»Trägst du den Hut da auch in Hamburg?«, wundert sich Nicholas Ray und deutet mit gestrecktem Pistolenfinger auf den Cowboyhut von Dennis Hopper. »Was ist verkehrt an einem Cowboy in Hamburg?«, fragt der zurück. Man hätte die Frage aus Wim Wenders’ Film Der amerikanische Freund auch dem Trompeter Chet Baker stellen können, der als Cowboy durch Europa zog. Ein Einzelgänger, der seinen Job macht und weiterzieht. Jeder erzählte dann später eine andere Version von der Geschichte: als Chet kam, sich Partner suchte, spielte, seine Gage in bar kassierte, den Koffer packte und wieder verschwand.

Glaubt man seiner Musik auf Platten, dann gab es ihn dreimal. Zum einen den jungen Trompeter mit dem weichen, doch zupackenden Ton, der in der Jazzszene Kaliforniens zum Star wurde, als er im pianolosen Quartett des Baritonsaxofonisten Gerry Mulligan seine lyrischen Soli blies, der mit femininer Stimme Standards hauchte, wie sie vorher nicht zu hören waren: der einem There Will Never Be Another You einflüsterte, der von My Funny Valentine erzählte, die sich nie ändern dürfe, da sie unvergleichlich sei. Chet Baker, 1929 in Yale, Oklahoma, geboren, stieg rasch zum James Dean des Jazz auf, geadelt durch die Fotos William Claxtons, der dem Cool Jazz sein – bis heute kopiertes – schwarz-weißes Ambiente verpasste und die deprimierende Zahnlücke Chet Bakers elegant verbarg.

Dann gab es seit Mitte der fünfziger Jahre den getriebenen Junkie, der versuchte, dem Image des Frauenflüsterers die Musik des männerharten Trompetenimprovisators entgegenzusetzen, eine Phase, die 1968 endete, im Absturz, in der Sozialhilfe, im endgültigen Verlust der Zähne. Dass Chet Baker 1974 zurückkehrte, erscheint nachträglich wie die tägliche Wiederauferstehung eines dem Tode geweihten: 14 europäische Jahre bis zum tödlichen Sturz aus einem Hotelzimmer in Amsterdam 1988, mit Auftritten zwischen Himmel und Hölle, bei denen ihm jeder als Letzter beim Sterben zusehen wollte.

Chet Baker war kein oktavensprengender Virtuose, er spielte den romantischen Wanderer, der keine Arrangements lesen konnte, dafür Ton um Ton den Begriff des Originalgenies auf Platte buchstabierte. Sein lyrischer Tonfall wurde immer brüchiger, seine Akkordprogressionen klangen immer singbarer, zwischen Sprechen und Atmen gab es oft keinen Unterschied mehr. Manche lieben seine Aufnahmen aus den fünfziger Jahren mit dem Pianisten Russ Freeman, andere hielten seine Einspielungen 1955 in Paris mit dem Pianisten Dick Twardzik für den Höhepunkt, da dort Singen und Spielen identisch wurden. Es waren die Songs, in denen er lebenslang zu Hause war. Kurz vor seinem Tod gab er im Hotel in Amsterdam als Wohnort Yale, Oklahoma, an. Der Cowboy sagt: »Who cares?«