"Wir lernen!", sagt die Stimme hinter dem Wall aus Papier. "Nun ja, unsere Gegner lernen auch." Ein jovialer Amerikaner in einem schwierigen Geschäft: Auf Ted Leggetts Schreibtisch lasten Grafiken, Länderstudien und Statistiken. In seinem Büro fließen aus allen Teilen der Welt Informationen über Kokain, Heroin, Cannabis und synthetische Drogen zusammen – Satellitenbilder von Anbauflächen, Interviews mit Farmern, Polizisten und Politikern, Zollstatistiken über Drogenfunde, Berichte über spektakuläre Festnahmen, die Zahl der Drogentoten.

Schlaglichter auf einen globalen Markt mit 200 Millionen Kunden weltweit. Leggetts Arbeitgeber, das United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) in Wien, schätzt ihn auf einen Gesamtumfang von über 390 Milliarden US-Dollar. Damit ist er 16-mal so groß wie der globale Markt für Tabak und 65-mal größer als der für Kaffee.

Drogenhandel ist ein immer noch wachsendes Geschäft – genauso wie der illegale Handel mit Menschen und Waffen, mit gefälschten Markenprodukten, Antiquitäten oder menschlichen Organen. Die Wirtschaft der Nationen hat sich globalisiert, die Industrie des Verbrechens tut es ebenfalls. Ihr Netz operiert weltumspannend wie multinationale Konzerne. Sie erobert neue Märkte. Die globale Nachfrage nach ihren Angeboten steigt.

Bekämpfen kann sie nur, wer die ökonomischen Prinzipien versteht, nach denen sie funktioniert. Für Ted Leggett ist die Welt des Verbrechens ein Mosaik aus Produzentenländern und Absatzmärkten, ein grenzübergreifendes Geflecht schlecht bezahlter Bauern, Kleindealer oder Kuriere und gut verdienender Chefs transnationaler Kartelle. Strafverfolger beobachten, wie türkische Drogenbosse mit russischen Finanziers und albanischen Menschenhändlern zusammenarbeiten. Ukrainische Kriminelle tauschen in Südamerika Waffen gegen Kokain. Die Liberalisierung des Handels öffnet ihnen allen die Grenzen; die Deregulierung der Finanzmärkte macht die Legalisierung ihrer Profite fast zu einem Kinderspiel.

"Mit der Globalisierung haben sich für die Organisierte Kriminalität die Möglichkeiten vervielfältigt, die Summen vervielfacht", sagt Wolfgang Hetzer, Berater der europäischen Antibetrugsbehörde Olaf und einer der führenden deutschen Experten für das internationale Verbrechen. Zu ihren größten Geschäftszweigen zählen der Drogenhandel, die Menschenschleusung und die Produktpiraterie. Insgesamt basieren inzwischen mindestens zwei bis drei Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung auf kriminellen Geschäften, schätzt das UNODC

Drei Prozent, das sind rund 1300 Milliarden Dollar. Das ist fast halb so viel, wie alle Deutschen zusammen in einem Jahr erwirtschaften.

Die Operation hatte den Decknamen "Gulliver". So heißt die neapolitanische Speditionsfirma, die im Auftrag der Mafia und mit Hilfe korrupter Zollbeamter über Jahre die illegale Einfuhr von chinesischen Waren nach Italien besorgte. Am 11. April 2007 führte die Operation zur Festnahme von 21 Personen. Nahezu alle Container, die im Hafen von Neapel gelöscht wurden, soll die Bande sortiert haben; danach wurden gefälschte Markenprodukte ins neapolitanische Hinterland transportiert, von wo aus die Camorra sie in den Einzelhandel weiterleitete. T-Shirts, Jacken, Taschen und Elektroartikel landeten in den Läden der Stadt oder bei Grossisten in den Chinatowns von Rom oder Mailand.

Neapel ist für China einer der wichtigsten Häfen der EU, neun Zehntel der Warenlieferungen stammen aus dem neuen Wirtschaftswunderland. Die weitläufigen Containerterminals sind ein Symbol internationaler Zusammenarbeit – aber eben auch für die globale Kooperation des Verbrechens.

830 Seiten stark ist der Jahresbericht 2006 der italienischen Antimafiabehörde DNA. 25 Seiten widmet er ausländischen Organisationen, die in Italien operieren. Die sizilianische Cosa Nostra und die kalabrische Ndrangheta arbeiten mit Gruppen aus Albanien, Osteuropa, der Türkei und Südamerika zusammen. Die Camorra hat nicht nur Verbindungen nach China, sondern auch zu nigerianischen Banden, die im weltweiten Drogen- und Menschenhandel aktiv sind. In Italien ist Nigerias Mafia inzwischen in Rom, Turin, Padua, Brescia, Mailand, Rimini, Palermo und Cagliari vertreten. Albanische Kriminelle dominieren die italienischen Rotlichtbezirke. Rumänen und Bulgaren beteiligen sich am Menschenschmuggel und übernehmen Drogengeschäfte.

Kooperation, nicht Konkurrenz, kennzeichne viele Geschäfte der italienischen wie ausländischen Mafiosi, sagt Francesco Forgione, der Vorsitzende der Antimafiakommission im italienischen Parlament. Was er für Italien konstatiert, gilt im Prinzip für die ganze Welt. Die globale Industrie des Verbrechens verbinde sich "zu immer leistungsfähigeren Einheiten", sagt Wolfgang Hetzer. "Unterirdischen Pilzgeflechten" gleich überwinde die Organisierte Kriminalität alle Ländergrenzen, heißt es in einer jüngst veröffentlichten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie multinationale Konzerne wägen kriminelle Netzwerke Risiken und Möglichkeiten unterschiedlicher Länder und Märkte ab und organisieren sich entsprechend.

Im Drogengeschäft kommen die Rohstoffe meist aus der armen, befinden sich die Absatzmärkte überwiegend in der reichen Welt. Es beginnt zum Beispiel auf einem Opiumfeld in der afghanischen Provinz Urzugan. Auf Maultieren oder Kamelen wird der Stoff nach Iran geschafft, von dort geht es weiter in die Türkei. Irgendwo entlang der Route erfolgt die Umwandlung in Heroin, das schließlich über den Balkan nach Westeuropa gelangt. Türkische Gruppen sind laut Rüdiger Engler, dem Chef des Rauschgiftdezernats beim Landeskriminalamt Berlin, in der deutschen Hauptstadt die wichtigsten Lieferanten.

Die Kuriere übernehmen den Part, den in der legalen Wirtschaft DHL oder UPS besorgen. Auf den Drogenrouten aus Zentralasien verdienen diffuse Netzwerke aus Dutzenden Zwischenhändlern, andernorts konzentriert sich das Geschäft auf wenige Syndikate mit konzernartigen Strukturen. In Bangkok nennt man den Drogenkurierdienst "Nigeria Express", seit Afrikaner für Teile der Heroinverschiffung aus dem goldenen Dreieck über die nigerianische Hauptstadt Lagos in alle Welt sorgen. In Mittelamerika kämpfen mexikanische Kartelle um die Transportkorridore für Kokain nach Nordamerika.

Produktpiraten kooperieren fast immer arbeitsteilig: Eine Gruppe sorgt für die Fabrikation, eine zweite für die Logistik, die dritte für den Verkauf. Multi-Länder-Operationen sind die Regel. Auf den Philippinen flog 2005 eine illegale Zigarettenproduktion auf, in der die Maschinen aus Deutschland und die Verpackungen aus Malaysia kamen. Das Geschäft wurde von einer chinesischen Gruppe aus Singapur geleitet. Die Ware war für den taiwanesischen Markt bestimmt.

Üblicherweise ist Fälschung Auftragsarbeit. Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt in Köln berichtet von einem türkischen Großhändler in Westdeutschland, der je nach Nachfrage in der Türkei gefälschte Kleidung bekannter Modeschöpfer orderte, um sie an italienische Zwischenhändler weiterzuverkaufen. Die setzten sie auf Wochenmärkten und in Boutiquen in ganz Italien ab. "Die Vertriebswege der Täter unterschieden sich nicht von den Vertriebswegen im legalen Handel", sagt Schmitz.

Auch Menschenhändler und Menschenschleuser arbeiten im Auftrag. Die Globalisierung hat die Grenzen für Waren und Kapital weitgehend niedergerissen, nicht aber die Hürden, die sich jenen entgegenstellen, die aus der armen in die reiche Welt wollen. Das verspricht Profite. Interpol schätzt, dass jährlich vier Millionen Menschen über internationale Grenzen geschleust werden; der frühere leitende Beamte beim Bundeskriminalamt, Richard Karl Mörbel, spricht von einem "boomenden Geschäft", das längst "das Interesse mafiöser Gruppen auf der ganzen Welt geweckt hat".

Einzelfälle zeigen, wie es funktioniert:
Anfang 2007 hörten Beamte des Landeskriminalamts Berlin die Verhandlungen einer Schleuserbande ab, die den Transport von Chinesen nach Westeuropa organisierte. Der Auftrag – ein Dutzend junger, kräftiger Männer für die Arbeit in Restaurants und Geschäften – kam aus dem Pariser Chinesenviertel. Die Reise begann mit einem Touristenflug nach Moskau. Dort wurden die Chinesen auf angemietete Wohnungen verteilt, dann ging es per Lastwagen an die ukrainische Grenze, später nach Polen, schließlich landeten die Illegalen in Berlin. Hier sollte ein Vertreter der Bande für den Weitertransport sorgen – aber er wurde festgenommen.

Im Mai hob der russische Inlandsgeheimdienst eine Schleusergruppe aus, die Menschen aus Zentralasien nach Europa brachte. Sie hatte in russischen Städten fiktive Firmen eröffnet, die mit russischen Bürgern fiktive Verträge über ein Arbeitsverhältnis im Westen abschlossen. Auf diesem Weg kam sie in den Besitz von gültigen Reisepässen, die sie auf Konsulaten mit Schengen-Visen ausstatten ließ. Dann wurden die Pässe mit neuen Personenangaben und Fotos der zu Schleusenden versehen.

Kennzeichnend auch für diese Bande war eine fast perfekte Organisation und Logistik. Im globalen Netz der Schleuser kooperieren Passfälscher und Zollbeamte, Botschaftsangehörige, Transporteure und Vermittler. Oft werden von den Illegalen ein Dutzend Ländergrenzen überwunden, überall warten fachkundige Reiseleiter, mitunter dauert die Reise ein Jahr.

Natalia war nur einige Stunden unterwegs. So lange dauerte der Flug von der moldawischen Hauptstadt Chişinău nach Istanbul, wo angeblich ein Job als Haushaltshilfe auf sie wartete, für 300 Euro im Monat, doppelt so viel wie zu Hause. Am Istanbuler Flughafen packte sie ein Mann am Arm, drückte einem anderen ein Bündel Geldscheine in die Hand und sagte: "Du arbeitest jetzt für mich." Sechsmal wurde Natalia weiterverkauft. Täglich musste sie mehreren Kunden dienen, monatelang – so lange, bis ihre Schwester sie befreite.

Menschenschleuser bringen Freiwillige über die Grenzen, Menschenhändler versorgen den Sklavenmarkt. Eine der abscheulichsten Zweige des globalen Verbrechens bedient Zuhälter und ausbeuterische Unternehmen in der ganzen Welt. Die Organisation für Internationale Migration schätzt, dass jährlich zwischen 600.000 und 800.000 Menschen Opfer des Menschenhandels werden. 100.000 landen pro Jahr allein in Westeuropa.

Auch hier gilt: Den Rohstoff liefern meist die Armen, die Absatzmärkte sind oft die Länder der Reichen. Moldawien ist das ärmste Land Europas. Bis vor Kurzem säumten Plakatwände die Straßen Chişinăus, auf denen jungen Frauen Glück und Geld als Serviermädchen in Frankreich versprochen wurden. Ähnliche Versprechungen lockten einen Teil jener mindestens 50.000 Russinnen ins Ausland, die heute in den Bordellen Westeuropas oder Asiens arbeiten müssen. Deutschland führt die Liste der größten EU-Zielmärkte für Zwangsprostituierte an, auch Israel, Japan, die Türkei und die USA zeichnen sich durch eine weit überdurchschnittliche Nachfrage aus.

"Auftragsarbeit" nennt Heike Rudat auch dieses Geschäft. Rudat ist im Berliner LKA zuständig für Zwangsprostitution und Sklavenarbeit. Sie berichtet von einem chinesischen Koch, der in der Hauptstadt in einem Kellerverlies gehalten wurde und 20 Stunden täglich arbeiten musste. Früher, vor dem Fall der Mauer, seien vor allem Mädchen aus Südostasien in die Berliner Bordelle geschafft worden. Heute dominierten wegen veränderter Nachfrage sowie geringerer Anwerbe- und Transportkosten Frauen aus Osteuropa. Zuhälter bestellten, und über ein "hervorragend funktionierendes internationales Networking" werde die Ware Mensch dann geliefert, sagt Rudat.

Die multinationale Unterwelt kooperiert überall dort, wo es Geld zu verdienen gibt. Mitunter bedienen sich die verschiedenen Sparten des globalen Verbrechens dabei derselben Transportrouten, vielfach sind die kriminellen Banden zugleich in mehreren Produktlinien tätig. Nigerianer etwa versorgen Italien und Europa sowohl mit Heroin wie mit Frauen. Ähnliches gilt für die italienische und die US-Mafia, die chinesischen Triaden oder die japanische Yakuza, die wie Unternehmensholdings arbeiten, in allen möglichen kriminellen Geschäften tätig sind und zusammen über 200.000 Menschen zu ihren engeren Beschäftigten zählen.

Mehr und mehr aber, sagt der frühere BKA-Mann Richard Karl Mörbel, werde auch das globale Verbrechen von diffusen Netzen geprägt, in denen kleinere Unternehmen ad hoc zusammenarbeiteten. Ihre Netze sind weniger nach Produkten organisiert als nach Tätigkeiten. Spezialisierung ist an der Tagesordnung, Flexibilität, Schnelligkeit und unternehmerisches Denken sind gefragt.

Die Chefs geben sich den Anschein ehrbarer Kaufleute. So besaß der festgenommene Chinese, der für die aus Moskau gesteuerte Schleusergruppe in Berlin den Weitertransport seiner Landsleute nach Westen organisierte, ein legales Import-Export-Geschäft. Er sei "im Umgang weltmännisch-gewandt" gewesen und habe "perfekt russisch gesprochen", erinnert sich Randolph Ohlendorf, Kommissariatsleiter beim LKA-Dezernat Schleusungskriminalität. "Man hätte sich ihn genauso gut im Management einer großen Firma vorstellen können."

Die Kaufmänner des Verbrechens gleichen nicht nur normalen Unternehmern, sie arbeiten auch wie sie: Sie beschaffen Waren oder stellen sie her, sorgen für Transport und Verkauf und bemühen sich um die Erschließung von Märkten. Vor allem aber bedienen sie eine Nachfrage. Millionen Menschen konsumieren Drogen, Millionen kaufen gefälschte Produkte. Täglich besuchen Zehntausende deutsche Männer deutsche Bordelle. Unzählige Unternehmen weltweit beschäftigen illegale Billigarbeiter – und Millionen Konsumenten profitieren davon.

Bei allen kriminellen Geschäften gehe es um "möglichst viel Gewinn bei möglichst geringem Risiko", sagt der Chef der europäischen Polizeibehörde Europol, Max-Peter Ratzel. Gleiches könnte auch jeder Manager über seine Arbeit sagen. Die illegale Wirtschaft unterscheidet sich von der legalen in manchen Methoden, nicht aber in Zweck und Ziel – die Bedienung der Kunden und ein hoher Profit.

Zum Profitinteresse, so Ratzel, komme Machtstreben. Auch da gibt es Parallelen zur legalen Wirtschaft. Hier wie dort sichert Macht Märkte und schafft Einfluss bei Staat und Politik. Zu große Macht erhöht freilich auch das Risiko. Auf dem kolumbianischen Drogenmarkt sollen heute 300 Banden die einst wenigen mächtigen Kartelle ersetzt haben – nach Ansicht von Experten auch deshalb, weil sich die Kartelle in ihrem Drang, von der Rohstoffproduktion über die Verarbeitung bis zum Transport und Absatz sämtliche Stationen der Wertschöpfungskette zu dominieren, völlig übernommen hatten.

Risikostreuung durch Outsourcing und die Beschäftigung von Subunternehmen sind deshalb auch im kriminellen Milieu inzwischen gang und gäbe. Rückzug aus einzelnen Geschäftsbereichen und der Aufbau neuer Sparten gehören zum Alltag. In Neapel etwa ist die Camorra einerseits in die Markenpiraterie eingestiegen, hat andererseits aber die Prostitution den Nigerianern überlassen. "Es ist wie auf dem legalen Arbeitsmarkt", sagt der Parlamentarier Francesco Forgione. "Es gibt Jobs, die die Italiener nicht mehr machen wollen und deshalb den Ausländern übergeben. Das Geschäft mit der Prostitution gehört dazu, aber auch der Drogenhandel in Norditalien."

Tatsächlich sind Drogen nach wie vor eines der gewinnträchtigsten Wirtschaftsgüter der Welt. Nur mit Öl und Waffen wird heutzutage auf dem Planeten mehr Geld verdient. Kolumbianische Bauern etwa erhalten rund 450 Euro pro Kilo Coca. Zwischenhändler in Südamerika zahlen 1500 Euro, in Deutschland kostet das Kilo relativ reinen Kokains im Großhandel zwischen 25.000 und 40.000 Euro. Im Straßenhandel in Düsseldorf oder Hamburg müssen für den gestreckten Stoff etwa 60 Euro pro Gramm hingelegt werden – macht 60.000 Euro für das Kilo.

Freilich ist der Drogenhandel nicht nur profitabel, sondern auch gefährlich. Menschenschleusung ist – in erster Linie wegen geringerer Strafen – weniger risikoreich. Die Gewinne dagegen sind ähnlich hoch. Schätzungen taxieren die Profite der Schleusergruppen auf weltweit 30 Milliarden Dollar, das ist mehr als doppelt so viel, wie der deutsche Versicherungsgigant Allianz in seinem Rekordjahr 2006 verdiente.

Der Preis der Schleuser richtet sich nach dem Zielort und der Zahl der Grenzen, die es zu überwinden gilt. Frauen werden umso teurer, je näher sie ihren Benutzern kommen. Anwerber erhalten vielleicht 50 Dollar, Zwischenhändler zahlen 500, Zuhälter etwa 2500 Dollar. Bleibt das Produkt in gutem Zustand, kann ein Zuhälter an ihm sechsstellige Summen verdienen. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt die Gewinne aus dem Sklavenhandel auf 32 Milliarden Dollar pro Jahr. Das Geschäft sei "eine der am schnellsten wachsenden kriminellen Aktivitäten auf dem Planeten", schreibt der Kriminalitätsexperte Hugo Brady in einer Studie des Londoner Centre for European Reform. "Für das internationale Verbrechen generiert es immense Profite."

Steigende Gewinne verzeichnet auch die Produktpiraterie – bei einem noch geringeren Risiko. Im Jahr 2000 wurden perfekt gefälschte Kopien von Microsoft-Software auf den Flughäfen von Lugano und Zürich sichergestellt, die für die kalabrische Mafia-Organisation Ndrangheta bestimmt waren. In der Herstellung kosteten die Produkte einige Cent, im Verkauf – wegen der Perfektion als legale Ware – hätten sie pro Stück 60 Euro oder mehr gebracht. Das sind Renditen wie im Drogenhandel.

Die OECD beziffert den Gesamtumsatz im grenzüberschreitenden Handel mit gefälschter Markenware für 2005 auf rund 200 Milliarden Dollar. Zählt man den Inlandsverkauf von Piratenprodukten hinzu, kommt man auf eine Summe von über 600 Milliarden Dollar – das entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung der Niederlande. Die Freibeuter der Globalisierung sitzen vor allem in China, mehr als 60 Prozent aller Fälschungen werden dort hergestellt. Gefälschte Autoersatzteile aus chinesischer Produktion tauchen inzwischen im Mittleren Osten auf. Kopierte Bohrmaschinen und Kettensägen finden sich auf den Märkten Südostasiens. Acht bis zehn Prozent seines Inlandsprodukts, so wird geschätzt, erwirtschaftet China heute mit gefälschten Waren.

Harley Lewin ist Privatdetektiv, spezialisiert auf Markenpiraterie. Aus seinem holzgetäfelten Büro im 34. Stock des New Yorker MetLife-Gebäudes betreut er Kunden wie Hermes, Cartier und Reebok. "Bei Drogen droht Knast, und mitunter schießt einen die Konkurrenz über den Haufen", sagt er. "Für Copyright-Verletzungen geht keiner ins Gefängnis, selbst dann nicht, wenn er erwischt wird."

Lewins größter Fang gelang ihm an der Canal Street in New York, mitten im Chinesenviertel. Die Ware – Luxusuhrenimitate bekannter Hersteller – kam von den Philippinen, aus Malaysia und China. Der Fälscherring hatte Mitarbeiter aus 50 Ländern, sein Tagesumsatz lag bei fünf bis acht Millionen Dollar. Nachdem die Bande ausgehoben war, bekamen Lewins Klienten fast eine Milliarde Dollar Schadensersatz zugesprochen – so viel wie nie zuvor.

Am Ausgang der U-Bahn-Station Canal Street hält eine junge Asiatin Passanten verstohlen eine zerknitterte Broschüre hin, mit winzigen Fotos von Luxushandtaschen. "Coach?", flüstert sie, "Chanel?" In einer Nebenstraße drückt sie sich in ein Geschäft, hinter einer verdeckten Tür an der hinteren Wand befindet sich ein kleiner, stickiger Raum mit der Ware. 45 Dollar soll ein Chanel-Modell in Braun kosten, an dem ein Etikett Echtheit und Qualität versichert.

Für jede einzelne Firma, deren Markenware gefälscht wird, summiert sich der Schaden auf etliche Millionen Dollar. Der Konsumgütergigant Unilever schätzt, dass die Fälschung seiner Shampoos oder Tees jedes Jahr um rund 30 Prozent zunimmt. Daimler-Manager glauben, dass Piraten mit gefälschten Ersatzteilen ein knappes Drittel der Märkte in China, Taiwan und Korea erobert haben. Mit jeder Fälschung geht potenzieller Umsatz verloren, und an jedem Euro Umsatz hängen Arbeitsplätze. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag vermutet, dass Markenpiraterie in der Bundesrepublik 70.000 Jobs in der legalen Wirtschaft vernichtet hat.

Außerdem gefährden Fälschungen die Verbraucher. In Europa sind minderwertige Bremsbeläge auf dem Markt. In den USA wird bei der Fälschung mit Gift versetzte Colgate-Zahnpasta verkauft. In Panama starben vor Kurzem 385 Menschen an vergiftetem Hustensaft. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass zehn Prozent aller weltweit verkauften Medikamente minderwertige Fälscherware sind.

Die direkten gesellschaftlichen Kosten des internationalen Verbrechens sind relativ leicht zu berechnen. Die EU zählt jährlich 8000 bis 9000 Drogentote. Die Ausgaben für die Versorgung der Süchtigen sind immens. Viele Millionen Euro Sozialabgaben gehen verloren, wenn Illegale schwarz beschäftigt werden. Hinzu kommen aber indirekte Kosten, die sich kaum in Geld ausdrücken lassen und von der Einwirkung des kriminellen Milieus auf die Politik und den ökonomischen Wettbewerb bis zur Manipulation von Finanzmärkten reichen können. Die immensen Profite, die in der illegalen Wirtschaft entstehen, werden angelegt. Sie werden gewaschen, damit man fortan legale Geschäfte machen kann. "Je größer die Summen, desto besser die Chancen, sich in der Legalität zu etablieren", sagt der Kriminalitätsexperte Wolfgang Hetzer.

Beispiel Drogenhandel: Hier fällt so viel Bargeld an, dass es in der Regel nicht mehr gezählt, sondern gewogen wird. Fachleute gehen davon aus, dass kaum mehr als die Hälfte des Umsatzes für Kosten verwendet wird, der Rest ist Gewinn. Allein das kolumbianische Cali-Kartell häufte nach Angaben amerikanischer Ermittler zwischen 1982 und 1995 rund eine Milliarde Dollar Kapital an.

Über Umwege ging ein Teil des Geldes in den Kauf legaler Unternehmen. Grundsätzlich, so Wolfgang Hetzer, eignet sich alles, was im normalen Wirtschaftsleben als Transaktionsform existiert, auch zur Geldwäsche. Dass viele Staaten die internationalen Kapitalgeschäfte dereguliert haben, macht nach Ansicht Hetzers den internationalen Finanzmarkt mehr denn je zu einem Tatort. Schmutziges Geld wird heutzutage sogar in Hedgefonds investiert und mit Wetten auf die Entwicklung von Aktien, Währungen und Rohstoffen reingewaschen. Schalterloses Onlinebanking bietet Kriminellen die Möglichkeit, mit Notebook und Handy Geld über mehrere Stationen um den Erdball zu schicken und auf diese Weise seine Herkunft zu verschleiern. Solide Adressen seien das primäre Ziel der Geldwäscher, sagt Patrick Carroll, Spezialagent beim FBI in New York.

Im Mai beschlagnahmte der New Yorker Bundesstaatsanwalt von dem in Dubai ansässigen Geldwäscher Naresh Jain Kumar Patel 5,6 Millionen Dollar. 16 Konten wurden eingefroren. Patel hat zugegeben, unter anderem für ein in Italien operierendes albanisches Drogenkartell Geld "gesäubert" zu haben. Eine seiner Methoden waren internationale Rohstofftransaktionen, eine seiner Adressen die New Yorker Filiale der Man Financial Group. Die Man Financial gehört zu den größten britischen Hedgefonds und ist stark im Futures-Handel, unter anderem mit Rohstoffen, aktiv.

Die OECD schätzt, dass jährlich 1500 Milliarden Dollar schmutziges Geld gewaschen werden. Spätestens dann, wenn aus illegalem Bargeld legales Buchgeld geworden ist, kann es überall und in jedes Projekt investiert werden. Italiens Mafia schleuse ihr Geld zu 70 Prozent in legale Geschäfte, so der Parlamentarier Francesco Forgione. Die Cosa Nostra besitzt Anteile an der Müllabfuhr in Bukarest, die Ndrangheta hat sich in den Tourismussektor in der Toskana eingekauft. Türkische Drogenhändler bauen Hotels, in denen Deutsche Urlaub machen, Russen investieren an der Costa del Sol.

Mit jeder Investition in die legale Wirtschaft wächst auch der ökonomische und politische Einfluss des kriminellen Milieus. "Überall in Europa", schreibt in seiner Studie Hugo Brady, "schützen kriminelle Drahtzieher ihre Profite und erleichtern sich die Arbeit, indem sie in der Gesellschaft und mitunter auch in der Politik Fuß fassen." Nirgends sind sie so erfolgreich wie in Afghanistan, das 60 Prozent seiner Wirtschaftsleistung durch Drogen erbringt, oder in Kolumbien, dessen Ökonomie in praktisch jeder Branche vom Verbrechen unterwandert ist. Aber schon kurz hinter der deutsch-polnischen oder deutsch-tschechischen Grenze existieren die Märkte, auf denen illegale Produkte verkauft werden. Auf dem Balkan gibt es praktisch rechtsfreie Räume. Kalabrien, schrieb vor einiger Zeit der britische Economist , sei fest in der Hand der Mafia. Dubioses russisches Geld wandert in respektable westeuropäische Firmen. Zunehmend verbreite sich Organisierte Kriminalität – Korruption, Bestechung, Betrug – auch hinter der Fassade legaler Unternehmen, sagt Wolfgang Hetzer. Nicht nur in "schwachen" Staaten Asiens, Afrikas oder Südamerikas, auch in Europa verschwimmen die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität. Die potenziellen Gewinne locken.

Europols Hauptquartier ist ein trutziges Gebäude am Raamweg in Den Haag, ein efeubewachsenes Gemäuer, in dessen Gängen und Büros 590 Beamte aus allen europäischen Ländern arbeiten. Europas Polizeibehörde soll das internationale Verbrechen bekämpfen – "den Netzen der Kriminellen ein Netzwerk aus Information und Kooperation entgegensetzen", wie es ihr Chef Max-Peter Ratzel nennt.

Länderübergreifend und multinational wie die Organisierte Kriminalität: So soll Europol arbeiten. Im Prinzip sind sich die Fachleute einig, dass es anders nicht geht. Wenn Verbrecher über Ländergrenzen hinweg agieren, dann muss es auch die Polizei. Nur: Das kann sie bislang nicht gut genug. "Die Zusammenarbeit zwischen den Strafverfolgern in Europa hat längst noch nicht das Ausmaß der Kooperation der Kriminellen erreicht", schreibt Hugo Brady.

Es gibt Ausnahmen – und damit Erfolge: Bei der Operation "Callidus" gelang es Strafverfolgern 2005, mit der Hilfe Europols einen europaweit agierenden Kinderpornoring auszuheben. Auch bilateral funktioniert die Zusammenarbeit bisweilen, etwa zwischen russischen und deutschen Dienststellen. Deutschen, britischen, niederländischen und belgischen Polizisten gelang ein gemeinsamer Schlag gegen eine bulgarische Menschenhändlergruppe.

Insgesamt aber seien die Global Player der kriminellen Szene den Strafverfolgern "meilenweit voraus", sagt ein Experte, der ungenannt bleiben möchte. Europas 1,2 Millionen Polizisten arbeiten unter völlig verschiedenen rechtlichen Bedingungen. Schon die Regeln darüber, wann eine Untersuchung gestartet und wie Beweismaterial gesammelt werden darf, unterscheiden sich. Nationale Egoismen verhindern die Übertragung nationaler Kompetenzen. Europol etwa hat keine eigene Ermittlungsbefugnis, sondern darf nur Daten und Informationen aus den EU-Mitgliedsländern sammeln und weitergeben.

Mit fast jeder Sparte des globalen Verbrechens gehen die Nationen der Welt unterschiedlich um. Produktpiraterie gilt in vielen Ländern als Kavaliersdelikt. Schleusung wird im armen Süden als notwendiges ökonomisches Regulativ gesehen, im reichen Norden als Bedrohung. Menschenhandel wird in den USA hart bestraft, die Europäer schauen überwiegend weg. Die Organisierte Kriminalität dagegen – 4000 Gruppen gibt es laut Europol allein in Europa – nutzt legale Schlupflöcher und Gesetzesunterschiede in der EU und weltweit. Transnationale Banden begehen Verbrechen in einem Land, ihre Chefs und ihre Gelder sind in einem anderen gut geschützt. Trotz verschärfter Gesetze und einer international vernetzten Fahndung ergibt sich im Kampf gegen die Geldwäsche nur eine fünfprozentige Chance, dass die Täter bestraft werden, hat das Washingtoner Institute for International Economics festgestellt.

Ähnlich ist es auf anderen Deliktfeldern der globalisierten Kriminalität. Trotz riesigen finanziellen und personellen Aufwands im Kampf gegen den Drogenhandel hat sich allein die weltweite Produktion von Heroin seit 1970 vervierfacht. Werden Schlafmohnfelder in einem Land zerstört, verlagert sich die Produktion in ein anderes. Die Blockierung von Drogenrouten oder die Zerstörung mächtiger Kartelle hat nur bewirkt, dass andere Gruppen die Ware auf anderen Wegen zum Kunden bringen.

Was sich verändert, ist der Preis. Seitdem Europa die USA als weltgrößten Kokainmarkt abgelöst hat, ist der Euro zum wichtigsten Zahlungsmittel internationaler Drogenhändler geworden und der Stoff auf den EU-Märkten teurer als in den USA. 1995 kostete die Schleusung über die mexikanisch-amerikanische Grenze rund 500 Dollar pro Person, nach dem Bau riesiger Grenzzäune und dem Einsatz zusätzlicher Grenzbeamter müssen dort jetzt bis zu 3000 Dollar bezahlt werden. Geändert hat das alles wenig: Die Zahl der Geschmuggelten ist nach Berechnungen des amerikanischen Immigrationsforschers Walter Ewing kaum gesunken.

Die Industrie des globalen Verbrechens folgt ökonomischen Prinzipien. Das Risiko bei der Überwindung nationaler Grenzen bestimmt Kosten und Preise. Damit stellt sich die Frage, ob die Arbeit von Polizei und Staatsanwälten allein jemals ausreichen würde, um die Kriminalität einzudämmen – selbst dann, wenn es eine weltweite Kooperation der Strafverfolger gäbe und die Rechtssysteme harmonisiert wären. Den Kaufleuten des Verbrechens geht es in ihren Geschäften fast nie um Moral und immer um Profit. Gewinne sind aber nur da zu erzielen, wo es auch einen Abnehmer für ihre Produkte gibt.

Wolfgang Hetzer sagt, dass die globale Organisierte Kriminalität in ihrem ungebremsten Drang nach Rendite nur die ultimative Ausprägung eines regellosen globalen Kapitalismus sei. Müsste man im Kampf gegen das Verbrechen also nicht das Ökonomische in den Mittelpunkt rücken: mehr über Angebot und Nachfrage nachdenken – und weniger über Schuld und Sühne?

Mitarbeit: Heike Buchter (New York), Sophie Büning (Chişinău), Andrea Rehmsmeier (Wien), Birgit Schönau (Rom), Johannes Voswinkel (Moskau)