägt. Karl-Heinz D., Sohn eines Kranführers im Hamburger Hafen, hat Kfz-Mechaniker gelernt und in tausend Berufen sein Geld verdient. Am liebsten aber mit der Gitarre, dem Banjo, der Mandoline. In Gesellschaft seines Bruders – ebenfalls Musiker – hat er in den siebziger und achtziger Jahren die Welt bereist. Zwei Freaks, die durch Europa trampten, auf den Philippinen und in den Clubs von Hongkong spielten. Auch nach Kanada ist D. kurz einmal ausgewandert. Durch seine Vergangenheit weht der Hauch von Woodstock und Lebenskünstlerei, und sie duftet nach Peace, Love and Understanding.

Als Vorsitzender des ZEIT- Betriebsrats war D. immer ein Mann der Kompromisse und der Problemlösung im Guten. Was die große Politik angeht, glaubte er an Bürgerinitiativen und passiven Widerstand. Anfang der Achtziger demonstrierte er gegen das Kernkraftwerk in Brokdorf, auch bei der Bauplatzbesetzung am „Bohrloch 1004“ in Gorleben war er dabei. Seine Kinder hat er gewaltfrei erzogen, das Familienvorbild ist Mahatma Gandhi. „Es darf keine Opfer geben“, lautete D.s Bedingung an jede Form der Auseinandersetzung. Jetzt hatte er eigentlich wieder friedlich protestieren gehen wollen, diesmal gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm. Und diesmal wollte er Felix mitnehmen, um ihm zu zeigen: „Man muss dem Weltgeschehen nicht tatenlos zusehen. Man kann etwas tun.“ Stattdessen sitzt er jetzt dieses Sohnes wegen in einem Mordprozess. Weil es Opfer gegeben hat.

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Zum offenen Konflikt ist es nie gekommen, aber dass „Felix Probleme hatte mit meiner Art“, hat D. gesehen. „Sein Bild von einem erfolgreichen Männerleben war eher konservativ.“ Statussymbole seien da wichtig gewesen, und ein Haus hatte weiß angestrichen zu sein. „Wenn du Chefarzt werden willst, Rechtsanwalt oder Vorstandsvorsitzender, dann solltest du daran denken, dass das einen Haufen Arbeit bedeutet“, hat D. seinem Jungen entgegengehalten, „da ist nichts mehr mit fünf Stunden Computerspiel am Tag.“ D. selbst hat nie auf die Universität gewollt. Und hätte er studiert, dann natürlich Musik und nur um „persönlich zu reifen“, und „nicht, um das Bruttosozialprodukt zu heben oder ein Karajan zu sein“.

Diese entspannte, auf maximale Freiheit zugeschnittene Lebensgestaltung muss der dem medialen Bombardement einfältiger Männerbilder ausgesetzte Felix als drittklassig empfunden haben: Sein Vater demonstrierte – während andere regierten. Machthaber schrieben Geschichte – sein Vater einen Mutmacher für Hartz-IV-Empfänger. Die Welt ging unter – und sein Vater machte Musik dazu.

Felix dagegen wollte nicht musizieren, sondern herrschen, nicht demonstrieren, sondern kämpfen. Er war ein Krieger, der alles allein erledigen musste und mit dem niemand in die Schlacht zog – außer Torben, dem getreuen Vasallen.

Die computeranimierten Männer in seinem Lieblingsfilm Final Fantasy VII, an dem sich die zwei Täter noch gestärkt hatten, bevor sie auszogen, die Familie E. das Fürchten zu lehren, sind freilich ganz anders als der Vater D.: Sie sind Helden und ungefähr siebzehn. Sie haben gestylte Körper, jeder Muskel ist Design. Alle tragen Stiefel, Umhänge, Schärpen, Sonnenbrillen, Kapuzen, Kopftücher, Handschuhe und anderes unpraktisches Zeug – ein Overkill an Accessoires, kein realer Mensch könnte sich darin vernünftig bewegen. Von ihren Köpfen wehen die ausgeklügeltsten Frisuren im elektronischen Wind. Eine Schar intergalaktischer Gutausseher schreitet durchs Bild, irgendwie eine gepixelte Version der Teenie-Band Tokio Hotel – nur dass sie bis an die Zähne bewaffnet ist.

Natürlich tun die Muskelmänner auch was: Sie müssen den Planeten retten oder vernichten, je nachdem, zu welcher Gruppe sie gehören. Dazu wirbeln sie mit überdimensionierten Motorrädern Staub auf. Sie sprechen mit wichtiger Miene große Worte wie: Ehre, Schuld, Macht, Vergebung, Tod. Das hohle Pathos ihrer Reden und Gesten schwimmt in hochdramatischer Musik mit religiös aufgeladenem Sound. Die Handlung des Films ist weder spannend noch intelligent, Final Fantasy VII ist ein wirrer Opfermythos, dessen Personal aus billigen Archetypen besteht.

Meistens kämpfen die Männer gegeneinander. Dazu brauchen sie nicht ein Messer, sondern sechs. Die Klingen sind so gewaltig, dass ein Mensch sie unter den normalen Bedingungen der Schwerkraft niemals heben könnte. „Auf die Knie“, heißt es dann, „zeige Demut und winsle um Gnade!“

Was wäre gewesen, wenn die Eltern D. am Abend des 13. Januar nicht spontan Lust bekommen hätten, ins Kino zu gehen? Der Überfall auf das Haus Nummer 22 war lange geplant. Das Datum stand fest. „Hat Felix mich als Publikum vorgesehen?“, fragt sich Karl-Heinz D. Wie muss sein Sohn es genossen haben, beim grandiosen Finale hell beleuchtet und von der Polizei umstellt zu sein! „Das war seine große Stunde. Und das entsetzte Gesicht seines Alten wäre für ihn die Krönung des Triumphes gewesen“, sagt D., „gerade mir wollte er zeigen, was für ein Kerl er ist.“

Jetzt schreibt Felix seinem Vater lange Briefe aus dem Gefängnis. Er schreibt, wie lieb er die Familie hat, dass er keinen Fernseher braucht und keinen Computer. Tagsüber macht er eine Ausbildung zum Handwerker, abends liest er die Bibel, nachts betet er. Um den Hals trägt er seit Kurzem ein Kreuz, denn durch die Gespräche mit dem Anstaltsgeistlichen ist er zum Christen geworden. Wenn man ihm sagt, er dürfe sich im Laden etwas kaufen, winkt der Untersuchungshäftling D. ab und teilt den Beamten mit, er sei an irdischen Gütern nicht mehr interessiert.

Felix hat sich auf eine lange Jugendstrafe eingerichtet. Er hadert nicht mit dem Schicksal, im Gegenteil: Aus seinen Briefen spricht Demut, fast Zufriedenheit. Da sitzt einer in seiner Zelle wie der Eremit in seiner Klause. Vier Wände drum herum, Gitter, Stacheldraht. Felix muss den Planeten nicht mehr zerstören, und er muss ihn nicht mehr retten. Eine schwere Last ist von seinen Schultern genommen. Die Möglichkeiten sind plötzlich sehr begrenzt.

Sein Opus magnum liegt hinter ihm. Felix hat die Erfahrung gemacht, äußerste Macht auszuüben: Er hat Menschen das Leben genommen. Und diese Erfahrung ist nichts wert. Einfach nur nichts.

 
Leser-Kommentare
  1. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Meinung sachlich. Danke. Die Redaktion/er

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