Pakistan Die Angst des Generals
Ohne Pakistan gibt es keinen Frieden in Afghanistan. Doch Staatschef Pervez Musharraf kämpft an allen Fronten. Die Islamisten hassen ihn, die Amerikaner drängen ihn, die Säkularen misstrauen ihm. Was geschieht, wenn er fällt?
Wann immer Amerikaner General Pervez Musharraf treffen, freut sich Mullah Abdul Raschid Ghazi. Jeder Besuch aus Washington ist ihm Beweis, dass Pakistans General nichts weiter sei als der Befehlsempfänger des amerikanischen Imperiums. »Er ist ein Sklave!«, sagt Ghazi und schaut sein Gegenüber mit so starren Augen an, dass er schnell zustimmen möchte, nur um diesen Blick nicht länger ertragen zu müssen. »Ein Sklave!«, wiederholt Ghazi und lacht ein bisschen.
In den vergangenen Monaten hatte Ghazi reichlich Gelegenheit, den General zu verhöhnen. Amerikanische Minister, Politiker, Bürokraten, Offiziere und Sicherheitsexperten gaben sich einander in Islamabad die Klinke in die Hand. Sie alle sind von der Sorge getrieben, dass Pakistan, der Schlüsselstaat im Kampf gegen den Terror, »wegbrechen« könnte. US-Vizepräsident Dick Cheney überbrachte im Februar dieses Jahres die deutlichste Botschaft. Entweder werde der General im Kampf gegen die Taliban härter auftreten, soll Cheney zu Musharraf gesagt haben, oder die USA würden ihre finanzielle und militärische Hilfe kürzen. Das kam einem Befehl ziemlich nahe.
Für Abdul Raschid Ghazi war der Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten eine besondere Genugtuung. Dass Cheney so hart mit dem General ins Gericht ging, ist auch auf Ghazi zurückzuführen. Der nämlich gilt als führender Talib, auch wenn er diesen Begriff ablehnt, weil »Afghanistan ein anderes Land mit anderen Traditionen ist«. Ghazis Ideen und Methoden aber gleichen denen der Taliban: »Wir wollen ein islamisches System. Wir wollen die Scharia. Wenn die Regierung sie nicht durchsetzt, dann wird es das Volk tun.«
Mitten in Islamabad gibt es einen Brückenkopf der Taliban
Ghazi hat sein ganz eigenes Volk, die Schüler und Schülerinnen seiner Medressen Dschamia Fareedia und Dschamia Hafza. Die Madrassen liegen im Herzen der Hauptstadt Islamabad, gleich neben der Roten Moschee, die eine Hochburg der Radikalen ist. Sie haben zusammen rund 8000 Schüler, mehr als die Hälfte davon Frauen. Ghazis Schülerinnen waren es auch, die nahezu eine Staatskrise auslösten, als sie Ende März eine kleine staatliche Bibliothek besetzten. Tiefschwarz verschleiert und mit langen Stöcken bewaffnet, stürmten die Frauen die Bibliothek und halten sie bis zum heutigen Tag besetzt. Gleichzeitig nahmen sie eine Frau fest, die angeblich ein Bordell betrieb. Seither treiben die Schülerinnen der Dschamia Hafza ihre Kampagne gegen die »Amoralität« voran, wie sich die 16-jährige Zanib Bibi ausdrückt. »Wir lernen in der Medresse, was Sünde ist und was nicht. Viele Menschen haben das vergessen!« Vergangene Woche erst brachen die Medresse-Schülerinnen in einem Massagesalon ein. Sie setzten 25 Chinesinnen fest, die sie allerdings nach Intervention des chinesischen Botschafters bei der pakistanischen Regierung wieder freiließen. Pakistan hat zu China traditionell sehr enge Beziehungen. »Wir mussten uns wehren«, begründet Ghazi die Aktionen, »denn die Regierung hat eine Reihe von Moscheen abreißen lassen!« Tatsächlich haben die Behörden in Islamabad kleine illegal gebaute Moscheen einebnen lassen, um neue Straßen zu bauen.
Besonders sensibel war das nicht, doch im Grunde handelte es sich um eine kommunalpolitische Angelegenheit – im Handumdrehen aber wurde sie zu einer nationalen Krise, deren Kern aus einer schauerlichen Sensation besteht: Abdul Raschid Gahzi und sein Bruder Muhammad Abdul Aziz, der Prediger der Roten Moschee in Islamabad, haben mitten in der pakistanischen Hauptstadt, unter der Nase Musharrafs, einen Brückenkopf der Taliban errichtet. Sie betreiben mit ihren Besetzungen klassische Propaganda der Tat: »Seht her, wie schwach der General ist!« Und der General reagiert nicht, weil er sich etwa vor den Konsequenzen einer Erstürmung der Medressen fürchtet. Dazu muss man wissen, dass die Ghazi-Brüder nicht zum religiösen Establishment Pakistans gehören. Es sind extremistische Außenseiter,und sie führen den mächtigen General seit Wochen vor. Wie konnte es so weit kommen?
Nach dem 11. September 2001 hatte Präsident Musharraf die Seiten gewechselt und die Taliban fallen gelassen. Über Nacht wurde er für die USA zu dem wichtigsten Partner im Kampf gegen den Terror. Seither hat Pakistan zehn Milliarden Dollar an Direkthilfe einstreichen können, dazu gab es noch Umschuldungen zu günstigen Konditionen, Musharraf selbst kam so in den Genuss politischer Rückendeckung in allen Lebenslagen sowie der persönlichen Zuneigung des US-Präsidenten (»my buddy«). Doch was Musharraf auch immer gegen die Taliban unternahm, es war den USA nie genug. Zu diesem Zeitpunkt, als Cheney den Verbündeten seinen Drohbesuch abstattete, hatten bereits mehr als 800 pakistanische Soldaten im Kampf gegen die Taliban und al-Qaida ihr Leben verloren. Darauf pflegte sich die pakistanische Regierung zu berufen: Wer so viele Soldaten opfert, dem könne man nicht vorwerfen, dass er nichts gegen den Terror unternehme! Die Kritik an Musharraf riss jedoch nicht ab. Selbst die Tatsache, dass die pakistanischen Behörden eine ganze Reihe von führenden Al-Qaida-Männern verhaftet haben, darunter den Chefplaner der Attentate vom 11. September, Scheik Mohammed, half nichts. Die USA, und nicht nur sie, blieben unzufrieden. Der Grund dafür ist in Afghanistan zu sehen. Die Taliban sind seit zwei Jahren militärisch wiedererstarkt. Das – so der Vorwurf aus dem Westen – sei nur möglich gewesen, weil sie mit der stillschweigenden Duldung der Regierung Pakistan als Rückzugsgebiet nutzen könnten.
- Datum 01.07.2007 - 09:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.06.2007 Nr. 27
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Deutlicher kann eine Analyse zum wahrhaften Herz der Finsternis nicht ausfallen. Warum versuchen wir im Westen
es nicht einmal mit einem Wechsel zur dauerhaften und ehrlichen politischen Strategie, anstatt immer nur alle paar Jahre die Pferde zu wechseln? - Opportunität macht unglaubwürdig und erfolglos. Ihre Mahnung, was kommt nach Musharraf ist berechtigt. Dazu schreiben Sie unaufgeregt und in klarem Stil, das packt trotzdem.
Das Krieg genannte Gemetzel in Afghanistan ist fuer den Kreuzzuegler und seine Helfer verloren.
Ob Herr Musharraf seine Position behaupten kann oder nicht spielt dabei keine Rolle.
Was Afghanistan angeht machen wir uns selbst eher durch unsere eigenen Fehler als durch die unserer Gegner Probleme. Ich halte die Konzentration der Politik auf Pakistan nicht für zwingend richtig, jedenfalls, was die Auswirkungen auf Afghanistan betreffen. Wenn ich höre, was der Oberkommandierende der ISAF, General Kasdorf von sich gibt ( vor einigen Tagen in tagesschau.de : " Im Vergleich zum Kosovo müssten 800.000 Mann in Afghanistan sein " ), völlig politisch unsensibel, oder was Herr Struck von sich gibt, da kann ich mir schon vorstellen, wer in einigen Jahren aus Afghanistan rausschleicht. Die Parallelen zum Irak sind überdeutlich, auch dort anfangs relativ vereinzelte Anschläge mit hohen zivlien Opfern ( wobei in Afghanistan die zivilen Opfer ja hauptsächlich von den US - bzw. britischen Truppen kommen ), dann Einstieg der Al - Quaida und jetzt Bürgerkrieg. Wer das nicht sieht, ist tödlich ignorant.
Ob Pakistan oder Afghanistan, man muss endlich anfangen bzw. die Bemühungen verstärken und die bösen Jungs und Mädels aus dem Spiel nehmen.
Zeit für die Geheimdienste und die Doppel-Null-Agent ihren Job in Pakistan zu machen.
Pakistan ist schon wichtig, auch in Bezug darauf, dass wenn sich dort der Islam als Befreiungsideologie durchsetzt das eine große Strahlkraft nach aussen hat. Zudem wäre Pakistan augrund seiner industriellen Kapazitäten eine Verstärkung der wirtschaftlich industriellen Möglichkeiten der Rechtgläubigen und zudem ist Pakistan eine Atommacht.
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