Truman Capote, dessen Biografie bis heute zwielichtig schillert: umjubeltes Wunderkind, versoffenes Wrack. Eine Ikone unverklemmter Homosexualität, dabei seinem Lebensgefährten Jack Dunphy jahrzehntelang ein treuer Partner. Ein Pfau, ein Raumverdränger, die Selbstdarstellung in Person, doch zugleich ein treuer, zärtlicher, besorgter Freund für seine Freunde, die fast ausnahmslos weiblich, schön, reich und berühmt waren. Ein begnadet begabter Schreiber, doch literarisch völlig ungebildet, wie seine erste große Liebe, der hochgelehrte Literaturwissenschaftler Newton Arvin, feststellte. Zu seiner Zeit weltberühmt – doch fallen einem auf Anhieb mehr als ein, zwei Titel ein? Hat er überhaupt mehr geschrieben? Wie ein Naturgesetz scheint hier übergroße Aufmerksamkeit zu Lebzeiten zu einer darauf folgenden Periode des Stillschweigens zu führen – als müssten sich die Schwebeteilchen erst setzen, bevor er endgültig eingeordnet werden kann.

Hierzu sehr hilfreich ist (trotz zahlreicher Druckfehler) die neue Biografie von Gerald Clarke. Geboren wurde Capote als Truman Streckfus Persons, Sohn des halbkriminellen Hochstaplers Arch Persons und der blutjungen Lillie Mae, einer intelligenten Südstaatenschönheit, die hoch hinauswollte. Die Ehe der Eltern scheiterte bald an Archs reihenweise geplatzten Luftschlössern. Das schlecht wachsende Kind Truman, das aussah wie ein putziges Mädchen mit der »Stimme eines Robbenbabys«, wurde hin und her geschoben wie ein Paket: entweder bei den Tanten in Alabama abgegeben oder in Hotelzimmern eingeschlossen, wo er vor Angst weinte und schrie. Seine Mutter war derweil auf der Suche nach einem Ehemann.

Sie fand ihn im spanischstämmigen Joe Capote, der Truman nicht nur adoptierte, sondern auch liebte. Arch, der leibliche Vater, meldete sich erst wieder, als es aussichtsreich schien, Truman um Geld anzubetteln. Lillie Mae dagegen, die sich nun ihres Hillbilly-Namens entledigte und »Nina« nannte, übte bis zu ihrem Selbstmord eine konstant negative Kraft auf ihren »unmännlichen« Sohn aus.

So gesehen hatte Truman, auffällig, wie er von Geburt an war, keine Wahl. Er konnte nur die Flucht nach vorne antreten und aus seiner Skurrilität eine Marke machen. Schon in der Schule nutzte er Intelligenz und Showtalent, scharte die Klugen und Schönen um sich, war Wortführer und strahlendes Zentrum elitärer Cliquen. Mit acht Jahren beschloss er, dass er Schriftsteller werden wollte; mit einundzwanzig streckte er mit Getöse den ersten Fuß durch die Tür. Esquire und Harper’s Bazaar nahmen seine Short Storys an, und die Tore der New Yorker Gesellschaft öffneten sich. »Niemand traute seinen Augen, als dieses Wunderkind hereinwirbelte. Er sah ungefähr wie achtzehn aus. Er strahlte und war glücklich. Und vollkommen selbstsicher. Alle wussten, dass jemand Bedeutender die Bühne betreten hatte – besonders Truman selbst!«

Es war der Beginn einer märchenhaften Karriere, die sich dennoch mehr einem gesellschaftlichen Mythos als literarischer Großleistungen verdankte. Der Ruhm, der Truman Capote vorauseilte, war meistens eine Spur größer als die Bücher, die ihn einlösen sollten. Nach Andere Stimmen, andere Räume folgte Die Grasharfe, die sich heute liest wie ein kitschiges Jugendbuch. Danach verzettelte er sich lange in – meist erfolglosen – Broadway-Adaptionen eigener Stoffe und arbeitete als Drehbuchautor. 1958 erschien Frühstück bei Tiffany – der verdiente Erfolg dieses Buches war der letzte, den er noch unversehrt genießen konnte. Denn mit einer Zeitungsmeldung über einen Vierfachmord in Kansas begann sein persönliches Fegefeuer.

Als er in das Städtchen Holcomb reiste, wollte er nur über den Schock der Einwohner schreiben. Doch die beiden Täter wurden schnell gefasst. Damit änderte sich das Thema: Nicht mehr das Rätsel war zentral, sondern die Dramaturgie des Verbrechens. Capote wohnte dem Prozess bei, bestach anschließend einen leitenden Beamten, um die beiden in der Todeszelle regelmäßig interviewen zu können. Aber dann wurde die Hinrichtung verschoben, einmal, zweimal, sechsmal. Millers Film thematisiert subtil dieses Dilemma, das ja klingt wie ein grausamer Witz.