Wir können keinen Schritt tun, ohne zu wissen, warum. Wenn wir den Grund vergessen haben, bleiben wir stehen. Erst wenn wir wieder wissen, was wir wollten, gehen wir weiter. Wir müssen, um handeln zu können, verstehen, was wir wollen und tun.

Das gilt nicht nur für kurzfristige Handlungen wie die Fahrt zur Arbeit oder den Gang ins Kino. Es gilt auch für längere Folgen von Handlungen, die einen ganzen Lebensabschnitt prägen: ein Studium, die Gründung einer Familie, den Aufbau einer Firma, die jahrelange Arbeit an einem Buch. Auch hier können wir nur so lange weitermachen, wie wir verstehen, was darin für ein Wille zum Ausdruck kommt und wie er zu uns und unserem Leben passt. Wenn uns dieses Verständnis verloren geht, kommen die Dinge zum Stillstand. Längerfristig handeln können wir nur, wenn wir eine Ahnung von der Richtung unseres Lebens haben, eine Vorstellung davon, wer wir sind.

Wenn das gewohnte Selbstverständnis nicht mehr trägt, kann das Bedürfnis entstehen, einen Schritt hinter das Bisherige zurückzutreten und sich grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie bin ich eigentlich hierher gelangt? Warum passen meine gegenwärtigen Gedanken, Gefühle und Wünsche nicht mehr zu der Art, wie ich mein Leben bisher gelebt habe? Wie sind sie überhaupt beschaffen, diese Gedanken, Gefühle und Wünsche? Haben sie sich verändert, oder habe ich mich schon immer darüber getäuscht?

Nun geht es darum, die Wahrhaftigkeit und Plausibilität des bisherigen Selbstbilds zu überprüfen, das durch Konventionen, zufällige Begegnungen und eine zufällige Bildungsgeschichte geprägt wurde. Und es geht darum, denjenigen Triebkräften in mir nachzugehen, die durch das bisherige Selbstverständnis verstellt und verdunkelt wurden.

Wie kann das geschehen? Wohin können wir blicken? Nach innen, möchte man meinen. Doch es nützt nichts, die Augen zu schließen und sich zu konzentrieren. Es gibt kein inneres, geistiges Auge, das mit seinem unsinnlichen Blick die Konturen der Innenwelt erkunden könnte. Denn die Welt unserer Gedanken, Gefühle und Wünsche ist kein abgekapselter, selbstgenügsamer Bereich, der sich ohne Blick nach außen verstehen ließe. Wenn wir wissen wollen, was wir über eine Sache denken – ein Gesetz etwa oder einen Krieg –, so müssen wir nicht nach innen blicken, sondern nach außen auf diese Sache. Wenn wir wissen möchten, was genau das Gefühl ist, das wir einer Person oder einem Ereignis entgegenbringen, so geht es darum, die Empfindung aus der Situation und ihrer Geschichte heraus zu verstehen. Nur so finden wir heraus, ob es sich um Wut oder Verachtung, um Liebe oder Bewunderung handelt. Und wenn wir wissen wollen, was unsere bestimmenden Wünsche sind, ist es manchmal nötig, uns selbst wie einem Fremden gegenüberzutreten und uns in unserem Tun wie von außen zu betrachten. Erst dann wird uns vielleicht klar, dass wir am liebsten allein leben möchten, im Verborgenen und nicht, wie wir dachten, im Rampenlicht.

Wenn der Blick auf die Außenwelt nötig ist, um zu erkennen und zu verstehen, wer wir sind, dann sind wir für uns selbst nur in begrenztem Umfang eine Autorität. Jeder verbringt mit sich selbst am meisten Zeit und widmet sich die meiste Aufmerksamkeit. Deshalb weiß er über sich oft besser Bescheid als andere. Und es gibt sprechende Erfahrungen wie Tagträume, von denen nur er weiß. Doch das bedeutet nicht, dass es keine Irrtümer gibt, keine begründeten Zweifel und keine Notwendigkeit, sich in seinem Selbstbild zu korrigieren. Der Blick der Anderen kann die Korrekturinstanz sein. Aus ihm können wir lernen, dass wir vielleicht gar nicht das glauben, fühlen und wollen, was wir dachten. Die Kluft zwischen der Einsicht der Anderen und unserem Selbstbild kann groß sein, weil Selbstbilder anfällig sind für Selbsttäuschungen. Eine Selbsttäuschung ist ein interessegeleiteter Irrtum über uns selbst: Wir möchten einfach gerne einer sein, der so denkt, wünscht und fühlt – und dann porträtieren wir uns auch so. Besonders wichtig ist uns das, wenn es um moralisch bedeutsame Gedanken, Wünsche und Gefühle geht. Hier lügen wir oft nicht nur vor den Anderen, sondern auch vor uns selbst, und wir leisten erbitterten Widerstand, wenn uns ein Anderer zu erraten droht.