ProthesenHöher, schneller, weiter

Nachdem er beim Klettern beide Unterschenkel verloren hatte, begann Hugh Herr künstliche Gliedmaßen zu erforschen. Bald will er mechanische Körperteile bauen, die besser sind als das Original.

Soll ich mir den anderen Fuß auch noch montieren?«, fragt Hugh Herr. Er mag die Antwort eh nicht abwarten, krempelt das linke Hosenbein hoch und löst die Schrauben, die seine Prothese am Titanschaft halten. Flugs ist das klobige Teil getauscht gegen eine filigrane Konstruktion aus Federn, Getriebe und einem Motor.

Dann steht Hugh Herr auf und läuft los. Erst langsam, dann immer schneller. Zum Labor hinaus, durch die Halle, die Treppe hoch, die Treppe runter. Vom etwas steifen Gang, den er vorher hatte, ist nichts mehr zu sehen. Leise zischt die Mechanik. »Oh Mann«, ruft er aus, »davon habe ich Jahre geträumt!« Später sagt er, es habe sich angefühlt, als ob ihn die Hand Gottes geschoben habe wie auf einem Laufband am Flughafen. Aus dem sonst so ruhigen Professor sprudeln Superlative, denn die Vorführung ist fast eine Premiere: Am Abend zuvor hat Herr zum ersten Mal an beiden Beinstümpfen die erste motorisierte Fußprothese der Welt montiert und am eigenen Leib die Magie seiner Forschungsarbeit verspürt.

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Nach 25 Jahren geht Hugh Herr endlich wieder auf eigenen Füßen. Damals erfroren dem 17-Jährigen auf einer Bergtour beide Unterschenkel: Doppelamputation unter den Knien. Nie mehr klettern, sagten die Ärzte zu dem Teenager, der ein miserabler Schüler war, weil er nichts anderes im Kopf hatte, als der beste Kletterer der Welt zu werden. Stattdessen fesselte man ihn nun mit ungelenken Gipsfüßen am Boden fest.

Aus dem Mängelwesen Mensch 1.0 wird die optimierte Version 2.0

Diese Tragödie war der Beginn der unwahrscheinlichen Karriere des Hugh Herr. Sie führte ihn von einer Werkstatt, in der er sich fieberhaft Kletterprothesen bastelte, über das Studium der Biomechanik und des Maschinenbaus zum jetzigen Posten am angesehenen Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Hier hat er seinen motorisierten Wunderfuß entwickelt, davor eine intelligente Knieprothese, und bald sollen in seinem Labor in Cambridge künstliche Glieder entstehen, die besser sind als ihre Vorbilder aus Fleisch und Blut. »Wir werden mit unseren Prothesen die menschliche Fortbewegung verbessern«, kündigt Herr die Revolution an: Behinderte verschmelzen mit Hightech zu überlegenen Cyborgs. Aus dem Mängelwesen Mensch 1.0 wird die getunte Version 2.0.

Diese Vision ist erst seit Kurzem greifbar. Fortschritte in der Neurologie und Elektronik machen Gehirnchips möglich, dank deren Gelähmte mit bloßen Gedanken Computer steuern. Neue Materialien erlauben Rennprothesen, mit denen der Läufer Oscar Pistorius trotz amputierter Unterschenkel in der regulären südafrikanischen Meisterschaft den zweiten Platz über 400 Meter erreichte.

Hugh Herr ahnte und ersehnte diese goldene Zukunft schon vor 20 Jahren, als er in der Werkstatt Prothesen erfand. Ein Exemplar etwa endete in hauchdünnen Spitzen. Damit konnte er im Fels auf Tritten stehen, für die jeder Fuß zu grob ist. Diese und manche andere Kreation ließen ihn Wände erklimmen, die danach für zwei Dekaden unbezwungen blieben. »Schon damals erkannte ich, dass diese künstlichen zehn Prozent meines Körpers fast jede Form annehmen können«, sagt Herr. »Die einzigen Grenzen sind die Gesetze der Physik und meine Vorstellungskraft.«

Auch wenn Herr mit dem Bau von Kletterprothesen rasch Erfolge erzielte – der Alltag des ganz normalen Gehens auf Bürgersteigen und Treppen erwies sich als wesentlich schwieriger. Um hier zum Ziel zu gelangen, war ein sorgfältiges Studium der Biomechanik nötig. »Der Mensch geht mit einer unglaublichen Effizienz«, sagt Herr. Dafür sorgt das perfekte Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen, zwischen denen die Energie hin- und herpendelt. Diesen Fluss der Kräfte gilt es nachzubauen in Titan und Carbon.

Das Ergebnis ist in Herrs überraschend bescheidenem Labor zu besichtigen. In dem fensterlosen Raum liegen und stehen die Erfindungen seines Forschungsteams zwischen Computern, Kabelhaufen und Werkzeugkoffern. An der Wand hängt eine Tafel, die der Fotograf nicht ablichten darf, weil die Formeln darauf noch nicht patentiert sind. Gegenüber liegt auf einem Stuhl ein Exoskelett: ein Anzug aus Metallstreben, Scharnieren und Motoren, den man sich um Beine und Becken schnallt. Für jeden damit ausgerüsteten Buchhalter werden 40-Kilo-Lasten zum Kinderspiel.

Hugh Herr zeigt als nächstes die Rheo-Knieprothese, die erste Konstruktion aus seinem Labor, die man kaufen kann. Das künstliche Knie hat einen elektrischen Dämpfer eingebaut, der beim Gehen die auftretenden Kräfte fühlt und sie gezielt abfängt. Für Menschen mit amputierten Beinen ein großer Fortschritt, doch Herr ist noch lange nicht zufrieden. »Beim Gehen fließt stetig Energie von Muskeln und Sehnen zum Knie und von ihm weg«, erklärt er. »Aber das Rheo-Knie kann Kräfte nicht weitergeben, nur dämpfen. Deshalb verschwendet es Energie.« Ein inakzeptabler Zustand.

Leserkommentare
  1. irgendwann schneiden wir uns die Fuesse ab, damit wir die 'besseren' Prothesen drannschrauben koennen. :-)

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