Dienstag, siebte Stunde an der Carl-von-Ossietzky-Oberschule in Berlin-Kreuzberg. Für 15 Siebtklässler steht Deutsch als Zweitsprache (DAZ) auf dem Stundenplan. Sie stammen aus türkischen oder arabischen Familien. Nalan Kilic teilt Arbeitsblätter aus. Die Schüler sollen ein Gedicht vervollständigen, das letzte fehlende Wort einsetzen. Alle scheitern an der Aufgabe, keiner findet den richtigen Begriff. Für die meisten seien die DAZ-Stunden eine lästige Übung, sagt Kilic. Sie glaubten, dass sie den Sprachunterricht nicht nötig hätten. Dafür, dass man es mit Bildung doch zu etwas bringen kann, möchte die junge Lehrerin in Jeans und weißem T-Shirt ein Vorbild sein.

Sie ist eine von 13 Lehrerinnen und Lehrern mit Migrationshintergrund an der Carl-von-Ossietzky-Oberschule. Die rund 1200 Schüler der Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in dem Multikultikiez stammen zu 60 Prozent aus Migrantenfamilien; in manchen Klassen liegt ihr Anteil deutlich höher. In den meisten Berliner Schulen stehen durchweg deutsche Lehrer vor solchen Klassen.

Beinahe 20 Prozent der deutschen Bevölkerung haben laut Mikrozensus 2005 einen Migrationshintergrund; bei den Grundschülern stammt bereits jedes dritte Kind aus einer Einwandererfamilie. Doch nur etwa ein Prozent der mehr als 670000 deutschen Lehrer an allgemeinbildenden Schulen haben nach Angaben des Verbandes Erziehung und Bildung einen Migrationshintergrund. An der Carl-von-Ossietzky-Schule ist es immerhin jeder Zehnte. Das liegt an dem deutsch-türkischen Zug der Schule. Pro Jahrgang gibt es eine Klasse, die bilingualen Unterricht erhält.

Bildungsexperten versprechen sich von Pädagogen wie Nalan Kilic, dass sie als Brückenbauer auftreten. Sie kennen beide Kulturen – die deutsche und die des Herkunftslandes der Migranten – und können als Mittler das gegenseitige Interesse und Verständnis fördern. Als Vorbilder sollen sie Mut machen und beweisen, dass auch Migranten in der bildungsbürgerlichen Mitte der deutschen Gesellschaft ankommen können.

Dass Nalan Kilic dies gelang, hat sie vor allem ihren Eltern zu verdanken, die sie als »tolerant und liberal« beschreibt. »Du musst finanziell unabhängig sein«, hätten die Eltern zu ihr gesagt, »du musst was lernen.« Aus dem »Gastarbeiterkind der ersten Stunde«, wie sie sich selbst nennt, ist eine waschechte Berlinerin geworden. »Ich bin nicht integriert, ich gehöre hierher, ich bin hier groß geworden!«, sagt sie mit Nachdruck. Ein Leben außerhalb von Wedding im Norden der Hauptstadt kann sie sich nicht vorstellen. Dort ist sie aufgewachsen, dort lebt sie bis heute mit ihrem Mann und ihrem neunjährigen Sohn.

»Ja«, sagt Nalan Kilic, »wir sind eine Brücke, vorausgesetzt, wir kennen beide Kulturen gleich gut. Ich sitze sozusagen auf zwei Stühlen und kann deshalb Menschen, die zwischen den Stühlen sitzen, weiterhelfen.« Das Brückenbauen geschieht im Schulalltag meist nebenher, vor allem in den Diskussionen im Unterricht, in denen sie als meinungsstarke Persönlichkeit auftritt – und gern provoziert. Wenn sie mit ihren Schülern zum Beispiel über Homosexualität spreche, ernte sie regelmäßig Entsetzen. »Igitt, das ist doch krank«, lauteten die Kommentare vor allem der muslimisch geprägten Jugendlichen. »Oder ich sage: Es ist okay, wenn Mädchen nicht als Jungfrau heiraten.« Wenn solche Sätze von einer türkischen Lehrerin kämen, seien die Jugendlichen baff. »Und dann fangen sie an nachzudenken. Wenn man sie dazu bringt, dann hat man was erreicht für die Integration.«