Ausländerrecht Kinder haften für ihre Eltern

Eine Fünfzehnjährige, geboren und aufgewachsen in Berlin, soll nach Serbien abgeschoben werden – weil ihre Mutter vorbestraft ist.

Alexandra Radosavljevic ist 15 Jahre alt und mag Bollywood-Filme. Die bringen ein wenig Glanz in die dunkle Vierzimmerwohnung in Berlin-Neukölln und ein wenig Ablenkung von dem, was ihr bevorsteht. Alexandra, obwohl in Deutschland aufgewachsen, als Tochter einer Frau, die ebenfalls in Deutschland groß wurde, hat keinen deutschen Pass. Demnächst soll sie nach Serbien abgeschoben werden. Serbisch spricht sie nicht. Sie sagt, was Menschen in dieser Lage sagen: dass sie das Land nicht kenne, in das sie bald geschickt werden wird. Und dass sie in Berlin bleiben wolle.

Kinder und Jugendliche wie Alexandra Radosavljevic gibt es zu Tausenden. Was Alexandras Fall heraushebt, ist das Schicksal ihrer Mutter, Ljubica Radosavljevic. Es zeichnet den Lebensweg der Tochter vor. Ljubica Radosavljevic, als Roma geboren in Serbien, aufgewachsen in Berlin, abgeschoben noch als Kind und zurückgekehrt als Erwachsene.

Anzeige

Drei Jahre war Ljubica alt, als ihre Eltern und ihre vier Geschwister 1976 nach Berlin zogen. Abgeschoben wurde sie sieben Jahre später, um »angesichts der großen Zahl von ausländischen Kindern, die bereits in der Bundesrepublik Deutschland leben« Kindergärten und Schulen zu entlasten. So steht es in ihrem Abschiebebescheid von 1983.

Mit 13 wurde Ljubica in Jugoslawien verheiratet, mit 15 bekam sie ihr erstes Kind, mit 17 ihren zweiten Ehemann. 1992, als der Krieg auf dem Balkan eskalierte, kehrte sie mit ihrer Familie zurück in das Land ihrer Kindheit. Wie so viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien wurde das Paar in Deutschland jahrelang geduldet. In dieser Zeit gebar Ljubica weitere Kinder, neun sind es nun insgesamt. Mehrmals trennte sie sich von ihrem Mann, einem Alkoholiker, der sie im Suff verprügelte, und zog von einem Asylbewerberheim ins nächste.

Wenn Glück oder Unglück eines Menschen eine Frage seiner Staatsbürgerschaft ist, kann ein kleines Ereignis viel ändern. Ljubica durfte nicht arbeiten. Sie lernte einen Deutschen kennen, wurde schwanger, der Deutsche erkannte die Vaterschaft an – und damit waren Ljubica und ihre ganze Familie plötzlich legal. Sie durften in Deutschland bleiben.

Ljubicas Leben wird so normal, wie das Leben einer Mutter von neun Kindern werden kann, deren Mann gewalttätig und alkoholkrank ist. »Wenn er nicht betrunken war«, sagt Alexandra, »war er nett zu uns.« Einmal überredet er Ljubica zu einem Kreditbetrug. Obwohl sie das Formular kaum lesen und nur mit groben Buchstaben unterschreiben kann, geht sie mit 20000 Mark aus der Bank. Was ist mit dem Geld passiert? »Er hat es versoffen«, sagt Ljubica. Sie musste eine Geldstrafe bezahlen, ist seither vorbestraft.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service