Österreich Der SchattenvermesserSeite 2/2
Präzise Arbeit. Aber wozu? Reicht es nicht, die Aufzeichnungen von Polizei, Feuerwehr, Medien, Untersuchungskommission, Presseberichte, Kabinetts- sowie sonstige Sitzungsprotokolle (Parteivorstände, Fraktionen, Bundesregierung) und spätere Gespräche von Historikern mit Zeitzeugen auszuwerten? Das ist schon eine Menge, aber sich damit zufriedenzugeben, hieße für Botz auf eine wichtige Quelle zu verzichten: die Einheit von Inhalt und Zeitpunkt der optischen Dokumente.
Schon seine Dissertation über die Rolle der Gewalt in der österreichischen Politik der Zwischenkriegszeit hat Gerhard Botz damit bestritten, und das ist jetzt etwas mehr als vierzig Jahre her. An der Datierung der Bilder hat Botz immer weiter gearbeitet, während er sich in Linz und dann in Salzburg auch um andere Schwerpunkte der Zeitgeschichte kümmerte. Für die 15.-Juli-Recherche fuhr er am fraglichen Tag in aller Regel nach Wien zum Justizpalast. Schatten fotografieren, Schatten vergleichen. Erleichtert wurde die Arbeit durch die Verfeinerung der Technik. Zuletzt haben Botz und seine Leute ein Digitalfoto für jede zweite Minute in den Computer gefüttert und das historische Modell abgeglichen, bis die Schatten deckungsgleich waren. So entstand fast ein Film des verhängnisvollen Tages.
Der methodischen Arbeit widmete Botz immer sein besonderes Augemerk: Stets haben ihn nicht nur die großen interpretatorischen Zeitbögen interessiert, auch die kleinen soziologischen Details hielt und hält er für wichtig. So hat er, um beim 15. Juli zu bleiben, auch die Herkunftsorte der später vor Gericht gestellten Verhafteten detailliert aufgeschlüsselt, ihre soziale Herkunft, ihre Berufe, natürlich Alter und Geschlecht. Dass es sich bei den aktiven Demonstranten schlicht um »Pöbel aus den Vorstädten« gehandelt habe, wie die offizielle Geschichtsschreibung lange behauptete, lässt sich mit seinen Daten nicht halten, davon ist er überzeugt.
So ist der 15. Juli, dieser »wahrlich historische Tag« (so der Salzburger Geschichtswissenschaftler Ernst Hanisch), zu einem, wenn nicht dem Lebensthema des Gerhard Botz geworden. Mehr an Recherche, Aufarbeitung und Analyse dürfte kaum jemand in dieses »Trauma der Ersten Republik« (Hanisch) investiert haben. Doch will er sich vom wissenschaftlichen Eifer nicht überwältigen lassen. Das Jahr 1934 – der österreichische Bürgerkrieg im Februar (»auch wenn’s nur ein Bürgerkriegerl war«) und der Naziputsch im Juli, der Vorbote des »Anschlusses« – ist aus seiner Sicht das wichtigere Datum.
Über beide Themen geriet Botz denn auch in teilweise bittere Kontroversen: Dass er vehement der nationalkonservativen These widersprach, Engelbert Dollfuß sei aufgrund seiner Ermordung durch einen österreichischen Nazi ein Märtyrer des österreichischen »Widerstands gegen den Nationalsozialismus« geworden und damit gleichsam »das erste Opfer«, hat ihm die christdemokratische Rechte sehr übel genommen, darunter führende ÖVP-Politiker. Österreichischen Kulturinstitutionen im Ausland wurde nahegelegt, den Nestbeschmutzer ob seiner Ansichten nicht mehr einzuladen. Verübelt hat man ihm auch, dass er der Opferthese insgesamt entgegentrat und den »Anschluss« nicht einfach als Vergewaltigung der unschuldigen, patriotischen Republik akzeptierte.
Inzwischen konzentriert sich Gerhard Botz aber auf andere Sachfragen. Er vergleicht die europäischen Bürgerkriege im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach: Österreich (1934), Spanien (1936–39), Griechenland (1946–49). Drei sehr unterschiedliche Szenarien, mit vielen Vergleichbarkeiten. Europäische Zeitgeschichte, bei der es um Vergessenes und Verdrängtes geht, das von übernationalem Interesse sein könnte. In den eigenen Ländern wird daran nur zum Teil gearbeitet, wie die alten Empfindlichkeiten in Österreich, die neuen Konfrontationen in Spanien und die beharrliche Verdrängungsarbeit in Griechenland zeigen. Eben erst hat Botz dazu in Wien ein Symposium veranstaltet, ein erster Schritt, wie er sagt.
Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben »
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- Datum 28.06.2007 - 14:16 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.06.2007 Nr. 27
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"1927 - Als die Republik brannte" so lautet übrigens ein ausgezeichnetes Buch zum Thema 1927, als Historiker würde ich sagen es ist DAS Standardwerk zum Schicksalsjahr. erst vor ein, zwei Jahren erschienen, neben den Beiträgen von Gerhard Botz sind besonders Norbert Lesers politische Analysen und die Kapitel zum Verbalradikalismus von Paul Sailer-Wlasits hervorzuheben, auch interessant die detaillierte Geschichte des Gerichtsverfahrens.
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