Für Mädchen muss es Rosa sein

Ein Geschenk muss her fürs Patenkind. Erster Geburtstag, erstes Lego, alles klar. Doch ganz so einfach ist es nicht, die simple Duplosteine-Kiste gibts kaum mehr. Im Lego-Laden ist eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen: das Anfängerset mit Auto oder mit Kätzchen? Wir nehmen das Autoset inklusive Fahrer mit grellgrüner Kappe. Mal sehen, was Elsa dazu meint.

Wahrscheinlich war das die falsche Entscheidung, glaubt man der Lego-Marktforscherin Evelyn Wurster: »Bei Mädchen gehen Tiere besonders gut.« Seit Anfang der neunziger Jahre versucht der Plastiksteinefabrikant weibliche Kundschaft mit eigenen Spielserien zu gewinnen, mit dem Puppenhaus Scala (samt Pferdetränke), dem Strandhotel Paradisa (nebst Pferdekoppel) und aktuell mit dem Märchenschloss Belville (plus königlichem Pferdestall). » Pferde gehen immer«, sagt Wurster.

Das Zusammenbauen an sich reize Mädchen weniger, sie liebten vor allem das Rollenspiel und das Dekorieren, sagt die Marketingfrau. Das ist ein ernstes Problem für den dänischen Spielkonzern, denn das Wesen von Lego liegt nun mal im Bauen. Doch die Entwickler kommen den Mädchen entgegen, mit Spielfiguren und Details, erklärt Wurster: »Hier haben wir noch ein Krönchen, da ein Lämpchen und dort eine Karotte fürs Kaninchen.«

Trotz der Bemühungen bleibt Lego meistens Männersache. 70 Prozent der Steinesets gehen an Jungen, 89 Prozent der Lego-Club-Mitglieder sind Jungen. Nur im Vorschulalter ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, mit Duplo spielen etwa gleich viele Mädchen wie Jungen.

»Mädchen sind eine Herausforderung«, sagt die Marktforscherin. » Die spielen einfach nicht so lange, da gibt es früh Konkurrenz von Mode, Schminke, Musik. Das geht schon mit neun, zehn Jahren los.« Deshalb bleiben Jungen ganz klar die wichtigste Zielgruppe von Lego. Und wenn im deutschen Hauptquartier in München neue Entwicklungen wie Rennautos getestet werden, laden die Marktforscher erst gar keine Mädchen ein.

Im Testspielzimmer hocken sechs Jungen auf dem grauen Teppichboden, sieben oder acht Jahre sind sie alt. Unter roten Tüchern ist verborgen, was noch kein Kind gesehen hat: die neuen Autos und Sprungschanzen. Drei Entwickler sind aus der Lego-Zentrale in Dänemark angereist, sie erwarten hinter verspiegelten Scheiben das Urteil der Tester.

Die dürfen zunächst mal nur gucken, nicht anfassen. Die Testleiterin holt das erste Gefährt unter dem Tuch hervor. Zehn Daumen schnellen in die Höhe, nur Lukas ist nicht überzeugt. Kein schlechter Wert auf der Daumenskala, dem Maß der Dinge für die Entwickler.

Verbesserungswünsche haben die Tester trotzdem. » Das Lenkrad muss man drehen können und klappen, das ist in der Formel1 auch so«, fordert Max. Die Entwickler notieren. » Ja, und hier, den Spoiler, den muss man einstellen können. Das muss geändert werden«, sagt Korbinian. Der übernimmt schnell die Anführerposition - bevor die anderen ihr Urteil abgeben, linsen sie kurz hinüber, was der Junge im pinkfarbenen Poloshirt macht. Beim letzten Rennvehikel kriegt er sich gar nicht mehr ein: »Geil, geil, geil.«

Plastikteile fliegen durch die Gegend: Die Jungen testen die Crashfunktion

Die Sprungschanzen dagegen lösen nur mäßiges Interesse aus, bis Korbinian beim dritten Modell das Kommando gibt: »Boah, geil!« Jetzt zieht auch Benedikt mit. » Da kann man dann so und dann Looping und dann so und weiterfliegen«, sagt er und verhaspelt sich vor Eifer. Ein dänischer Entwickler grinst. Sein Kollege geht ins Testzimmer, um zu demonstrieren, wie man mittels einer Abschussvorrichtung die Autos über die Schanze jagt. » Hey, Jan, jetzt hau mal Vollgas rein«, feuern ihn die Jungen an. Dann endlich dürfen sie selber ran. Die Schanzen sind schnell vergessen. Stattdessen lassen die Tester die Prototypen katapultbeschleunigt aufeinander zu rasen. Plastikteile fliegen durch die Gegend, Reifen springen weg. Das haben die Entwickler einkalkuliert, die Autos besitzen eine Crashfunktion.

Also alles beim Alten, sagt der Markt: Puppenhäuser für Mädchen, Rennautos für Jungen. Und was sagt die Wissenschaft? Im Prinzip das Gleiche. Schon im Alter von einem Jahr wählen Mädchen im Experiment meist Mädchenspielzeug und Jungen Jungenspielzeug. Wenn die Eltern während des Versuchs dabei sind, reagieren sie auf »passende« Spielsachen positiver als auf andere. Alles Erziehungssache also?

Der Einfluss scheint stark zu sein. So verschmähten ältere Kinder neutrales, an sich sehr attraktives Spielzeug, wenn die Forscher ihnen weismachten, es sei für das andere Geschlecht bestimmt, fand Carol Lynn Martin von der Arizona State University heraus. Die Kinder begründeten ihre Abneigung ausdrücklich damit, dass das Spielgerät für das jeweils andere Geschlecht gemacht sei, und erwarteten, dass andere Mädchen und Jungen genauso dächten. Ein Werbespot, in dem nur Jungen oder nur Mädchen mit einem neutralen Spielzeug spielten, hatte eine ähnliche Wirkung.

Doch weder Eltern noch Werbung kommen vollständig gegen Gene und Hormone an. Das zeigen Versuche mit Mädchen, die am Adrenogenitalen Syndrom (AGS) leiden. Bei dieser erblichen Stoffwechselkrankheit produziert die Nebennierenrinde zu viele männliche Hormone, schon im Fötus. Je nachdem welches Gen defekt ist, können die Symptome unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Anna Nordenström vom Karolinska Institutet in Stockholm beobachtete im Experiment, dass Mädchen mit AGS sich mehr mit Jungenspielzeug beschäftigen als gesunde Mädchen und zwar umso mehr, je stärker sie als Fötus Androgenen ausgesetzt waren. Eine weitere Studie zeigte, dass auch Eltern von Mädchen mit AGS ihre Töchter darin bestärken, Mädchenspielzeug zu wählen, und dass ihr Beifall sogar größer ausfällt als bei gesunden Mädchen, wenn ihre Töchter doch einmal zur Puppe greifen. Offenbar ohne Effekt.

»Süüüüß!« Das Mädchen will den Himbeerbär

Sogar schon bei recht schlichten Primaten wie den Grünen Meerkatzen will die Forscherin Gerianne Alexander die klassische Spielzeugverteilung ausgemacht haben: Männchen hätten häufiger Lastwagen und Ball gewählt, Weibchen Puppe und Topf. Die »männlichen« Spielzeuge könnten besser durch den Raum befördert werden, begründet die Wissenschaftlerin das Ergebnis. Deshalb erlaubten sie rabiates Spiel typisch für Jungen eben. Die Weibchen hätten dagegen vor allem auf Farben reagiert, die »in Bezug zu ihrer Rolle als Ernährerin stehen«, Rosa und Rot also, spekuliert Alexander. Das würde zumindest erklären, warum sich Affenfrauen für einen Topf interessieren: Der im Experiment war rot.

Ähnlich schematisch gehen die Marketingstrategen vor und es funktioniert. So verpackt Lego seine Mädchensets in sehr rosa Plastikkisten. » Es muss Pink sein«, bestätigt die Marktforscherin Wurster. » Da kommt man nicht drum herum. Das muss in den Genen liegen.«

Genetisch oder nicht: Rosa ist die Farbe des Markterfolgs bei Mädchen.

Die entsprechende Abteilung im Spielwarenladen Toys R Us lässt da keinen Zweifel. Vier Gänge in Rosa. An Abweichung scheinen maximal Lila, Orange und Mintgrün erlaubt. Das fällt aber nicht weiter auf.

Eine etwa Dreijährige steht mit großen Augen vor dem Regal, drückt eine Puppe durch ihre Plastikverpackung. » Hallo Baby«, plappert das Mädchen. » Hallo Baby, hallo Baby.« Und da gibt es nicht nur das einfache Baby, sondern auch das Kitzel-Baby, das Strampel-Baby, das Badespaß-Baby, das küssende Baby und das Baby der Liebe. Alle in Zartrosé.

Genauso deutlich kommt das Signal offenbar bei Jungen an. Eine Mutter zerrt ihren etwa vierjährigen Sohn auf dem Weg zur Kasse in einen der rosa Gänge. Nach drei Schritten kräht der Knirps: »Bäh, Mädchen!« Ein Junge im gleichen Alter starrt gelangweilt vor sich hin, während seine Schwester Plastikponys mit regenbogenfarbenen Mähnen vergleicht. Dann entdeckt er etwas: »Guck mal, Papa, die Leiter.« Die ist wohl vom Einräumen liegen geblieben und fesselt nun sein Interesse.

Die Schwester dreht kleine Bären in ihren Händen hin und her.

»Süüüüß!« Die Plüschtiere duften jeweils nach einer Frucht und müssen alle zwei Stunden, wenn ihre Nase blinkt, mit dem beiliegenden Fläschchen gefüttert werden. » Oh, das rote Kirschbärchen ist schon weg«, klagt das Mädchen. Nur noch Grün, Gelb, Blau und Pink sind übrig. Ihr Bruder hat inzwischen am Ende des Gangs einen Ramschhaufen ausgemacht und zerrt unter Babypuppen, Glitzerkrönchen, Plüschbären und rosa Umhängetaschen einen Bagger hervor. » Guck mal, Papa!« Jetzt hat sich auch das Mädchen entschieden, für den pinkfarbenen Himbeerbär.

Es ist nichts zu machen, die Vorlieben beim Spielzeug sind zementiert.

Und was meint das Patenkind dazu? Für den streng wissenschaftlichen Vergleich fehlt zwar mindestens das Duplo-Kätzchen, doch Elsa stört das nicht. Zufrieden brabbelnd, rollt sie ihr neues Lego-Auto hin und her. Eines interessiert sie jedoch noch mehr: der Fahrer.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.27 vom 28.06.2007, S.31
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