Am liebsten bereite ich anderen Menschen Träume. Dafür komme ich in diesem Jahr zur Documenta nach Kassel. Die Idee ist einfach: Ich bringe 1001 Chinesen mit. Sie kommen aus allen Berufen und allen Regionen Chinas. Die meisten von ihnen wären sonst nie im Leben nach Deutschland gekommen. Mit dabei sind einfache Bauern oder Angehörige von Minderheiten, die bisher nicht einmal einen offiziellen Namen hatten. Sie beantragen jetzt zum ersten Mal einen Reisepass. Sie entdecken, dass sie reisen können. Viele von ihnen haben mir gesagt: „Das ist ein Traum. Das kann nicht Wirklichkeit sein.“

Was dann in Kassel mit ihnen passiert, müssen wir einfach geschehen lassen. Wir leben ja immer noch in der alten Welt: hier Deutsche, dort Chinesen, jeder in seinem Staat. Mich regt die Ineffizienz dieser alten Welt auf. Viele Grenzen existieren heute nur noch in unserer Vorstellung. Vielleicht können wir in Kassel die Ängste zwischen Chinesen und Deutschen abbauen. Vielleicht sind wir selbstbewusst genug, um uns unsere gegenseitigen Schwächen zu zeigen. Es wird sicher viel spannender als eine Begegnung zwischen den Staatsvertretern unserer Länder.

Ich verlasse mich ungern auf den Staat. Ich wuchs während der Kulturrevolution unter Mao Tse-tung auf und wurde kommunistisch erzogen. Noch heute kann ich viele Reden Maos auswendig, kann ganze Artikel von ihm vom ersten bis zum letzten Wort zitieren. Sein Denken bildete die Struktur meiner Sprache. Es ersetzte meine Träume. Es sollte mir als Werkzeug dienen, die Welt zu begreifen. Doch das Werkzeug war nutzlos.

Die Kulturrevolution machte uns zu Opfern. Mein Vater war berühmt, er galt als Poet der Nation, bevor ihn die Partei Ende der fünfziger Jahre denunzierte. Er hatte in den dreißiger Jahren in Paris Kunst studiert, als Kind zeigte er mir die Werke der europäischen Impressionisten und die von Rodin oder Picasso. In meinen Augen leuchteten ihre Werke wie Diamanten in der Wüste. Wir lebten damals wirklich in der Wüste, in den gelben Hügeln der Wüste Gobi, wohin die KP unsere Familie verbannt hatte. Tagsüber musste mein Vater öffentliche Toiletten putzen, abends holten ihn die Parteikader zu peinigenden Veranstaltungen ab. Kinder schmissen Steine auf ihn. Auch ich bekam ihre Schläge ab. Meine ganze Kindheit erlebte ich inmitten ständiger Menschenrechtsverletzungen. Niemand half mir, kein Lehrer, kein Mitschüler. Meine Eltern waren so schwach, dass sie jeden Augenblick hätten sterben können.

China war damals ein einfarbiges Land. Das Leben bestand für mich aus Leiden. Es gab keine Schätze, die man bergen konnte, keine Fantasie, keine romantischen Gefühle, keine Menschlichkeit, nur den instinktiven Überlebenswillen. Als Kind fühlt man diesen Willen besonders stark. Ich erkannte meine Stärke darin, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Ich begann, mich abzugrenzen und in meiner eigenen Welt zu wandern, abseits des politischen Kampfes. Ich begab mich auf die Umwege der Kunst und Literatur. Das half mir, mich irgendwann als Individuum zu entdecken. Aber ich wundere mich heute noch darüber, dass ich mich nie an einen Traum erinnere. Liegt es an der psychischen Folter, die ich als Kind mit meiner Familie erleiden musste?

Das alles ist heute nicht weit weg. Nur 30 Jahre sind seither vergangen. Manche Strukturen haben sich nicht verändert. Wir leben immer noch in einem kommunistischen Staat. Viele Wahrheiten dürfen bis heute nicht ausgesprochen werden. Zugleich leben wir im 21. Jahrhundert, im Informationszeitalter, und genießen die Freiheit im Kapitalismus. Zwar gibt uns der materielle Fortschritt im Alltag viele neue Entscheidungsmöglichkeiten. Doch glaube ich, dass uns die alten Strukturen immer noch prägen.

Die Leute da oben haben ihre Macht nicht aufgegeben, und sie nutzen heute den Wirtschaftsaufbau, um sich das Kapital in die eigene Tasche zu stecken. Das geht auf Kosten derjenigen, die keine Macht besitzen und all ihre Rechte verschenken, nur um ein bisschen mehr Lohn zu verdienen. Die meisten sind es einfach nicht gewohnt, ihren Kopf selbstständig zu gebrauchen. Sie unterscheiden nicht zwischen richtig und falsch. Sie kümmert nur die Farbe ihres neuen Sofas. Zurück bleibt das gleiche Gefühl der Machtlosigkeit wie in meiner Jugend.

Natürlich bin ich heute, oberflächlich gesehen, sehr erfolgreich. Aber die Wüste um mich herum existiert immer noch. Was man in China heute erreichen kann, tut man privat, nicht für andere, nicht für die Gesellschaft. Gerade für meine Generation aber bedeutet das Private nichts und das Gesellschaftliche alles. Mein Schicksal ist immer nur eine Reflexion des Schicksals der anderen. Auch wenn wir heute wissen, dass es einen utopischen Staat nie geben wird, können wir unser Glück deshalb nicht privat definieren.

Solche Widersprüche bestehen in jeder modernen Gesellschaft. Die Menschen verlangen Sicherheit und Effizienz. So schauen alle ins grelle Licht der Rationalität. Darin liegt die Verführung des Westens. Ich habe großes Vertrauen in die Tradition rationalen Denkens im Westen und die auf diesem Denken basierenden pragmatischen Konfliktlösungsmechanismen. Aber wir alle sind unvollkommene Kreaturen. Unsere Stärken können uns blind für unsere Schwächen machen. Wenn wir zu stolz auf etwas sind, vergessen wir die Gesetze der Natur.

Wir alle, im Westen und im Osten, erreichen heute ein Stadium, in dem wir uns auf pluralistische Art und Weise wieder dem Denken der alten chinesischen Philosophen annähern. Auch in ihrem Denken kreist alles um die Aufklärung. Aber es gibt für sie nicht den Begriff der Krise. Schwächen und Fehler der Menschen sind Teil ihrer Einzigartigkeit, die sich nicht ignorieren lassen. Die eigenen Fehler zu bekämpfen kann gefährlich sein, man muss mit ihnen leben lernen. Nach unserem alten philosophischen Konzept ist das Universum nicht teilbar, schon gar nicht in Gut und Böse. Der Mensch ist nicht das allen anderen überlegene Wesen, sondern nur ein Teil des Ganzen. Effizienz kann nicht sein Ziel sein. Mich in diese alten Gedanken einzufinden – das sind meine Tagträume.

Aufgezeichnet von Georg Blume

Ai Weiwei, 50, Künstler, Kurator und Architekt aus Peking, nimmt an der Documenta 12 in Kassel teil. Er zählt zur ersten Generation westlich inspirierter Avantgarde-Künstler in China. Gemeinsam mit den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entwickelte er das Konzept für das Pekinger Olympiastadion

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