Wahlscheid, ein freundlicher Ort bei Bonn. Ruhige Wohnstraße, Einfamilienhaus, Vater, Mutter, drei Kinder. Der Große, Leon, wird 14, ist unbedingt vorzeigbar: Der Junge ist sensibel, empathisch, kann Gefühle zeigen. Die Zwillinge Keno und Emilie sind dreieinhalb und putzmunter, aber etwas an ihnen stürzt ihre Eltern in Verwirrung. "Wir haben sie jedenfalls nicht bewusst nach dem Geschlecht unterschieden, sie waren für uns einfach zwei Kinder", sagt Susanne Göllner fast entschuldigend. Wie sich die beiden Kleinen jedoch entwickeln, das nimmt sie oft nur noch "mit Verblüffung, teilweise aber auch mit hilflosem Erstaunen wahr".

Keno begrüßt den Gast mit "tatütata" und Feuerwehrauto in der Hand. Emilie spielt gerade mit einer Elfenkutsche, die von einem Einhorn gezogen wird. Dann setzt sie sich mit einer Bürste auf Mamas Schoß, lässt sich frisieren und rennt zum Spiegel. Er sitzt bei Papa, haut mit einem blauen Becher auf den Tisch und schnappt sich dann ein Buch über die Berufsfeuerwehr. Sie holt sich auch ein Buch, Titel: Prinzessin will ich sein ("Das Fühlbuch für kleine und große Prinzessinnen").

Während Emilie Saft in ihren Becher bekommt (der rosa ist, "die Farben haben sie sich selbst ausgesucht", betont die Mutter), erzählen die Eltern: Er trägt am liebsten blaue und grüne Sachen, sie Rosa und Gelb. Außerdem liebt Emilie Kleider. Von der Mutter hat sie das nicht, die mag Hosen. Beide Kinder haben einen Teddy; sie zum Schmusen, er nutzt ihn als Keule. Bei Keno wird ohnehin einfach alles zur Waffe; sobald er laufen konnte, berichtet Vater Andreas Waschk, habe Keno sein Spielzeug geschultert und "Räume erobert". Emilie dagegen sammelte und hortete. Zwar spielt das Mädchen auch mal mit Baggern, doch wenn, dann so: Der Bagger kriegt einen Namen und Mama und Papa, bekommt Essen, muss getröstet und zum Schlafen hingelegt werden. Und als die Familie neulich Schutzhelme fürs Fahrrad aussuchte, entschied sich Emilie selbstverständlich für das rosa Exemplar mit Kätzchen drauf. Keno nahm schwarz getigert.

Im Kindergarten herrscht emanzipatorische Steinzeit

Szenen aus den fünfziger Jahren? Mitnichten, und die Eltern sind auch nicht von der Zivilisation vergessene Hinterwäldler des östlichen Rheinlandes. Im Gegenteil: Susanne Göllner ist Kulturmanagerin von Beruf, hatte ihre "Adoleszenz in den achtziger Jahren" und hat "Alice Schwarzer wenigstens noch zugehört". Aus konventioneller, aber fördernder Kinderstube, Motto "Kind, lern was Ordentliches, aber im Rock siehst du hübscher aus". In der Schulklasse waren Jungen, die strickten. Ihr Mann Andreas Waschk ist ein lieber Riese, Gefühlsmensch, gelernter Politikwissenschaftler, jetzt Projektentwickler unter anderem für Kultur und Ausstellungen. Von den bewegten Frauen hat er gelernt, was an Männern schlecht ist.

In diesem Einfamilienhaus herrscht das typische Milieu der Reflektierten und ökonomisch Bessergestellten, der Political Correctness und des postfeministischen Diskurses. Wenn es hier einen Konsens gibt, dann darüber, dass der aggressive Macho out ist und das dekorative Dummchen von gestern. Und dass Geschlechterstereotype verhindern, dass der Mann Gefühle zeigt und die Frau emporkommt. Und weil es die Kinder einmal besser haben sollen, erziehen wir sie geschlechtsneutral. Zu Menschen. Bei Leon hat das offenbar gut funktioniert.

Doch dann kamen die Zwillinge. Ein Junge, ein Mädchen. Geradezu eine Laborsituation für die perfekte geschlechtsneutrale Erziehung. Denn beide Kinder haben vom Start weg Autos und Puppen und Bagger und Teddys zur freien Verfügung. Haarbürsten und Spiegel und Feuerwehrautos. Blaue und rosa Pullover. Die ganze Bandbreite der herkömmlichen Jungen- und Mädchenwelten. Sie konnten sich, sagt Susanne Göllner, frei bedienen. Und was wählten sie aus? Nur Spielzeug, Klamotten und Verhaltensweisen, die die ältesten, lange überwunden geglaubten Klischees bedienen.

Das entspricht einer verbreiteten Erfahrung gerade von Eltern, die sich um ein vorbildlich alternatives Geschlechtsrollenmodell bemühen. Schon ein kurzer Besuch in einem beliebigen innerstädtischen Kindergarten fördert ähnlich Erstaunliches zutage. Während eine Frau ganz selbstverständlich Bundeskanzlerin ist und der "Neue Mann" in Ehren ergraut, herrscht beim Nachwuchs emanzipatorische Steinzeit: Kleine Mädchen, auf deren Geburtstagstisch ein Werkzeugkasten stand, tragen goldene Schühchen und rosa Glitzerkleider und wiegen Puppen, die Bäuerchen machen. Und aus jedem Aststück machen kleine Jungen ein Gewehr und ziehen in die Welt, um Monster zu killen. "Wenn wir groß sind, heirate ich dich. Ich verdiene Geld, und du kochst." So kräht ein Vierjähriger, dessen Eltern erstens unverheiratet und zweitens beide berufstätig sind. Und drittens: Wenn einer kocht, dann der Vater. Woher hat der Junge das?

Offenbar reichen das gute Vorbild und der bewusste Verzicht auf stereotype Manipulation nicht aus – im Gegenteil, die Kleinen scheinen den Eltern demonstrieren zu wollen: Schaut her, so geht das! Doch wieso schlagen so zuverlässig die herkömmlichen Rollenmuster wieder durch? Auch selbstbewusste Frauen und selbstkritische Männer ertappen sich angesichts solcher Rückfälle ins Rollenspiel der Fünfziger bei Mutmaßungen über die biologische Verankerung von Macho- und Prinzessinnenrolle. Sind die Geschlechtsrollenklischees also doch angeboren? Waren sie einst ein evolutionärer Vorteil?

Schon in den siebziger Jahren war eine "naturgewollte" Geschlechterdifferenz für viele eine unerträgliche Vorstellung. Zum Programm der überall entstehenden Kinderläden gehörte oft wie selbstverständlich die geschlechtsneutrale Erziehung. Das Bemühen war vergeblich: In der Frage der Geschlechterdifferenz erwiesen sich die Söhne und Töchter der Antiautoritären als erziehungsresistent. Jungenaggressivität, eines der auffälligsten Stereotype, trat im Kinderladen sogar stärker hervor als im traditionellen Kindergarten. Umerziehung durch Nichterziehung führte keineswegs zum respektvollen Nebeneinander der Geschlechter, sondern eher zum verzweifelt-übertriebenen Auftrumpfen der Jungen.

Anfang der achtziger Jahre hat die Feministin Marianne Grabrucker dann sehr bewusst und mit dem Protokollblock in der Hand den Versuch unternommen, ihre kleine Tochter wirklich frei und geschlechtsneutral zu erziehen. Das Kind sollte auf gar keinen Fall "auf die Mädchenrolle zugerichtet" werden, stattdessen "die Neue Frau schlechthin" werden. Marianne Grabruckers Tagebuch (Typisch Mädchen… Prägung in den ersten drei Lebensjahren) ist als erschütterndes Dokument des Scheiterns zu lesen. Bei aller Mühe und Selbstkontrolle, heraus kam am Ende das Schlimmste: "mädchenhaftes Verhalten".