Rock Lächeln kann die Hölle sein

Lou Reed führt sein Album »Berlin« als konzertanten Klassiker auf. Selten klang das Schreckliche mitreißender.

Der Höhepunkt der Perversion ist erreicht, als die Mädchen »Oh, oh, oh, what a feeling« jubilieren. Sphärisch steigt der süßliche Lobpreis gen Bühnenhimmel, während Lou Reed vor dem gospelgekleideten Mädchenchor steht und vom Selbstmord einer Frau singt, von der Rasierklinge, mit der sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, in jenem Bett, in dem ihre Kinder gezeugt wurden. Um dann in seiner unvergleichlich gleichmütigen Tonlage zu resümieren: »But funny thing, I’m not at all sad that it stopped that way«. Und die Mädchen antworten: »Oh, oh, oh, oh, what a feeling«.

Verwechselt man Kunst mit Leben, dann wäre Lou Reed unerträglich, dann könnte man im Nachhinein die Elektroschockbehandlungen gutheißen, mit denen der junge Lewis Reed von seinen Aggressionen befreit werden sollte, dann wäre das Album Berlin von 1973 zu Recht vergessen. Wie ein Albtraum bündelte es alle Ängste und Fantasien des 30-jährigen Sängers, Gitarristen und Komponisten, der nach seinem Welterfolg Transformer samt Walk On The Wild Side, den er unter der Ägide von David Bowie und Mick Ronson 1972 in London produzierte, mit Berlin die dunklen Seiten seiner sexuellen Schizophrenie nach Außen kehrte. »Ich musste es machen, sonst wäre ich wahnsinnig geworden«, erklärte er und erlitt mit dem Misserfolg von Berlin die größte Enttäuschung seiner Karriere. Auf Platz 98 der amerikanischen Hitparade stagnierte das Konzeptalbum, lächerliche 20000 Mal verkaufte es sich, die Plattenfirma RCA hätte es am liebsten eingestampft. Schließlich kastrierte sie das geplante Doppelalbum auf fünfzig Minuten, fotoverkitschtes Beiheft inklusive.

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»Danke, dass ich Berlin aufführen durfte«, verneigt sich nun ein höflicher 64-jähriger Lou Reed, Arm in Arm mit seiner Band in Amsterdam, milde gestimmt und freundlich lächelnd, als sei das alles dem Leben eines anderen entnommen, als sei er Dirigent und musikalischer Leiter der konzertanten Fassung eines Pop-Klassikers aus dem letzten Jahrhundert. Auguren und trendwache Analytiker notieren ohnehin seit Längerem die Tendenz, die einst aufrührerische Rockgeschichte durch Edelverpackungen und diskografischen Vollständigkeitswahn zu adeln, nun findet die Kanonisierung ihre Fortsetzung in der lukrativen Wiederauferstehung in Konzerten. Version 1: Kauft keiner CDs, dann wird der Künstler exhumiert, wiedervereinigt und auf der Bühne ausgestellt, von Who zu Genesis zu Police, wir sind mitten im Geschäft. Version 2: Sind die Künstler notorisch aktiv und nicht totzukriegen – wie Lou Reed, Sonic Youth oder Patti Smith –, bleibt die Hommage als Ausweg, ihre Alben exklusiv als autonomes Werk und Markstein aufzuführen. Ob Horses oder Daydream Nation, was der Klassik seit einem Jahrhundert teuer war, ist dem Pop nun billig.

Eiskalte Lieder von musiksüchtigen Ladys und Männern auf Speed

Die ausverkaufte Halle jubelt. Man möchte Berlin, das »movie for the mind« (Reed), von jenem drohenden Szenario kommender Kommerz-Wiedergänger fast in Schutz nehmen, zu grandios scheint es noch immer, zu lange war es vergessen oder blieb zumindest ungehört. Jenes fiktive Berlin, das Lou Reed zu diesem Zeitpunkt nie gesehen hatte (und das er mit einem ortsfremden, hofbräuhausartigen »Eins, zwei, drei, Gsuffa« einleitet), diente ihm als Metapher einer klaustrophobischen Beziehung, geteilt und zugleich eins – Caroline und Jim. Das Album bündelt eine Liebe, die Eifersucht und Gewalt auslebt, die Sadismus, Sex und Masochismus zusammenfügt, die Sehnsucht nach einer bürgerlichen Existenz und die unwiderstehliche Sucht, sich nachts in den Straßen zu verlieren. Den biografischen Hintergrund hatte Lou Reed immer bedeckt gehalten (»Ich bin Schriftsteller! Werfen sie mich also nicht mit meinen Songs in einen Topf.«), seine Beziehung zu Bettye Kronstadt, zu dem netten Mädchen, das er schließlich im Frühjahr 1973 heiratete und von der er sich im Herbst 1973 scheiden ließ, war mehr als eine Folie. Sie war ihm nicht gewachsen, und er schlug sie, sie versuchte sich umzubringen, und er verhöhnte sie, sie liebte ihn, und er malte ihr detailliert seine homoerotische Vergangenheit und Zukunft aus. Black and Blue statt Pale Blue Eyes .

» In Berlin, by the wall / You were five foot ten inches tall / It was very nice / Candlelight and Dubonnet on ice « singt Lou Reed in dem Song Berlin, der auf seinem ersten Soloalbum 1971 erscheint, und er wird ihm zum Stachel im Fleisch, zur Frage, was später kommt, was aus zwei Liebenden wird, wenn alle Mauern gefallen sind. Selten war Lou Reed hellsichtiger, nun führt er uns in seine Hölle, und wir jubeln. Von der musiksüchtigen Lady Day erzählt er, von Caroline seiner »German Queen«, die ihn runtermacht, von steinreichen Erben und armen Schweinen, von Männern auf Speed, die nur in der Möglichkeitsform leben, von falschen Freunden und purem Hass. »But me, I just don’t care at all«, tönt nun diese entspannte Stimme, und man mag es fast nicht wahrhaben und glauben, dass Lou Reed zu seiner Sprechstimme zurückgefunden hat, dass er endlich darauf verzichtet, sich als verhinderter Sänger zu versuchen, dylanesk seine Songs zu variieren. Die Aura des Originals ist übermächtig.

Leser-Kommentare
    • zerber
    • 28.06.2007 um 20:06 Uhr

    "Berlin in Berlin" - etwas zu weich gespült, man kam sich vor wie bei "Night of the Proms" mit diesem Orchester-Gedudel. Wenn die Posaune schwieg, war es ganz gut...bißchen weniger wäre mehr gewesen!

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