Die Lümmel aus der letzten Reihe

DIE ZEIT: Jungen machen Eltern und Lehrern Sorgen. Sie schneiden in der Schule im Schnitt schlechter ab als Mädchen. Sie fallen häufiger negativ auf: als Störenfriede, Legastheniker oder Computerjunkies. Was weiß die Wissenschaft über die Gründe für diese Entwicklung?

Jürgen Budde: Jungen sind noch nicht lange Gegenstand der Forschung.

Bislang haben wir zwar viele statistische Erkenntnisse, etwa über die schlechteren Leseleistungen von Jungen aus den Pisa-Studien. Unter den schwachen Lesern sind sie zum Beispiel fast doppelt so häufig vertreten wie Mädchen. Auch zwei Drittel der Schulabbrecher sind männlich. Viel weniger wissen wir dagegen über die Ursachen dieser Phänomene. Ein Grund für die wachsenden Schwierigkeiten von Jungen dürfte jedoch ihr Medienkonsum sein. Sie verbringen weit mehr Zeit als Mädchen mit Fernsehen und Computerspielen. Nicht selten sind die Inhalte der Programme von Gewalt geprägt. Stark emotionale Erlebnisse aber schwächen vermutlich die Konzentrationsfähigkeit.

ZEIT: Gibt es weitere Gründe?

Budde: Wir wissen, dass Geschlechterbilder einen großen Einfluss haben. Jungen orientieren sich in der Schule besonders an Normen von Männlichkeit, die mit den schulischen Normen in Konflikt stehen.

Das beeinträchtigt die schulischen Leistungen. Vereinfacht gesagt: Gute Leistungen gelten als uncool. Ein Teil der Jungen zeigen lieber körperliche Stärke, sie wollen überlegen sein und suchen häufiger als Mädchen Anerkennung in der Klasse über den Konflikt mit dem Lehrer.

Lehrer aber schätzen selten Schüler, die den Unterricht stören. Die Folge: Selbst wenn Jungen die gleichen Kompetenzen wie Mädchen haben, erhalten sie durchschnittlich schlechtere Noten.

ZEIT: Dieses typische Jungenverhalten gab es doch schon immer. Warum wirkt es sich plötzlich so negativ aus?

Budde: Weil sich Schule verändert hat. Sie beschränkt sich nicht mehr allein auf die reine Wissensvermittlung, sondern beteiligt sich stärker als früher an der Erziehung der Kinder und Jugendlichen, insbesondere in den wachsenden Ganztagsschulen. Außerdem wird heute mehr Wert auf die Vermittlung sozialer Kompetenzen gelegt. Und da fallen die Jungen auf, weil gerade sie häufiger bei sogenannten Schlüsselqualifikationen wie Teamgeist oder Kommunikationsfähigkeiten größere Defizite haben.

ZEIT: Ist nicht auch die sogenannte Verweiblichung der Erziehung mitverantwortlich für die Jungenkrise?

Budde: Ich glaube, dieser Faktor wird überschätzt. Es stimmt, dass die meisten Lehrkräfte und Erzieher besonders in Kindergärten und Grundschulen Frauen sind. Ebenso sind in den Familien immer noch Frauen stärker für die Erziehung verantwortlich als Männer. Insgesamt ist das aber kein neues Phänomen. Auch ich hätte meinen Vater gerne mehr gesehen, aber er hat 50 Stunden in der Woche gearbeitet. Es stimmt jedoch, dass manchen Jungen konkrete männliche Vorbilder im Alltag fehlen. Stattdessen orientieren sie sich öfter an unrealistischen Vorbildern wie Kriegern, Fantasiehelden, Rapmusikern, deren Beispiel ihnen im Alltag nicht viel weiterhilft.

ZEIT: Also braucht es doch mehr Männer in der Erziehung.

Budde: Ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis ist tatsächlich wünschenswert. Aber nur mehr Männer in die Kitas zu schicken ist sicher nicht die Lösung. Das könnte auch dazu führen, dass nur die Geschlechtsrollenklischees verstärkt werden wenn der Erzieher fürs Fußballspielen zuständig ist und die Erzieherin fürs Basteln.

Stattdessen sollen die Jungen vielfältige Rollenmuster kennenlernen, mit denen sie sich identifizieren können, also auch Frauen, die mit einem Hammer umgehen, und Männer, die trösten können.

ZEIT: Kümmern sich männliche Pädagogen besser um die spezifischen Belange der Jungen als Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen?

Budde: Das ist keinesfalls garantiert. Wenn Sie heute in einer Schule eine Fortbildung zur Jungenförderung veranstalten, dann sitzen da 14 Lehrerinnen und drei Lehrer. Männer befassen sich eben seltener mit der Geschlechterfrage als Frauen, auch wenn es um Jungen geht. Das hat damit zu tun, dass man bei diesem Thema auch seine eigenen Rollenvorstellungen hinterfragen muss. Männer sind das weniger gewohnt.

ZEIT: Was muss sich also in den Schulen ändern?

Budde: Wir benötigen Lehrer Männer wie Frauen , die besser über Sozialisationsbedingungen von Jungen Bescheid wissen. Außerdem sollten sie in der Lage sein, auf die Interessen von Jungen und Mädchen im Unterricht einzugehen. Sie könnten zum Beispiel im Deutschunterricht auch Bücher anbieten, die eher Jungen gefallen. Viele Jungen mögen etwa Comics, die im Unterricht nur selten eingesetzt werden. Das heißt übrigens nicht, dass die Lehrkräfte alle Jungen gleich behandeln sollen. Denn das wird oft vergessen: Es gibt ja nicht nur laute Jungen, die stören, sondern ebenso leise, schüchterne oder unauffällige. Auch die müssen im Unterricht zu ihrem Recht kommen.

ZEIT: An immer mehr Schulen zieht man jetzt Jungenpädagogen zurate.

Können die helfen?

Budde: Durchaus, zum Beispiel mit Projektwochen zur Lebensplanung oder durch Engagement am Boys Day. Effektiver aber, als einmal in der Woche für zwei Stunden einen Jungenpädagogen in die Klasse zu holen, scheint mir, dass sich die Schule insgesamt verändert. Die Lehrer sollten alle Schüler individuell so fördern, dass sie viel lernen können Mädchen wie Jungen. In Deutschland fällt den Schulen dieser individuelle Zugang zum Schüler jedoch häufig schwer. Hier herrscht noch immer der Gedanke vor, dass in einer Klasse alle zur gleichen Zeit mit den gleichen Mitteln das Gleiche lernen müssen.

ZEIT: Was können Eltern unternehmen, um Jungen besser aufs Leben vorzubereiten?

Budde: Es gibt zurzeit viele Ratgeber zu dem Thema mit Titeln wie Jungen! Wie sie glücklich heranwachsen. Ich glaube, dass diese Art von Literatur in der Regel nicht viel weiterhilft. Denn Jungen sind viel zu unterschiedlich, als dass man ihnen mit schematischen Lösungen helfen könnte. Eltern können nicht mehr und nicht weniger machen, als Jungen in ihrer Eigenständigkeit zu fördern und ihnen möglichst viele und vielfältige Angebote zu machen. Das heißt sowohl mit Jungen zu toben als auch sie für Bücher zu interessieren, mit ihnen Fußball zu spielen als auch mit ihnen zu kochen.

ZEIT: Es geht also darum, verschiedene Wege zu zeigen, wie man ein Junge sein kann.

Budde: Genau. Mädchen wird mittlerweile eine größere Bandbreite an Verhaltensweisen zugestanden. Sie dürfen sozial und einfühlsam sein, aber auch stark und selbstbewusst. Das Jungen- beziehungsweise Männerbild ist dagegen noch immer recht eindimensional.

ZEIT: Und was können speziell Väter mit ihren Jungen tun?

Budde: Ich glaube, Väter müssen zur Lösung des Problems weniger bei ihren Söhnen als bei sich selbst ansetzen. Das heißt konkret, sie sollten versuchen, beruflich etwas zurückzustecken und sich dafür etwas mehr um die Erziehung zu kümmern. Die Elternzeit bietet dafür einen guten Einstieg.

Die Fragen stellte Martin Spiewak

Jürgen Budde ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Hamburg mit dem Forschungsschwerpunkt Jungenpädagogik

 
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