Peter Sloterdijk, der in diesen Tagen seinen sechzigsten Geburtstag feiert, tritt stärker als alle anderen zeitgenössischen Philosophen als Medium auf – im Sinne einer vitalen und äußerst beweglichen Verkörperung und In-Szene-Setzung seiner Gedanken, Assoziationen und Sprachschöpfungen. Seine Bücher sind Bekenntnisse zum sich verschwendenden geistigen Reichtum. Wer anfange, so sein Credo, sich arm zu denken, sei verloren: Man denkt sich nur arm, um die Weltoffenheit wegzuschaffen. Hier geht es nicht um Philosophie (als System), sondern um ein Philosophieren, das in Resonanzen mit anderen Denkformen, mit der Literatur, den Künsten und der Architektur eintritt.

Sloterdijks Sammlung von Schriften zur Kunst, Musik und Architektur, zur Stadttheorie, Museologie und Zeichentheorie trägt einen apodiktisch anmutenden Titel, Der ästhetische Imperativ, der im Gegensatz zur essayistischen, erzählerischen und offenen Form der Texte zu stehen scheint. Versteht man den Titel indes als Aufforderung, jeden Imperativ und auch die Analogisierung von Ethik und Ästhetik infrage zu stellen, verändert er seinen Charakter und eröffnet eine Freiheit gegenüber den kleinmachenden und nützlichkeitsbezogenen Handlungen.

Der ästhetische Imperativ, vorgetragen im Stil eines kategorischen Imperativs, ist tödlich für die Kunst. Der Befehl "Genieße!" gleicht auf der formalen Ebene der Vollstreckung eines Todesurteils. Begehren und ästhetisches Genießen bedürfen keiner universalen Ästhetik. Aus der ästhetischen Erfahrung konnte nur mit Gewalt die rationale Aufforderung "Genieße!", analog zum kategorischen Imperativ, gemacht werden.

Die Kunst beinhaltet ein unausschöpfliches Potenzial an Glücksvermögen, Weltaufgängen und jubilatorischen Mächten – inmitten des Schreckens, des Abgründigen und der Zerfallserscheinungen. Es ist die Frage, ob die bevorzugten Orte der Kunst auch weiterhin das Museum und die Galerie sein werden oder ob sie nicht inmitten des Lebens ihre Zukunft haben.

Viele der Motive, die Sloterdijks Werk bestimmen und leitmotivisch durchziehen, werden hier eingeführt, ausprobiert oder variiert. Zum Beispiel die bei ihm alles dominierende Raumphilosophie – war doch sein vordringliches Anliegen, im Sphären- Projekt die noch in Heideggers Sein und Zeit eingeklemmte Theorie zu befreien. Nun antwortet er den Architekten, die philosophische Theorie müsse beim Raum ihren Ausgang nehmen, weil der Mensch selbst ein Effekt des Raums sei. Oder die besonders intensiven, in Anflügen genialischen Überlegungen zur Musik und zum pränatalen Klangraum, die größtenteils mit einem Grundmotiv der Sphärologie korrespondieren. Die Rede vom ästhetischen Imperativ kommt nun hier, in Bezug auf Beethovens Neunte Symphonie, als "kategorischer Imperativ der Zuversicht" doch noch zu ihrem Recht. Und schließlich der zentrale Begriff der "Weltfremdheit": Das philosophische Denken gründe im Staunen, was gleichbedeutend sei mit der Geburt der Subjektivität aus der Weltfremdheit. Die Welt habe etwas Museales angenommen; sie blicke uns, als bekannte, fremd an.

Erst ein grundsätzliches und tief erfahrenes Befremden über die Welt, wie und dass sie ist, lässt Subjektivität und Philosophie als Selbst- und Zwiegespräch entstehen. Weltfremdheit, Befremdungsgefühl und Staunen liegen – so kann Peter Sloterdijk in dem Aufsatz Museum – Schule des Befremdens zeigen – sehr nah beieinander. Das Museum ist ein Ort, wo das ganze Spektrum der Ambivalenzen, Neigungen und Tendenzen sichtbar wird.

Peter Sloterdijk ist der hörende Philosoph unter den als Augenmenschen operierenden Denkern. Der Mensch, der sich über das Sehen definiert, steht gleichsam "am Rand" der Welt: Er schafft sich eine Distanzwelt. Dagegen kann kein Hörender glauben, "am Rand" des Hörbaren zu stehen. Die sich am Hören ausrichtende Philosophie, wie sie Sloterdijk vertritt, ist eine Theorie der Innigkeit.

Sloterdijk erweist sich in diesen Texten und Gesprächen (monologischen und dialogischen Einlassungen) als eine Art assoziativer Enzyklopädist; ein gedankengymnastischer Jongleur durch die Jahrhunderte der akustischen und visuellen Zeichenwelten. Man scheint nur eine Taste in ihm berühren zu müssen, und schon spielt das Klavier auf wundersame Weise selbsttätig das ganze Stück, intoniert es neu auf seine Weise. Diese Texte erscheinen – selbst da, wo sie auf Situationen und Momentaufnahmen zugeschnitten sind und mehr den Charakter von szenischen Auftritten und Eingriffen in laufende Diskussionen haben – überraschend zeitlos. Weil sie nicht dem Anlass, sondern dem Bedenken des Denkwürdigen und der Einübung in Weltoffenheit verpflichtet sind.