Henry KissingerBilanz eines Beraters

US-Präsidenten von John F. Kennedy bis George W. Bush hörten auf seinen Rat. Mit dem ZEITmagazin LEBEN sprach Henry Kissinger über Vietnam, Irak und andere Irrtümer. von 

ZEITmagazin LEBEN : Dr. Kissinger, auf dem Fensterbrett neben der Sitzecke Ihres Büros steht ein gerahmtes Foto, auf dem Sie und der amerikanische Präsident zu sehen sind. Darunter in Handschrift die Widmung: „Für Henry, mit Dank für verlässlichen Rat, George W. Bush“. Wie haben wir uns Ihren Rat vorzustellen? Wie oft sehen Sie den Präsidenten?

Henry Kissinger : Wir reden etwa alle vier bis sechs Wochen miteinander. Charakteristisch für diese Treffen ist ihre Unregelmäßigkeit. Wir haben keine Unterlagen dabei. Wir reden unter vier Augen. Und vor allem reden wir im Allgemeinen nicht über aktuelle Politik.

Anzeige

ZEITmagazin LEBEN : Sondern?

Kissinger : Wir sprechen über künftige Strategien, über außenpolitische Entwicklungen, über Beziehungen zu anderen Ländern, etwa zu China, Korea, Russland oder Iran. Wir reden fast nie über die Frage, was wir nächste Woche im Irak tun sollten. Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich keinerlei offizielle Position bekleide. Nach meiner Erfahrung sucht jeder Präsident früher oder später jemanden, der ihm hilft, eine philosophische und konzeptionelle Perspektive zu entwickeln.

ZEITmagazin LEBEN : Für George W. Bush sind Sie das.

Kissinger : Unter anderen. Präsidenten haben genug Leute um sich herum, die sich um das Tagesgeschäft kümmern. Sie brauchen einige, die nicht im Stab sitzen, mit denen sie die großen Linien diskutieren können.

ZEITmagazin LEBEN : Wie würden Sie den Präsidenten charakterisieren?

Kissinger : Europäer und New Yorker sehen in ihm bloß eine Karikatur. Nur um das klarzustellen: Ich habe im Jahr 2000 John McCain unterstützt, nicht George W. Bush. Ich kannte Bush damals persönlich gar nicht. Heute würde ich sagen: Bush ist für Europäer schwer zu verstehen, weil er aus einem Teil des Landes stammt, das wenig Beziehungen zum Ausland hat. Er ist sehr patriotisch und nimmt sich selbst sehr in die Pflicht; er ist intelligent, auch wenn seine Kritiker das Gegenteil behaupten; ein Mann, der gute Fragen stellt. Er hat begriffen, dass die sogenannte terroristische Herausforderung ein weltweites Phänomen ist. Er übernimmt für seine Entscheidungen die Verantwortung. Er ist mit sich im Reinen. Er hatte Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu finden, die seine Ziele auf überzeugende Weise verfolgen und die sich Taktiken ausdenken, die zur Kultur anderer Gesellschaften passen.

ZEITmagazin LEBEN : Einerseits ist Amerika heute die einzige Supermacht, mit einer beispiellosen politischen, ökonomischen, militärischen und kulturellen Dominanz. Andererseits ist das Image des Landes schlechter als zuvor. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Kissinger : Wir leben in einer komplexen Zeit. Die Vereinigten Staaten sind zwar die einzige Supermacht. Nur: Viele Probleme der Welt sind heute militärisch nicht zu lösen. Deswegen kann ein Land wie Amerika mächtig und zugleich ohne entsprechenden Einfluss sein. Den Antiamerikanismus, den Sie beschreiben, gibt es vor allem in Europa und im Mittleren Osten. In China, Japan oder Indonesien ist er nicht sehr stark ausgeprägt.

ZEITmagazin LEBEN : In Europa war er nie stärker.

Kissinger : Amerika versteht sich noch immer wie ein Staat im 19. Jahrhundert, eine Nation, die ihre Interessen vertritt. In Europa gibt es zwar auch noch Nationen, aber sie sind nicht mehr das wichtigste Identifikationsmerkmal für die Menschen.

ZEITmagazin LEBEN : Wie meinen Sie das? Franzosen, Italiener, Deutsche: Viele würden Ihnen da widersprechen.

Kissinger : Aber vielleicht nicht, wenn es um die Frage geht, ob eine Regierung für ihre Politik von der Bevölkerung Opfer verlangen kann – sowohl im Inneren als auch in der Außenpolitik. In Europa gilt der Frieden mittlerweile als wichtigstes Ziel der Außenpolitik; in den USA ist er ein wichtiges Ziel unter anderen. Aber natürlich hat das Vorgehen der Regierung Bush in ihrer ersten Amtszeit sehr viel dazu beigetragen, dass der Antiamerikanismus weltweit so gewachsen ist.

ZEITmagazin LEBEN : Der wichtigste Grund dafür ist der Krieg im Irak.

Leserkommentare
    • hagego
    • 29. Juni 2007 11:31 Uhr

    Nach diesem Interview wird es einem sofort wieder klar: wir leben in relativ mediokren Zeiten.
    Deshalb faszinieren uns (zumindest mich!) die Figuren einer früheren Politik-Epoche: Olof Palme, Helmut Schmidt, Bruno Kreisky, Harold Wilson, Francois Mitterand, Willy Brandt, John F. Kennedy und eben auch Henry Kissinger.
    Kissinger spricht aus, was er denkt, ohne dass er dabei "überzieht" oder sich in Belanglosigkeiten ergeht. Er ist auch mit 84 Jahren in der Lage, zu erkennen, welche Winkelzüge Journalisten aushecken, um darzulegen, dass sie gegenüber den Großen aus Politik und Wirtschaft "mutig" sind. Kein Zweifel, diese Fragen nach der eigenen Geschichte, nach der eigenen Verantwortung müssen gestellt werden. Aber der Blick, rückwärtsgewandt - manch Angesprochenes liegt 30 oder fast 40 Jahre zurück, wird ein wenig trügerisch durch die dominierende Gegenwart.
    Kissinger, im eigentlichen Sinne gar kein Parteipolitiker, hat die Macht nicht um ihrer selbst genutzt, er hat - zusammen mit anderen - diese Macht eingesetzt, um Lösungen anzubieten. Diese Lösungen bestanden manchmal auch aus Kompromissen - das ist in der kleinen und der großen Politik nicht zu vermeiden. Faule Kompromisse machte Kissinger, mitsamt der damals verantwortlichen Administration, m.E. wenige.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Interviews können bisweilen hohes Niveau haben und dem anspruchsvollen Leser einen intellektuellen Genuss bieten. Kissinger ist der Vater der Shuttle-Diplomatie, der Mann, der China den Zugang zur Welt eröffnete, er war Kennedys Berater in der Kubakrise -- nichts von alledem wurde auch nur erwähnt. Dass das vorstehende Interview aber jegliches Niveau vermissen lässt, ja geradezu peinlich wirkt, liegt an der gehässigen, zynischen Voreingenommenheit der beiden Interviewer. Offensichtlich ging es ihnen mehr darum, ihren linientreuen Antiamerikanismus unter Beweis zu stellen als darum, dem Leser irgendwelche neue Einsichten zu vermitteln. Die "Zeit" hatte einst bessere Interviews.

  1. Vielleich sollte er mal die Pentagon-Papers lesen, um sich zu erinnern was er damals gewusst hat. Für mich der einer der grössten Kriegsverbrecher aller Zeiten und mindestens so verlogen wie Nixon. Zum Glück für die Menschheit mittlerweile im Vollbild der Altersdemenz. Warum muss man so jemanden interviewen?

    • Mzungu
    • 30. Juni 2007 20:24 Uhr

    Erstens ist K der typische Machiavellist, der seinen Chef (Johnson) hintergeht, indem er die geheimen Dokumente der Paris-Friedensverhandlungen dessen Widersacher Nixon steckt und damit bei den Republikanern Karriere macht. Durch diese Sabotage wird der Vietnamkrieg um Jahre verlängert, denn ein Frieden war 1968 wahrscheinlich.

    Weiterhin ist K ein überführter notorischer Lügner. Mittlerweile offengelegte Geheimdokumente belegen zum Beispiel, daß Kissinger zusammen mit dem damaligen US-Präsident Gerald Ford die völkerrechtswidrige indonesische Invasion Osttimors autorisierte, die von Dezember 1975 bis Februar 1976 ca. 60.000 Opfer kostete. Kissinger bestritt, überhaupt von den Plänen für die Invasion gewusst zu haben, bis inzwischen freigegebene Dokumente das Gegenteil bewiesen.

    Drittens ist K ein Kriegsverbrecher nach den Maßstäben der Nürnberger Prozesse oder Den Haag. In den Aufzeichnungen eines der Nixon-Kissinger-Gespräche hatte Nixon schwere Bombenangriffe auf Kambodscha angeordnet: „Sie sollen alles treffen“ befahl der Präsident. Daraus machte Kissinger dem Pentagon gegenüber einen Befehl zu „einem schweren Bombenangriff auf alles, was fliegt und sich bewegt“. Noch nie in der Geschichte hatte es laut Prof. Chomski einen eindeutigeren Auftrag zum Völkermord gegeben:

    "On May 27, The New York Times published one of the most incredible sentences I've ever seen. They ran an article about the Nixon-Kissinger interchanges. Kissinger fought very hard through the courts to try to prevent it, but the courts permitted it. You read through it, and you see the following statement embedded in it. Nixon at one point informs Kissinger, his right-hand Eichmann, that he wanted a massive bombing campaign of Cambodia. He said, "I want them to hit everything." And Kissinger transmits the order to the Pentagon to carry out "A massive bombing campaign against Cambodia. Anything that flies on anything that moves." That is the most explicit call for what we call genocide when other people do it that I've ever seen in the historical record."

    • Mzungu
    • 30. Juni 2007 20:42 Uhr

    Ich hätte doch selbst übersetzten sollen:
    "A massive bombing campaign against Cambodia. Anything that flies on anything that moves."
    Kissinger forderte "einen massiven Bombardierungsfeldzug gegen Kambodscha. Alles was fliegt gegen Alles was sich bewegt".
    Das lesenswerte Interview mit Prof. Chomski findet sich hier:
    http://www.mapc-web.de/ar...

    • Anonym
    • 01. Juli 2007 0:33 Uhr

    And I hope that you die
    And your death'll come soon
    I will follow your casket
    In the pale afternoon
    And I'll watch while you're lowered
    Down to your deathbed
    And I'll stand o'er your grave
    'Til I'm sure that you're dead

    bob dylan (c) 1963

    vollständig unter bobdylan.com

  2. ausser dass es meist ums Öl geht oder um Waffenlobby, um Wegemonie.
    Das Archiv von einem anderen 9/11 wie das so schön klingt wird erst nach seinem Tod geöffnet, das war diese Geschichte in Chile...11 September 1973.
    Ich denke die Zeit zeigt uns Beispiele wie wir nicht sein sollen.

  3. Interviews können bisweilen hohes Niveau haben und dem anspruchsvollen Leser einen intellektuellen Genuss bieten. Kissinger ist der Vater der Shuttle-Diplomatie, der Mann, der China den Zugang zur Welt eröffnete, er war Kennedys Berater in der Kubakrise -- nichts von alledem wurde auch nur erwähnt. Dass das vorstehende Interview aber jegliches Niveau vermissen lässt, ja geradezu peinlich wirkt, liegt an der gehässigen, zynischen Voreingenommenheit der beiden Interviewer. Offensichtlich ging es ihnen mehr darum, ihren linientreuen Antiamerikanismus unter Beweis zu stellen als darum, dem Leser irgendwelche neue Einsichten zu vermitteln. Die "Zeit" hatte einst bessere Interviews.

    Antwort auf "Klare Ansichten."
  4. es ist schleierhaft, warum Kissinger mit Ihnen sprechen wollte.

    Wie auch mit dem ZEIT Buero Mann in Washington, Kleine-Brockhoff, sollte sich niemand einbilden, dass man nicht mit Amerika-Feinden sich unterhaelt.

    Was ok ist/waere, wenn sie die Wahrheit offen sagen wuerden.

    Aber das ist zuviel zu hoffen.

    Trotzdem ist dieses Interview weretvoll. Die Leser-Briefe beweisen wieder, dass die Mehrheit der ZEIT-Leser, wohl auch aller Deutschen, Nass' &seines Helfer's Meinung sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "es ist schleierhaft, warum Kissinger mit Ihnen sprechen wollte."

    mir ist schleierhaft, warum die zeit mit dem kerl reden will.

    für mich jedenfalls gehört er zu den übelsten verbrechern, die das jahrhundert hervorgebracht hat, und eigentlich gehört der vor den internationalen gerichtshof.

    aber, er ist ja "nur" ein schreibtischtäter, er denkt sich den dreck ja nur aus. sterben dürfen die anderen ...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Henry Kissinger | John F. Kennedy | John McCain | Irak | USA | Vietnam
Service