Ist uns der Unterschied in die Wiege gelegt? Denken, fühlen und handeln Jungen von Natur aus anders als Mädchen? Ein große Schar von Neurobiologen und Kognitionspsychologen hat in den vergangenen Jahrzehnten versucht, die eher anekdotenhaften Berichte über Geschlechtsunterschiede wissenschaftlich zu untermauern. Das fällt überraschend schwer: Die Gehirne von Jungen und Mädchen sind zwar anatomisch unterschiedliche, doch zugleich erstaunlich plastische Organe. Alltagsrelevante Unterschiede in der Biologie von Jungen und Mädchen sind ein keineswegs triviales Thema. Gelegentlich muss man sie mit der Lupe suchen.

Die Gene

Einen biologischen Unterschied zwischen Junge und Mädchen gibt es von dem Augenblick an, da sich Samen- und Eizelle vereinigen: Weibliche Embryonen enthalten zwei X-Chromosomen, männliche Embryonen ein X-und ein Y-Chromosom. Entscheidend für das Geschlecht ist das sogenannte SRY-Gen, die sex-determining region Y. Sie enthält die Bauanleitung für einen Eiweißstoff, der in der frühen Embryonalentwicklung die Entwicklung der Hoden auslöst. Die bilden ab der neunten Schwangerschaftswoche das Hormon Testosteron, das die Ausbildung der sonstigen Geschlechtsmerkmale steuert.

Früher dachte man, dass allein die unterschiedliche Hormonkonzentration in der weiteren Entwicklung über das Geschlecht entscheide. Doch inzwischen weiß man, dass sich die Wege der Geschlechter schon früher trennen. Bei Mäusen zeigen 51 der 12.000 Gene, die im Gehirn wirken, bereits vor der Hodenbildung eine unterschiedliche Aktivität in männlichen und weiblichen Embryos. Welche Rolle sie spielen, ist allerdings noch unbekannt. Doch wenn im männlichen und weiblichen Gehirn so früh schon unterschiedliche Gene aktiv sind, ist es denkbar, dass dadurch auch unterschiedliche Strukturen entstehen – ganz unabhängig von den Hormonen.

Die Hormone

Zwar spricht man von männlichen und weiblichen Geschlechtshormonen, doch das ist irreführend: Sowohl bei Männern als auch bei Frauen wirken Testosteron und Östradiol, allerdings in unterschiedlichen Konzentrationen. Männer haben fünfmal so viel Testosteron im Blut wie Frauen, aber nur ein Zehntel der Menge an Östradiol. Schon beim Embryo und auch noch während der ersten sechs Lebensmonate wirken diese Hormone, erst im Alter von einem halben Jahr endet die "Minipubertät". Die Rezeptoren für diese Hormone sitzen auch im Gehirn, und vermutlich entstehen so die anatomischen Unterschiede. Wird also auch "typisch weibliches" oder "männliches" Denken schon in der Gebärmutter angelegt?

Um dieser Frage nachzugehen, haben verschiedene Forschergruppen Mädchen mit dem Andrenogenitalen Syndrom (AGS) untersucht, die aufgrund eines genetischen Defekts stark erhöhten Testosteronkonzentrationen vor und kurz nach der Geburt ausgesetzt sind. Die AGS-Mädchen spielen bevorzugt mit typischem Jungenspielzeug wie Autos und Bauklötzen, verschmähen Puppen und Küchenutensilien und können auffällig gut werfen. Weil aber Umweltfaktoren kaum auszuschließen sind, gelten solche Ergebnisse nicht als exakter Beweis – vielleicht sind die Mädchen ja auch von ihren Eltern wie Jungen behandelt worden.

Zu den kognitiven Fähigkeiten dieser Mädchen liegen unterschiedliche Ergebnisse vor. In manchen Untersuchungen brillieren sie in den Disziplinen, in denen auch Jungen tendenziell besser sind. Eine neue Studie findet dagegen keinen solchen Zusammenhang.

Dass Geschlechtshormone grundsätzlich das Denken beeinflussen können, ist allerdings unumstritten. In Studien von Markus Hausmann an der University of Durham waren Frauen bei bestimmten, "typisch männlichen" kognitiven Aufgaben im Durchschnitt besser gegen Ende ihres Zyklus, wenn die Östradiolkonzentration gering ist – oder auch, wenn sie einen hohen Testosteronspiegel hatten. Außerdem konnte Hausmann zeigen, dass Männer bei Aufgaben erst dann wirklich überlegen sind, wenn ihnen auch bewusst ist, dass es sich dabei um eine typisch männliche Leistung handelt. Sobald Mann sich in seiner Männlichkeit herausgefordert fühlt, verdoppelt sich die Testosteronkonzentration laut einer Untersuchung von Hausmann – und der Hormonschub sorgt dann für die entsprechende Leistung.

Offensichtlich existieren komplexe Wechselwirkungen zwischen dem Gehirn und dem endokrinen System: Hormone steuern neben Bartwuchs und Geschlechtstrieb auch die höheren Hirnfunktionen, werden aber ihrerseits vom Gehirn kontrolliert.

Das Gehirn

Männer haben allein durch ihre Körpergröße ein im Durchschnitt um elf Prozent größeres Gehirn. Darüber hinaus besitzen sie auch mehr Nervenzellen in der Großhirnrinde als Frauen. Auch im Detail findet man anatomische Unterschiede zwischen Männer- und Frauenhirnen. Unbestritten ist bei Männern die "präoptische Region", zuständig für den Sexualtrieb, größer als bei Frauen. Nach Untersuchungen der Psychiaterin Jill Goldstein von der Harvard Medical School sind bei Frauen bestimmte Bereiche des vorderen Großhirns stärker ausgeprägt, ebenso wie der für Gedächtnisfunktionen zuständige Hippocampus. Dafür haben Männer laut Goldstein aber einen größeren Scheitellappen, der für das räumliche Sehen taugen soll, und eine größere Amygdala, der Sitz von Angst, Aggression und Erregung.

In der Hirnanatomie werden immer wieder "typische" Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen gefunden – oft sind solche Befunde aber umstritten. Oder die Variationen sind so klein, dass man sie überhaupt nur als statistische Größe bei sehr vielen Messungen nachweisen kann. "Für den Einzelfall ist das dann unerheblich", sagt der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke. Zudem sagen anatomische Unterschiede noch nichts über die Funktion aus. Nicht einmal die Frage, ob sie angeboren sind, ist leicht zu beantworten. "Das menschliche Gehirn zeichnet sich vor allem durch seine unglaubliche Anpassungsfähigkeit aus", sagt Jäncke. "Es ist im Wesentlichen eine Lernmaschine, die sich über Jahre hinweg entsprechend den äußeren Einflüssen entwickelt und die unterschiedlichsten Aufgaben meistern kann. Das gilt für Jungen wie für Mädchen."

Auffällig ist immerhin, dass Frauen und Männer ihre Hirnhälften bei manchen Aufgaben unterschiedlich einsetzen. Laut Untersuchungen des Neurobiologen Larry Cahill an der University of California in Irvine reagieren Frauen stärker mit der linken Amygdala auf emotionale Erlebnisse und erinnern sich dadurch später eher an Details, während Männer stärker die rechte Amygdala aktivieren und sich deutlicher an den Hauptinhalt erinnern.

Frühkindliche Vorlieben

Viele Eltern berichten, dass ihre kleinen Jungen partout mit Autos und Pistolen spielen wollen, Mädchen dagegen lieber den Puppenwagen schieben. Immer wieder hört man die Versicherung, dies geschehe allein durch den Antrieb der Kinder und belege angeborene Unterschiede im Gehirn. Das ist wissenschaftlich schwer nachzuweisen. Eltern behandeln Babys vom ersten Tag an je nach Geschlecht unterschiedlich, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist.

Als Beweis für angeborene Geschlechterdifferenzen wird immer wieder ein Experiment von Simon Baron-Cohen von der Cambridge University angeführt, das der Psychologe vor einigen Jahren auf der Säuglingsstation eines Krankenhauses durchführte. Den Neugeborenen wurde einmal das lächelnde Gesicht einer Mitarbeiterin Cohens gezeigt, ein anderes Mal ein Mobile. Dabei wurden die Babys gefilmt, und anschließend beurteilten andere Wissenschaftler ohne Kenntnis des Geschlechts das Verhalten. Kurz nach der Geburt kann es noch keinen prägenden Einfluss durch Erziehung gegeben haben – alle beobachteten Unterschiede müssten also angeboren sein.

Tatsächlich konnte Baron-Cohen einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Babys beobachten: Jungen bevorzugen Mobiles, Mädchen Gesichter. Entsprechend hat Baron-Cohen inzwischen die These von dem "empathischen" weiblichen und dem nach Systematisierung strebenden männlichen Gehirn entwickelt. Seine Ergebnisse konnten allerdings bis heute nicht reproduziert werden. Vielleicht, weil der beobachtete Unterschied in der Aufmerksamkeit nicht sehr groß war: Die kleinen Jungen schauten im Durchschnitt 52 Prozent der Zeit auf das Mobile, bei den Mädchen waren es nur 41 Prozent. Gestützt werden die Thesen Baron-Cohens von Forschern des Karolinska Institutet in Stockholm. Die konnten nachweisen, dass die geschlechtsspezifischen Vorlieben von Kleinkindern von der Testosteronkonzentration abhängig sind, denen Kinder vor der Geburt ausgesetzt waren.

Bei der Interpretation von Versuchsergebnissen, die aus Tests mit älteren Kindern gewonnen werden, die schon von der Umwelt geprägt sind, ist dagegen Vorsicht geboten. So haben Forscher der Arizona State University gezeigt, das Kleinkinder besonders die Spielzeuge bevorzugen, die ihnen als passend für ihr Geschlecht suggeriert werden – auch wenn sie es im herkömmlichen Sinne nicht sind. So können manche Vorlieben von Jungen und Mädchen scheinbar wie von selbst entstehen – in Wirklichkeit wurden sie dem Kind schon als das passende Verhalten vermittelt.

Kognitive Fähigkeiten

Ein Klassiker in jeder Diskussion um Geschlechterdifferenz ist die Tatsache, dass Mädchen im Durchschnitt die besseren Schulnoten haben, Jungen dagegen besser in Mathematik und Physik sind und in diesen Fächern häufiger Höchstleistungen erbringen. Angeborene Begabung oder erworben? Weil sich die Begabung für Mathe im Kindesalter nur geringfügig unterscheidet und die Unterschiede erst von der Pubertät an deutlicher werden, könnten Umweltfaktoren beteiligt sein. Oder Hormone? Psychologen von der University of Arizona haben nachgewiesen, dass Frauen ihre Schwierigkeiten bei Matheaufgaben plötzlich überwinden, wenn sie glauben, einfach nur ein Problem zu lösen, und ihnen die mathematische Natur der Aufgabe gar nicht bewusst ist. Ebenfalls verschwanden die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, als die Psychologen die Frauen zuvor eingehend darüber aufklärten, dass ihnen vielleicht nur ihr Selbstverständnis als Frau bei den Matheaufgaben im Weg stünde.

Das Beispiel Mathematik zeigt noch einmal die große Schwierigkeit der Wissenschaft, mit einfachen Antworten in die Debatte der Geschlechterdifferenz einzugreifen. Eine rein statistische Betrachtung ignoriert die Varianz innerhalb eines Geschlechtes. Wer den Einfluss der Gesellschaft betrachtet, unterschlägt die Ergebnisse der Endokrinologie. Und wer sich nur für das Wirken der Hormone interessiert, erklärt noch lange nicht, warum ausgerechnet Jungen bei Matheaufgaben mit Testosteron überschwemmt werden. Die Geschlechterdifferenz schert sich offenbar nicht um die Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen.

Bei der mühevollen Suche nach eindeutigen kognitiven Unterschieden findet man auch ein paar Fähigkeiten, bei denen Männer besser sind als Frauen: wenn es darum geht, dreidimensionale Objekte im Geist um verschiedene Achsen im Raum zu drehen oder zielgenau zu werfen. Frauen können dagegen in kurzer Zeit mehr Wörter mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben sagen. Doch ist diese Differenz bedeutsam? Vielleicht wenigstens in dem unerwarteten Sinn, den Lutz Jäncke anbietet: "Es ist wesentlich für die Fortpflanzung und damit für unser Überleben, dass wir das andere Geschlecht als sehr unterschiedlich wahrnehmen."

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Die Lümmel aus der letzten Reihe. Ein Gespräch mit einem Jungenpädagogen
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