Ich habe einen Traum "China war ein einfarbiges Land"Seite 2/2
Natürlich bin ich heute, oberflächlich gesehen, sehr erfolgreich. Aber die Wüste um mich herum existiert immer noch. Was man in China heute erreichen kann, tut man privat, nicht für andere, nicht für die Gesellschaft. Gerade für meine Generation aber bedeutet das Private nichts und das Gesellschaftliche alles. Mein Schicksal ist immer nur eine Reflexion des Schicksals der anderen. Auch wenn wir heute wissen, dass es einen utopischen Staat nie geben wird, können wir unser Glück deshalb nicht privat definieren.
Solche Widersprüche bestehen in jeder modernen Gesellschaft. Die Menschen verlangen Sicherheit und Effizienz. So schauen alle ins grelle Licht der Rationalität. Darin liegt die Verführung des Westens. Ich habe großes Vertrauen in die Tradition rationalen Denkens im Westen und die auf diesem Denken basierenden pragmatischen Konfliktlösungsmechanismen. Aber wir alle sind unvollkommene Kreaturen. Unsere Stärken können uns blind für unsere Schwächen machen. Wenn wir zu stolz auf etwas sind, vergessen wir die Gesetze der Natur.
Wir alle, im Westen und im Osten, erreichen heute ein Stadium, in dem wir uns auf pluralistische Art und Weise wieder dem Denken der alten chinesischen Philosophen annähern. Auch in ihrem Denken kreist alles um die Aufklärung. Aber es gibt für sie nicht den Begriff der Krise. Schwächen und Fehler der Menschen sind Teil ihrer Einzigartigkeit, die sich nicht ignorieren lassen. Die eigenen Fehler zu bekämpfen kann gefährlich sein, man muss mit ihnen leben lernen. Nach unserem alten philosophischen Konzept ist das Universum nicht teilbar, schon gar nicht in Gut und Böse. Der Mensch ist nicht das allen anderen überlegene Wesen, sondern nur ein Teil des Ganzen. Effizienz kann nicht sein Ziel sein. Mich in diese alten Gedanken einzufinden – das sind meine Tagträume.
Aufgezeichnet von
Georg Blume
Ai Weiwei, 50, Künstler, Kurator und Architekt aus Peking, nimmt an der Documenta 12 in Kassel teil. Er zählt zur ersten Generation westlich inspirierter Avantgarde-Künstler in China. Gemeinsam mit den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entwickelte er das Konzept für das Pekinger Olympiastadion
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 25.06.2007 - 14:43 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 21.06.2007 Nr. 26
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