Spielen Lebensgeschichte
Die Lust am Lachen galt schon für das Kind als besonderes Merkmal. Außer Übermut und Fröhlichkeit wurde dem Lehrersohn „Gutartigkeit“ nachgesagt, durch besondere Begabungen oder Vorlieben fiel er nicht auf. Die Schule brach er mit 17 Jahren ab; wie er sich die Zukunft vorstellte, war den Eltern allerdings zu wenig bodenständig. Beim Bewerbungsgespräch um eine Lehrstelle gefragt: „Sie wollen Buchhändler werden?“, antwortete er prompt: „Nein, ich muss.“
Nebenher nahm er heimlich Schauspielunterricht und lernte steppen. Ansonsten trieb er sich mit Freunden herum und versuchte mit allen Mitteln aufzufallen: Er schnitt die Krempe seines Hutes ab, trug rote Pompons statt Schlips, alles um zu überspielen, was er in einem Moment nüchterner Selbsterkenntnis so formulierte: „Von dem Fuß bis an die Haare – Durchschnittsware.“ Die pubertäre Exzentrik, in der sich sein Freiheitsdrang Bahn suchte, fiel jedoch in eine Zeit, die dafür keinerlei Sinn hatte. Mit 19 verbrachte er zum ersten Mal eine Nacht in Haft. Das hielt ihn nicht ab, weiter den Kasper zu spielen, am liebsten parodierte er andere, imitierte nicht nur Stimmen, sondern legte auch mit Röntgenblick ihre Schwächen bloß. Nach einem Jahr verließ er die Lehre und wurde Schauspieler bei einer kleinen Bühne. Über sein Debüt hieß es wohlwollend: „Seine sympathische elegante Erscheinung wird ihn besonders in Gesellschaftsstücken dankbare Verwendung finden lassen.“
Dazu kam es jedoch nicht mehr. Die „glücklichste Zeit“ seines Lebens währte nur drei Monate. Dann kam der Einberufungsbefehl. Die Welt blieb auch weiterhin eine Bühne – nun wurden auf ihr Albträume gegeben. Er bemühte sich, gegen das Grauen anzulachen: „Ich versuche immer, alles durch Lachen zu besiegen, wenn ich auch oft viel eher weinen möchte, und wenn man down ist, muss man sich zum Lachen zwingen.“ Angeklagt, sich eine Schusswunde selbst beigebracht zu haben, um sich zu drücken, kam er drei Monate in Einzelhaft. Trotz Freispruch blieb er dort, bis er sich an der Front „bewähren“ durfte. Als er dienstuntauglich entlassen werden sollte, ging bei seiner Abschiedsfeier die Lust am Parodieren mit ihm durch. Die Kriegsherren verstanden keinen Spaß, er wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, nach Monaten jedoch wieder an die Front geschickt. Schwerkrank floh er aus Kriegsgefangenschaft. Um nach Hause zu kommen, tarnte er sich als Verrückter, der, die Hosen aufgekrempelt, mit einem aufgespannten Schirm tanzte.
Dort stand er bald wieder auf der Bühne, auch wenn er auf allen vieren auf sie kriechen musste. Er gab den lockeren Liederjan, auch im Leben. Nur machte sein Körper nicht mehr mit. Von Fieber und Schmerzen ins Bett gezwungen, floss seine ganze Lebensenergie mit grellem Wortwitz nun ins Schreiben. „Viele tausend Gedichte (bitte nicht lachen)“ hatte er schon verfasst, aus dem Impuls entstandene „Arbeit, die keine Arbeit ist – höchstens ein kurzer Rausch“. In einem solchen Rausch schrieb er auch das „Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“. Doch rissen sich sofort sechs Theater darum. Am Tag vor der Uraufführung in seiner Heimat starb er in einem Spital in der Fremde.
Wer war’s?
Wolfgang Müller
Lösung aus Nr. 26:
Jochen Rindt (1942-1970) war schon zu Lebzeiten eine Legende. In Mainz geboren, war er in der Steiermark bei den Großeltern aufgewachsen, nachdem er seine Eltern im Babyalter bei einem Bombenangriff verloren hatte. Er selbst überlebte 1967 und 1969 zwei Crashs, doch am 5. September 1970 verunglückte er tödlich in einem Lotus- Rennwagen beim Training im Autodrom von Monza. Der Unfall passierte an exakt der Stelle, wo neun Jahre zuvor Wolfgang Graf Berghe von Trips in die Zuschauer gerast war und 14 Menschen mit in den Tod gerissen hatte. Seine neue Villa oberhalb des Genfer Sees konnte Jochen Rindt nicht mehr beziehen. Aufgrund seines uneinholbaren Punktevorsprungs wurde er posthum zum Weltmeister 1970 gekürt. Seine Witwe Nina nahm den Pokal entgegen
- Datum 27.06.2007 - 14:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.06.2007 Nr. 27
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