GeschlechterforschungErbe und Erziehung

Was ist angeboren, wo verstärkt die Umwelt die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, Männern und Frauen? Die wichtigsten Ergebnisse der Wissenschaft. von Birgit Herden

Ist uns der Unterschied in die Wiege gelegt? Denken, fühlen und handeln Jungen von Natur aus anders als Mädchen? Ein große Schar von Neurobiologen und Kognitionspsychologen hat in den vergangenen Jahrzehnten versucht, die eher anekdotenhaften Berichte über Geschlechtsunterschiede wissenschaftlich zu untermauern. Das fällt überraschend schwer: Die Gehirne von Jungen und Mädchen sind zwar anatomisch unterschiedliche, doch zugleich erstaunlich plastische Organe. Alltagsrelevante Unterschiede in der Biologie von Jungen und Mädchen sind ein keineswegs triviales Thema. Gelegentlich muss man sie mit der Lupe suchen.

Die Gene

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Einen biologischen Unterschied zwischen Junge und Mädchen gibt es von dem Augenblick an, da sich Samen- und Eizelle vereinigen: Weibliche Embryonen enthalten zwei X-Chromosomen, männliche Embryonen ein X-und ein Y-Chromosom. Entscheidend für das Geschlecht ist das sogenannte SRY-Gen, die sex-determining region Y. Sie enthält die Bauanleitung für einen Eiweißstoff, der in der frühen Embryonalentwicklung die Entwicklung der Hoden auslöst. Die bilden ab der neunten Schwangerschaftswoche das Hormon Testosteron, das die Ausbildung der sonstigen Geschlechtsmerkmale steuert.

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Früher dachte man, dass allein die unterschiedliche Hormonkonzentration in der weiteren Entwicklung über das Geschlecht entscheide. Doch inzwischen weiß man, dass sich die Wege der Geschlechter schon früher trennen. Bei Mäusen zeigen 51 der 12.000 Gene, die im Gehirn wirken, bereits vor der Hodenbildung eine unterschiedliche Aktivität in männlichen und weiblichen Embryos. Welche Rolle sie spielen, ist allerdings noch unbekannt. Doch wenn im männlichen und weiblichen Gehirn so früh schon unterschiedliche Gene aktiv sind, ist es denkbar, dass dadurch auch unterschiedliche Strukturen entstehen – ganz unabhängig von den Hormonen.

Die Hormone

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Zwar spricht man von männlichen und weiblichen Geschlechtshormonen, doch das ist irreführend: Sowohl bei Männern als auch bei Frauen wirken Testosteron und Östradiol, allerdings in unterschiedlichen Konzentrationen. Männer haben fünfmal so viel Testosteron im Blut wie Frauen, aber nur ein Zehntel der Menge an Östradiol. Schon beim Embryo und auch noch während der ersten sechs Lebensmonate wirken diese Hormone, erst im Alter von einem halben Jahr endet die "Minipubertät". Die Rezeptoren für diese Hormone sitzen auch im Gehirn, und vermutlich entstehen so die anatomischen Unterschiede. Wird also auch "typisch weibliches" oder "männliches" Denken schon in der Gebärmutter angelegt?

Um dieser Frage nachzugehen, haben verschiedene Forschergruppen Mädchen mit dem Andrenogenitalen Syndrom (AGS) untersucht, die aufgrund eines genetischen Defekts stark erhöhten Testosteronkonzentrationen vor und kurz nach der Geburt ausgesetzt sind. Die AGS-Mädchen spielen bevorzugt mit typischem Jungenspielzeug wie Autos und Bauklötzen, verschmähen Puppen und Küchenutensilien und können auffällig gut werfen. Weil aber Umweltfaktoren kaum auszuschließen sind, gelten solche Ergebnisse nicht als exakter Beweis – vielleicht sind die Mädchen ja auch von ihren Eltern wie Jungen behandelt worden.

Zu den kognitiven Fähigkeiten dieser Mädchen liegen unterschiedliche Ergebnisse vor. In manchen Untersuchungen brillieren sie in den Disziplinen, in denen auch Jungen tendenziell besser sind. Eine neue Studie findet dagegen keinen solchen Zusammenhang.

Dass Geschlechtshormone grundsätzlich das Denken beeinflussen können, ist allerdings unumstritten. In Studien von Markus Hausmann an der University of Durham waren Frauen bei bestimmten, "typisch männlichen" kognitiven Aufgaben im Durchschnitt besser gegen Ende ihres Zyklus, wenn die Östradiolkonzentration gering ist – oder auch, wenn sie einen hohen Testosteronspiegel hatten. Außerdem konnte Hausmann zeigen, dass Männer bei Aufgaben erst dann wirklich überlegen sind, wenn ihnen auch bewusst ist, dass es sich dabei um eine typisch männliche Leistung handelt. Sobald Mann sich in seiner Männlichkeit herausgefordert fühlt, verdoppelt sich die Testosteronkonzentration laut einer Untersuchung von Hausmann – und der Hormonschub sorgt dann für die entsprechende Leistung.

Leserkommentare
    • Juni29
    • 02. Juli 2007 18:57 Uhr

    informative und interessante zusammenfassung! haben wir gerne gelesen, drüber gelacht und diskutiert!

  1. "Männer haben allein durch ihre Körpergröße ein im Durchschnitt um elf Prozent größeres Gehirn." Wieso natürlich. Hängt die Größe des gehirns wirklich von der Körpergröße ab? Wo ist die Untersuchung?

    • SMunk
    • 04. Juli 2007 0:34 Uhr

    Meine eigene Erfahrung sieht so aus, dass in Phasen eines ausgeglichenen Sexuallebens im Sinne Luthers sowohl Antrieb als auch kognitive Leistungsfähigkeit in den Keller gehen.
    Eine hohe Testosteronkonzentration befähigt mich persönlich zu besseren, intensiveren und logischeren Denkleistungen. Allerdings geht das auf Kosten von Ausgeglichenheit und ist positiv mit Aggressivität korreliert.

    Prinzipiell ist es so, dass Lernen relativ einfach wird, wenn man bereits Gelerntes mit neuen Lerninhalten kombinieren kann und über die Strukturgleichheit von Problemen zu Metatechniken gelangt, die flexibel mit Inhalten aus unterschiedlichsten Themengebieten gefüllt werden.
    Strukturiertes Denken ist aus meiner Sicht etwas wichtiger als assoziative Kreativität.

    Fazit: Frauen können auf der kognitiven Ebene ähnliche Leistungen erreichen wie Männer, da sie in der Masse aber den Weg gehen, sei es freiwillig sei es gesellschaftlich determiniert, mit primitiver Zurschaustellung ihrer Geschlechtlichkeit ihren Broterwerb zu suchen, bleibt diese prinzipielle Einschätzung ohne praktische Relevanz.

    Nur Frauen, die nicht mit sexueller Attraktivität gesegnet sind, erreichen ein hohes Maß an Leistungsfähigkeit. Da solche Frauen trotzdem nicht geschätzt werden, gehören sie nie zu denen die in der Gesellschaft als erfolgreich gelten.

    • Crest
    • 04. Juli 2007 9:54 Uhr

    Bei den angeborenen Unterschieden stelle ich mir eine ganz ganz sacht geneigte Ebene vor: Wenn man gar nichts macht, läuft eine Kugel unweigerlich in eine Richtung, ein Würfel bleibt liegen.

    Das muss nicht so bleiben, mit beliebig wenig Aufwand könnte die Kugel auch in der anderen Richtung bewegt werden.

    Beispiel Sport: der Weltrekordler im 100m Sprint wird zwar der Weltrekordlerin in derselbe Disziplin davonlaufen. Umgekehrt wird aber die Weltrekordlerin ich denke mal 99.99% aller Männer in Grund und Boden laufen.

    Was unsere Feministen aber gerne vergessen: Man sollte es den Frauen selbst überlassen, ob sie der geneigten Ebene folgen wollen - daran ist nämlich nichts unmoralisches - oder ob sie sich in einer anderen Richtung bewegen wollen.

    Herzlichst Crest

    • Mare.k
    • 04. Juli 2007 11:56 Uhr

    Eigentlich besteht doch nun gerade bei Gehirnen nicht der Zusammenhang von Quantität, Denkleistung und Intelligenz. Vielen Dank, daß diese schon etwas länger bekannte Tatsache dann doch noch erwähnt wird.
    Nun lässt sich also mal wieder feststellen, daß schwer bis gar keine Aussagen darüber getroffen werden kann, ob Jungs das Auto- und Mädchen das Puppenspielen angeboren ist. Natürlich fällt es uns leichter, die Welt mit Hilfe von simplen Dualitäten zu begreifen und deswegen scheint das Interesse an der Problematik: „Wieso können Frauen nicht einparken....“ ungebrochen zu sein.
    Vielleicht sollte die Tatsache, daß es nahezu unmöglich ist, geschlechstpezifisches Verhalten als biologisch determiniert zu begreifen einfach als gegeben angenommen werden, bis wirklich das Gegenteil bewiesen werden kann.
    Daß unsere Köpfe voll von Stereotypen darüber sind, was männliches und was weibliches Verhalten ist, nehme ich jetzt auch mal als gegeben hin. Immernoch erziehen zum großen Teil Frauen unsere Kinder: Zu Hause, in Kindergärten und an Schulen. Vielleicht führt dies dazu, daß Mädchen gerade in Schulen einen leichteren Stand haben, da sich die Erzieherinnen, Lehrerinnen eher mit ihnen identifizieren. Rüpelhaften Jungs wird aggressiv, männliches Verhalten unterstellt, daß es auch prügelnde Mädchen geben kann, die in Form von Mädchengangs andere terrorisieren entsetzt immernoch alle, so asozial sind doch eigentlich nur Jungs...
    In den Köpfen herrschen Bilder von normkonformen Verhalten. Kinder, sowohl Jungs als auch Mädchen sind zumeist sehr sensibel auf von ihnen erwartetes Verhalten und den Erwachsene fällt es mehr als schwer, ein Leben lang Gelerntes zu hinterfragen und abzulegen.
    Dann später in der Berufswelt richten sich die allgegenwärtigen Vorurteile gegen die Mädchen. Natürlich gibt es immer wieder die "Vorzeige von der Leyens", denen es spielend, mit den nötigen familialen und finanziellen Mitteln gelingt, viele Kinder zu haben und dennoch an „Schaltstellen der Macht“ zu gelangen. Dennoch ist es faktisch für Frauen schwieriger im heirats – und gebährfähigen Alter einen Arbeitsplatz zu finden, und dann auch noch angemessen bezahlt zu werden. Welcher Personalchef würde einen Mann im heirats- und zeugungsfähigen Alter danach fragen, was er mache wenn sein Kind dann mal krank sei? Und hier schließt sich der Kreis: Frauen fügen sich ihrem „biologischen Schicksal“ und hegen und pflegen ihre, und die Kinder ihrer Männer. Schlußendlich haben wir dann die Verhältnisse der 50er Jahre, und alles erklärt sich mit dem kleinen aber feinen Unterschied zwischen den Beinen. Lasst uns doch lieber mal wieder darüber reden, als zu versuchen die alten, langweiligen Vorurteile zu belegen! Ja, auch Mädchen können rechnen und Männer können Kinder genauso lieben und pflegen wie Frauen, aber trotzdem sieht die Welt so anders aus. Wieso?

  2. Die Evolution hat immer recht. Dass die Evolution Männer und Frauen unterschiedlich gemacht hat, finde ich sehr interressant. Ich finde es blöd, dass manche Menschen (zb Feministinnen) versuchen, per Erziehung die Menschen gleich zu machen. Auch ist es blöd, wenn man die Unterschiede in besser und schlechter einteilen will.
    Das Gehirn ist angeblich das komplizierteste Objekt im bekannten Universum (nicht von mir, der Autor möge mir verzeihen, dass ich seinen Namen vergessen habe). Wenn man einige wenige Fähigkeiten herausgreift und vergleicht, kann man daraus doch nicht irgend eine Wertung ableiten!
    Weiteres lassen sich die Anteile von Erbe und Umwelt nicht trennen. Und statistische Zahlen können niemals auf den Einzelfall übertragen werden. Trotzdem geschieht es immer wieder.
    Jeder Mann jede Frau ist Schwankungen unterworfen, die je nach Situation zu anderen Ergebnissen führen.
    Wenn ich in einer Situation das hilflose, willenlose, unwissende Geschöpf in mir in der Vordergrund stelle, kann ich sicher sein, dass mir sowohl von Männern als auch von Frauen Hilfe zuteil wird. Wenn ich logische Schlüsse ziehe, auf Gleichberechtigung bestehe, Stärke zeige, kann ich sicher sein, dass ich mir sowohl Männer als auch Frauen zu Feinden mache. Diese Erkenntnis setze ich manchmal ganz bewusst ein, vermutlich öfter auch unbewusst. Das tun wir doch alle in allen Lebenslagen, nicht nur wenn es um den Unterschied Mann-Frau geht.
    Ja, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sollen erforscht werden, es ist ein interessantes Gebiet. Aber hört auf, zu werten, das eine oder andere als besser oder schlechter darzustellen. Nicht der Unterschied ist schlecht, sondern die Tendenz alles in gut und schlecht einteilen zu wollen.

  3. @ titopoli
    Ja, die Größe des Gehirns hängt von der Körpergröße ab.
    Wo ist die Untersuchung?: Schauen Sie sich ein Biologiebuch an, das auf dieses Thema eingeht. Der Mensch hat nicht absolut das größte Gehirn, aber er hat das größte im Verhältnis zu seiner Körpergröße. An nächster Stelle liegen die übrigen Primaten und die Delphine. Letztere haben absolut ein viel größeres Gehirn als der Mensch und es ist auch stark gefurcht.
    Übrigens, der Neandertaler hatte ein viel größeres Gehirn als wir.
    In Wikipedia finden Sie unter "Gehirn" ebenfalls die Größenabbildung, allerdings scheint mir, dass dort Delphin- und Elefantenhirn verwechselt wurden.

    • fbm
    • 04. Juli 2007 16:07 Uhr

    zum artikel:

    "(Das Beispiel Mathematik zeigt noch einmal die große Schwierigkeit der Wissenschaft, mit einfachen Antworten in die Debatte der Geschlechterdifferenz einzugreifen.) Eine rein statistische Betrachtung ignoriert die Varianz innerhalb eines Geschlechtes."

    ich habe wirklich versucht diesen absatz in den kontext des vorherigen einzubetten und die aussage über die schwierigkeit dichotom trennender aussagen mag auch stimmen. was dort aber über statistik gesagt wird, ist mir ein rätsel. nahezu alle statistischen verfahren zur entdeckung von gruppenunterschieden basieren auf dem prinzip der varianz. die "breite" der varianz entscheidet in sehr bedeutsamer weise darüber, ob gruppenunterschiede (also mittelwertsdifferenzen) als signifikant betrachtet werden.

    die einzig mögliche interpretation an dieser stelle ergibt sich aus der annahme, dass die mittelwertsunterschiede im rahmen der varianz beider geschlechter zu vernachlässigen sind. tendenziell verläuft diese unterscheidung in richtung des in den ersten kommentaren befindlichen beispiels der 100-meter läufer.

    wie schätzt man einen artikel ein, dessen urheber eventuell probleme bei der interpretation psychologisch-empirischer befunde hat?

    ===

    zu der frage gehirngröße-körpergröße: ich glaube dabei handelt es sich um ein missverständnis. zwar gilt die beschriebene korrelation, aber den in den kommentaren beschrieben vergleich zu anderen spezies kann man dann nicht mehr durchführen: der mensch hat durch den aufrechten gang ja eine erheblich höhere körpergröße. es ist tatsächlich ziemlich schweirig das menschliche gehirn auf grund seiner physischen eigenschaften als die krone der schöpfung zu präsentieren. die körpergröße als ursache für die hirngröße zu begreifen wäre jedenfalls daneben.

    bei wikipedia wurde das elefanten- und delfingehirn übrigens nicht vertauscht. das delfingehirn ist dort vermutlich auch nur aufgeführt, weil es mit seiner hohen zahl an falten eine alte hypothese, dieses merkmal wäre für die spitzenleistung menschlicher gehirne verantwortlich, teilentkräftet hat.

    und gleich noch was: dieser satz, welches das hirn als komplexestes objekt des uns bekannten universums beschreibt, wirkt ohne erklärung zu groß. äquivalent habe ich mal gehört "es gibt mehr möglichkeiten zur synaptischen verschaltung als atome im universum" - hört sich ja erst mal kolossal an, ist aber wohl auch eine frage der auslegung und abhängig von sehr theoretischen überlegungen.
    ein ordentlicher quantencomputer könnte als vergleichsmodell die gesamte sache schon wieder anders aussehen lassen.

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