Pisagoras
Bei ihm kapiert jeder Mathe!
Pisagoras, ein neuer Preis für Lehrer, zeichnet Deutschlands beliebteste Pädagogen aus. Wir drucken Auszüge aus Vorschlägen der Schüler
Der Lehrerpreis Pisagoras unter der Schirmherrschaft von Bundesbildungsministerin Annette Schavan wird in diesem Jahr zum ersten Mal verliehen. Schüler der Abgangsklassen aller Schulformen waren aufgerufen, ihre Lieblingslehrer vorzuschlagen. Bei der Wahl ihres Kandidaten sollten sie ihre gesamte Schulzeit Revue passieren lassen und in den Beurteilungen Kriterien wie Persönlichkeit und fachliche Kompetenz berücksichtigen. Weiterhin wurde nach »besonderen Erlebnissen« mit dem Lehrer gefragt.
Fast 4000 Antworten erhielt die 16-köpfige Jury, die in den vergangenen Wochen die herausragendsten Pädagogen auswählte. Bevor der Pisagoras am 6. Juli offiziell verliehen wird, stellen wir einige der nominierten Kandidaten vor.
Die Texte auf dieser Seite sind Ausschnitte aus den oft sehr umfangreichen Schilderungen der Schüler. An fast allen Lehrerprofilen haben sich jeweils mehrere Schüler beteiligt, sodass auch in diesen gekürzten Fassungen meist die Meinungen verschiedener Schüler stecken.
Ausgewählte Lehrerprofile:
Ruth Ritgen , Lehrerin für Deutsch, Englisch und Ethik am Tulla-Gymnasium in Rastatt:
Man muss sich Frau Ritgen so vorstellen: Sie ist eins sechzig groß, mollig, aktiv und hat immer ein Lächeln auf den Lippen. Im Gegensatz zu vielen anderen Lehrerinnen und Lehrern ist sie sehr umgänglich (also nicht zickig). Sie versucht, mit jedem Schüler ein gutes Verhältnis zu pflegen. Sie setzt zum Beispiel Abgabetermine fest und droht mit Strafen, falls diese nicht eingehalten werden doch falls das wirklich aus Versehen passieren sollte, ist sie nachsichtig. Sie ist bereit, sich auf andere Sichtweisen einzulassen, was sie zu einer Rarität unter den oft verbohrten Lehrern macht.
Ich kenne keinen Lehrer, der mehr Zeit an der Schule verbringt als Frau Ritgen. Egal, ob man morgens um halb acht kommt oder abends um halb sechs geht, ihr Auto steht meistens da. Frau Ritgen wird wegen ihres Engagements teilweise von Kollegen belächelt (vielleicht sehen sie darin ja Konkurrenz). Sie war noch neu und fing schon an, unsere Schule zu verändern. Sie hat sie verschönert, indem sie die Stadt Rastatt dazu überredet hat, die Farbe für einen Innenanstrich zu zahlen und die Schüler selbst streichen zu lassen. Es gab eine Menge freiwilliger Helfer. Als die Stadt die Kosten für die Farbe dann doch nicht decken wollte, veranstaltete Frau Ritgen ein Sportfest, an dem sich Schüler Sponsoren suchten, die für jede gelaufene Minute eine gewisse Summe zahlen.
Dieter Radde ,Lehrer für Geschichte und Erdkunde am Luise- Henriette-Gymnasium in Berlin-Tempelhof:
Unser Dieter Radde man sieht ihn den ganzen Tag herumrennen, dieser Mann kann nicht still sitzen. In Sachen Engagement ist Herr Radde nicht zu übertreffen. Ich habe bisher noch keinen Schüler über ihn fluchen hören. Es ist unglaublich, aber dieser Mann hat einfach eine Antwort auf jede Frage, die er gestellt bekommt, ohne dabei rechthaberisch zu wirken. Dennoch hat er in 95 Prozent der Fälle recht. Es macht immer wieder Spaß, ein geistiges Duell gegen ihn zu führen, auch wenn man nur selten siegreich ist. Der Mann mit der Boss-Jeans, dem Knopfhemd, dem Sakko und der Brille wenn wir keinen richtigen Direktor hätten, dann wäre Herr Radde die Nummer eins auf dieser Schule. Für die meisten ist er das ja sowieso. Er ist so was wie die tragende Säule, ohne ihn bricht das Bollwerk »Schule« zusammen.
Herr Radde ist permanent auf Koffein, sonst wäre es auch völlig unerklärbar, wie das, was er macht, alles zu schaffen ist. Es ist wirklich beeindruckend, wie man das überleben kann, ich wäre nach spätestens einer Woche am Ende. Ein besonderes Erlebnis war für mich, wie ich Herrn Radde einmal abends nach 17 Uhr aus der Schule laufen sah. Er wurde von seinen beiden Kindern, die gleich an ihm hochsprangen, und seiner Frau abgeholt. Da wurde mir noch mal so wirklich bewusst, was dieser Mann leistet, denn bei seinem Engagement in der Schule ist es kaum vorstellbar, dass er gleichzeitig noch zwei Kinder in seiner »Freizeit« mit erzieht.
Birthe Flathmann , Lateinlehrerin an der Alexander-von- Humboldt-Gesamtschule in Wittmund (Ostfriesland):
Frau Flathmann ist sehr emotional im Unterricht. Wenn wir Vokabeln lernen sollten und wir das nicht gemacht haben, ist sie so traurig, dass wir ein schlechtes Gewissen kriegen und uns am Nachmittag doch hinsetzen, um zu lernen. Sie begeistert uns alle für das Fach Latein, sodass keiner aus unserer Klasse Latein abgewählt hat. Frau Flathmann gibt Noten nach Gerechtigkeit und nicht nach Aussehen oder privaten Vorlieben. Also Daumen hoch für unsere Superlehrerin. Geduld hat sie auch, und das nicht zu wenig. Sie, die Superfrau, löst alle Probleme, ob es mit der Liebe zu tun hat oder ob es einfach ein Schulproblem ist, sie macht das schon. Auch wenn ein Schüler Schwächen hat, werden diese angefasst, und es wird nicht darüber hinweggesehen. Sie ist einfach einzigartig.
Hans Glas , Physik- und Mathelehrer am Josef-Effner- Gymnasium in Dachau:
Herr Glas ist ein besonderer Mensch, der sich mit ganzem Herzen für uns Schüler einsetzt und uns in unserer Verschiedenartigkeit achtet und unterstützt. Er sieht uns nicht als Arbeitsmaschinen, sondern als Menschen, denen er für ihr zukünftiges Leben nicht nur das nötige Wissen, sondern auch ein Gespür für das Gegenüber und Verständnis für die Welt vermitteln will. Er ist aufrichtig und auch bereit, Versäumnisse und Fehler einzugestehen.
Herr Glas ist ein Lehrer, dem seine Schüler wahnsinnig wichtig sind. Als unser Kollegstufenleiter sorgt er sich um die schulischen Probleme eines jeden Einzelnen und hat zu jedem eine freundschaftliche Beziehung. Er war bei vielen von der Kollegstufe organisierten Veranstaltungen, ja hat sogar Silvester auf unserer Party mitgefeiert. Er lebt für die Schule und seine Schüler, freut sich mit ihnen und unterstützt sie. Ein Beispiel hierfür wäre sein Angebot, sogar in den Ferien Mathe-Tage als Vorbereitung auf das Abitur einzulegen. Eine Schule ohne Herrn Glas ist für mich undenkbar.
Martina Schmitz-Wysocki , Musiklehrerin an der Gesamtschule Iserlohn:
Die Frau ist klasse, hat Klasse, und ich gehe in ihre Klasse. Egal, was ist, sie ist immer da und hilft jedem Schüler. Wenn man ihr etwas vorschlägt, ist sie für jeden Spaß zu haben. Und wenn ein Schüler Probleme hat, legt Frau Schmitz Überstunden ein.
Ich hatte eine beste Freundin, doch dann hatte sie neue Freundinnen, und ich stand alleine da. Sie hatte drei andere Mädels gefunden, die plötzlich meinten, mich aus ihrer Gruppe rausekeln zu wollen. Sie beschimpften mich, schlossen mich aus und lästerten. Frau Schmitz sprach mich an, dass ich mit meiner Mutter in die Schule kommen solle. Frau Schmitz hatte es gemerkt, dass sie mich gemobbt hatten. Ich wollte es nicht wahrhaben, und meine Mutter verstand Frau Schmitz.
Frau Schmitz sprach mit vielen Menschen, startete dann eine Spiegelrunde in der Klasse. Alle Schüler dürfen was sagen, nur die Betroffenen nichts. Das waren die schlimmsten drei Stunden in meinem Leben. Jedoch habe ich es mit Hilfe dieser Lehrerin geschafft, wieder glücklich in die Schule zu gehen, und das ist eine Leistung, die man nicht beschreiben kann. Diese Lehrerin hat es verdient, einen Preis für ihr Leben und ihre Hilfsbereitschaft in der Schule zu bekommen. Danke, liebe Frau Schmitz.
Heinz Göbel , Lehrer für Mathe, Physik und Astronomie am Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach:
Herr Göbel ist der einzige Lehrer auf unserer Schule, der keine Lieblingsschüler hat, für ihn sind alle gleich. Wir haben noch nie so viel Mathe verstanden wie bei ihm, was sich auch in unseren Noten niederschlägt. Seine Matheklasse schneidet beim Abitur immer am besten ab, dies zeigt doch, dass sein Unterricht irgendwas hat, was andere nicht haben. Wir wissen nicht genau, was es ist, seine liebe Art, seine Tricks, die uns das Lösen der Aufgabe viel einfacher machen, oder seine Geduld?
Selbst für den Unmotiviertesten wird Mathe interessant gemacht. »Wenn Sie mal wieder zu viel Bier trinken, müssen Sie doch berechnen können, nach welcher Zeit Sie wieder Auto fahren können«, sagt er dann. Er lässt jeden zu Wort kommen und fragt auch öfter die, die eigentlich nicht so viel Ahnung haben, nach ihren Ansätzen und fühlt sich immer in deren Denkweise ein. Auch sind wir ihm so wichtig, dass er noch ein zusätzliches Fach übernommen hat, nämlich Astronomie. Und er bekommt nicht mal Geld dafür. Herr Göbel schwimmt in Überstunden. Unser Direktor hat gemeint, dass er Astro nicht stattfinden lassen möchte, da er Herrn Göbel dafür nicht bezahlen könne und nun macht er es nur für uns und aus reiner Freude am Unterricht.
Angela Jenning , Lehrerin für Deutsch, Sozialkunde und Russisch an der Regionalschule am Inselsee in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern):
Frau Jenning ist eine sehr unternehmungslustige Frau, denn wenn wir auf Klassenfahrt waren, hat sie immer total »abgerockt« und war jeden Tag supergut gelaunt, auch wenn es mal geregnet hat oder wenn es mit uns mal nicht so leicht war. Frau Jenning hatte immer gute Laune. Was wir an Frau Jenning auch sehr schätzen, ist ihre offene Art, sie hat einem alles ins Gesicht gesagt, auch wenn es mal was Negatives war. Was ich nicht vergessen werde, sind die Geräusche, die Frau Jenning macht, wenn sie niest, oder ihre tollen Handbewegungen, wenn sie uns etwas erklärt.
Rolf Kaliske , Lehrer für Mathematik und Physik an der Sophie-Charlotte-Oberschule in Berlin:
Herrn Kaliske gelingt es sogar an einem Freitag in der letzten Stunde, seine Schüler für den Unterricht zu begeistern. Wenn ein Schüler, der auf fünf steht, auch noch behaupten kann, diesen Unterricht zu mögen, dann hat das etwas zu bedeuten. Sein Unterricht ist eine Zusammenstellung aus prall gefülltem Wissen und einer Prise Humor. Er ist ein Mensch, der keine Kultur, keine Geschlechter oder Altersgruppen verachtet.
Herr Kaliske begrüßt jeden auf dem Weg in seine Klassen, was ich äußerst ungewöhnlich finde, wenn man andere Lehrer in Betracht zieht. Oftmals spricht er auch privat mit uns und hat ein Ohr für Probleme. Ich hab mich in einen anderen Lehrer verliebt und Herrn Kaliske davon erzählt. Er hat mir sehr ernsthaft zugehört und alles streng vertraulich behandelt. Er hat sich viele Gedanken gemacht und mich, so gut es ging, beraten. Dabei hat er mich nie als verrückt oder als psychologischen Fall behandelt, sondern ganz normal.
- Datum 28.6.2007 - 05:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.06.2007 Nr. 27
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