Tour de France Mein Epos mit Epo

Allen Doping-Bekenntnissen zum Trotz: Warum ich mir die Tour de France wieder anschauen werde.

Ja, ich weiß, der Radsport ist am Ende, lauter Kriminelle, die Eigenblut und Fremdurin zum Dopen und Betrügen in der gut getarnten Kühltasche immer dabeihaben. Und die Art und Weise, wie trotz umfassender Geständnisse und erdrückender Indizien viele der Verstrickten ihre Unschuld beteuern, beleidigt auch meine Intelligenz. Und doch: Wenn an diesem Samstag die Tour de France beginnt, werde ich wieder vor dem Fernseher sitzen und das alles bestaunen. Die austrainierten Körper, den wirbelnden Rhythmus der Beine, die unvorstellbare Geschwindigkeit, die Menschen allein mit ihrer Muskelkraft erreichen können. Mag sein, ich bin unbelehrbar, weil mich die härteste Sportveranstaltung der Welt immer noch fasziniert. Aber lieber verblendet als scheinheilig wie die vielen, die sich dieser Tage angewidert vom Profiradsport abwenden.

Sie tun so, als wüssten sie nicht, dass der Radsport von seinen Anfängen im späten 19. Jahrhundert an ein Extremsport ist, bei dem Amateure keine Chance haben. Er ist eine Ausgeburt der jungen Industriegesellschaft, Konkurrenz und Leistung sind seine bestimmenden Prinzipien. Schon die ersten Fahrer waren Profis im Sold der Fahrradindustrie, bereit, für einen Sieg alles zu tun. Bei der zweiten Tour 1904 stand der Sieger erst vier Monate später fest, weil erst dann alle Betrügereien aufgedeckt waren. Und auch Doping gehörte von Anfang an zum Spektakel. Pervitin, Kokain, Nitroglyzerin, Strychnin, Chloroform, Amphetamine hießen die Wundermittel jener Frühzeit, aus denen heute Epo, Testosteron und Kortison geworden sind.

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Schon 1896 blieb der erste Radprofi auf der Strecke: Der Engländer Arthur Linton starb wohl an den Spätfolgen eines Gebräus, das ihm sein Pfleger verabreicht hatte. Deshalb ist ein Träumer, wer von den Artisten in diesem Zirkus absolute Sauberkeit erwartet: Es hieße, eine neue Sportart zu verlangen. Das Wort der Radsportlegende Rudi Altig ist viel wahrer, als es ihm selbst je bewusst gewesen sein dürfte: »Wir sind keine Sportler, wir sind Profis.«

Und macht nicht gerade dieser Extremismus die Faszination der Tour aus? »Wie in der Odyssee ist das Rennen zugleich eine Rundreise mit Prüfungen und eine vollständige Erforschung der irdischen Grenzen«, schreibt der französische Soziologe Roland Barthes. Jede Etappe ist wie eine Metapher der menschlichen Existenz, all unserer Fluchtversuche, unserer Selbstüberschätzungen und Demütigungen, unseres Willens zum Unmöglichen. Doch während es im Alltag üblich ist, die eigenen Ziele mit Hilfe einer gut sortierten Apotheke zu erreichen, wird von den Mitgliedern des Pelotons erwartet, dass sie ganz Natur sind, archaische, unentfremdete Helden, die stellvertretend für uns Stubenhocker die Grenzen des reinen Körpers ausloten.

Natürlich wäre es schöner, der Profiradsport verzichtete auf schmierige Blutbeutel und Einwegspritzen. Aber diesem Idealbild wollten und konnten die Fahrer nie entsprechen; sie fühlen sich, wie in dem Geständnis des deutschen Profis Jörg Jaksche im Spiegel wieder deutlich wurde, nicht dem Publikum verpflichtet, sondern zuerst – wie die meisten anderen Angestellten auch – ihrem Arbeitgeber.

Und gerade mit ihrem Romantizismus halten Medien und Zuschauer das System am Leben. Die Tour de France ist die Erfindung einer Zeitung, noch heute gehört das Rennen einem Medienkonzern, alle Tour-Direktoren bislang waren Journalisten. Die Tour ist als Mythenmaschine konzipiert, zur Steigerung der Auflage wurden immer neue, immer unmenschlichere Belastungen erfunden. Erst die epische Erzählung von den Strapazen macht aus dem vorbeihuschenden Feld ein Faszinosum.

Leser-Kommentare
    • Fiesko
    • 06.07.2007 um 17:37 Uhr

    Folgt man Herrn Siemes' Argumentation spräche nichts dagegen, das Doping vollständig zu legalisieren. Und warum auch nicht? Soll sich doch jeder der mag Körper und Geist für Ruhm und Mammon kaputtmachen. Sind ja alles erwachsene Leute. Zugegeben, ich habe leicht reden, ich habe mich für den Radsport noch nie interessiert, die Jungs sind mir einfach viel zu verbiestert.

  1. Es mag ja alles so sein, wie Sie es beschreiben. Aber was ist mit all jenen, die ihren Körper damit zerstören und welches Vorbild sie wohl abgeben? Scheinheiligkeit, ja das ist es, genau wie bei Alkohol...andere Drogen werden verteufelt. Aber Geld wollen viele damit verdienen. Profisport, nein danke!

    • acmann
    • 06.07.2007 um 18:01 Uhr

    ...sollten nicht pauschal der Scheinheiligkeit bezichtigt werden. Dies kann nur für die Experten der Szene, die Teams, die Sportler und die Journalisten gelten. Natürlich hatte man als kritischer Zuschauer immer die Frage im Kopf wer denn da dopt und wer nicht. Aber erst in den vergangenen Monaten seit der Sperre Jan Ulrichs ist die Systematik mit der im Radsport gedopt wird bekannt geworden.Zuvor wurden bei ARD und Konsorten gerade die deutschen Radsporthelden als zweifelsfrei sauber dargestellt. Wider besseren Wissens, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Dieses Expertenwissen darf aber nun nicht als allgemein bekannte Tatsache verkauft werden. Denn die, die davon schon vorher wußten, haben es dem Zuschauer und Fan bewußt vorenthalten.
    Nun ist die Inszenierung geplatzt und es ist nicht nur eine moralische Frage, ob man sich noch Radrennen ansieht, weil Doping Betrug, Wettbewerbsverzerrung und vor allem gesundheitsgefährdend ist.
    Schlimmer ist doch: Es macht auch einfach keinen Spaß mehr. Der Mythos ist weg, der Sieger eines Rennens nur noch die beste chemische Zusammensetzung verschiedenster erforschter und unerforschter Wirkstoffe.
    Verloren hat dabei vor allem die künstliche mediale Inszenierung immer neuer Rekorde und Superlative. Die nämlich wollen die Medien mehr als der Zuschauer.
    Dem Zuschauer ist doch egal, ob die Etappe 200 km gedopt oder 140 ungedopt beträgt. Die Bergankunft ist 5 km/h langsamer gefahren immer noch faszinierend und spannend. Der Sportfan liebt den Wettbewerb Mensch gegen Menschen, das Feiern der Sieger, das Betrauern der Verlierer und die große Leistung des Einzelnen. Das alles gibt es auch im ungedopten Sport.

  2. ..Herr Siemes, das musste schon lange einmal gesagt werden.
    Endlich einer, der sagt was Sache ist.

    Auch ich werde ab morgen wieder einschalten.

    • KrizzT
    • 06.07.2007 um 18:22 Uhr

    Viele Leute über einen Kamm zu scheren hat noch nie der Wahrheit genüge getan. Auch ich - als längjähriger Fan der Tour - möchte mich von den Scheinheiligen gerne ausgeschlossen wissen. Denn auch ich werde die Tour wohl nicht mehr weiterverfolgen.
    Allerdings nicht, weil plötzlich alle so gedopt sind. Dieser Schatten hing schon lange über dem Spektakel. Nein. Es ist die sonderbare Konsequenz, die ihm vorausging. Wenn auch dieses Jahr wieder genügend gedopte Fahrer das Rennen bestimmen werden - und gleichzeitig so viele bereits Überführte genau deswegen nicht mehr dabei sind.
    Dieser Logik vermag ich nicht zu folgen. Und wenn wir es dann mit Herrn Siemes' Argumentation halten wollen, dann bleibt eine Frage unbeantwortet:
    warum müssen wir auf Jan Ullrich und Co. verzichten - wenn alle anderen weiterfahren?

    • Maddel
    • 06.07.2007 um 22:30 Uhr

    die alten Verlockungen, die das Zuschauen bei diesem überdimensionierten Athletentreffen geboten hat sind durch das offensichtliche Doping für mich verloren.

    Ja, ich habe es mir angesehen, weil mich die Quälerei fasziniert hat. Aber nein, mir ist dabei nicht unterbewusst klar gewesen, dass die Platzierungen von der Logistik der dopenden Betreuer und der physiologischen Empfänglichkeit der Radler für Doping abhängt und von nichts anderem, denn ich bin sportbegeisterter Laie.
    Damit kann ich den epospritzenden Kletterer nicht nach Augenmaß vom testosterongetriebenen Sprinterkameraden unterscheiden.

    Auf denn: es gibt wohl solche die sich mit den neuen Reizen anfreunden können: Enttarnte Sieger, drogensüchtige Exprofis, herzzerreißende Geständnisse und verschwundene B-Proben.
    Es wird uns ein großes Spektakel aus Hybris und Katharsis geboten, manchmal auch eine Prise Katastrophe, wie bei Marco Pantani. Ein großes Theaterspiel, dass mit Profitstreben und Konkurrenz getrieben wird und mit Sportlichem Wettbewerb noch so viel zu tun hat Facelifting mit Schönheit.

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