WAS MACHE ICH HIER (5) Alles Müll
Direkt an der Bushaltestelle liegen türkisfarbene und schwarze Müllbeutel auf einer Mauer, andere Müllsäcke sind durchsichtig und geben einen Blick frei auf ihr Inneres (Pastakartons, Windeln, Lenor-Flaschen). Ordentlich aufgereiht ruhen sie in der Sonne und beginnen, in Fäulnis überzugehen. Und das auf Ischia, in der Ortschaft Forio an der Ecke zur Via San Giuseppe. Ein dem Thermaltourismus zweifellos abträglicher Anblick. Wussten Sie, dass die Regierung uns den Chef des nationalen Zivilschutzes geschickt hat, damit er sich um den Müll kümmert?, fragt die Fahrerin des Microtaxis, eine junge Dame mit Schwimmerkreuz. Das ist ein Mann, der sich im Kampf gegen den Tsunami in Thailand bewährt hat! Also, wenn der es nicht schafft, mit dem Müll fertig zu werden, dann weiß ich es auch nicht, sagt sie.
Auf dem Armaturenbrett klebt ein Bild vom verstorbenen Vater der Schwimmerin und ein Medaillon von San Gennaro, der in Neapel zweimal im Jahr sein Blut wallen lässt. Fünfunddreißig, sagt sie, leider habe ich keinen Quittungsblock dabei. Und dann sirrt sie davon, in jenem wunderlichen Gefährt, das aussieht wie ein fahrender Obststand mit Sonnendach, ausgeschlagen mit rot-weiß gepunktetem Wachstuch.
Während man sich noch fragt, was der Tsunami mit den neapolitanischen Mülltüten gemeinsam hat, erzählt der Hotelier bereits davon, dass er sich beim Bürgermeister beschwert hat er möge wenigstens, wenn schon nicht den Müll, dann doch den Anblick beseitigen, bis das Problem gelöst sein würde. Irgendwie. Seit zwei Monaten dauere diese Müllkrise an, auf Ischia immerhin nicht so schlimm wie in Neapel, aber dann sei die Flut auch auf die Insel geschwappt. Und selbst auf Capri seien die Mülltonnen übergequollen, was die Capresen zu einer einzigartigen Protestaktion bewogen habe: Sie schlossen ihre Insel für einen Tag.
Das ist, als würde New York einen Tag lang schließen!, sagt der Hotelier. Stellen Sie sich vor: Keine Boote! Keine Kreuzfahrer! Keine Tagestouristen! Nur Müll! Der hier immerhin nicht in Brand gesteckt werde, wie es die Anwohner der neapolitanischen Peripherie zu tun pflegten, was wiederum in der Luft Dioxin und bei den Hotels Absagen freisetze. Signora, was soll ich den Leuten sagen? Dass unser Regionalpräsident herrscht wie ein römischer Kaiser? Dass die Camorra am Müll verdient?
Beim Abendessen auf der Hotelterrasse spricht das deutsche Paar vom Nebentisch über den Müll. Er ist Ostpreuße, sie Norddeutsche, und beide kommen seit dreißig Jahren nach Ischia. Aber mit dem Müll, das werde von Jahr zu Jahr rätselhafter. Komisch, dass sie das nicht in Griff kriegen, sagt die Frau des Ostpreußens, und dann schweigen alle, weil gerade die rote Sonne im Meer bei Capri versinkt.
Später zeigt die Nachrichtensendung von Rai Tre Bilder von den letzten Krisensitzungen. Regionalpräsident, Senatoren und Gemeindeassessoren sprechen über den Müll wie über eine geheimnisvolle Springflut, einen Hagelschauer aus dem Nichts, ein zerstörerisches Gewitter, das aus einem lichtblauen Himmel herabfällt. Der Müllnotstand scheint ein unerklärliches und bedrohliches Naturereignis zu sein, dessen Ursachen in Finsternis liegen. Alle anwesenden Herren sind in Meisterwerke der neapolitanischen Schneiderkunst gehüllt in Nadelstreifenanzüge aus federleichten Kaschmirgespinsten, luftigem Kammgarn, lichtem Twist, was den Trägern etwas Statuarisches verleiht. Die Kamera blendet kurz auf die vier übereinander liegenden Ärmelknöpfe und auf jene winzigen Fältchen an den Schultern, die Handarbeit verraten und mit bloßem Auge fast gar nicht zu erkennen wären. Neapolitanische Perfektion.
Irgendwie erwartet man jetzt eine heldenhafte Geste. Etwa, dass der Regionalpräsident aufsteht, einen Jackettknopf schließt und sagt: Scheißdreck. Solange hier die Camorra regiert, ist der Müllnotstand nicht zu lösen. Deshalb trete ich zurück! Das sagt er aber nicht.
Stattdessen blickt er aus dem Fenster, ganz so, als sähe er den Müll davonschweben wie eine kleine, blassrosa Wolke.
Später wird Neapels linksdemokratische Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino eingeblendet. Mit einer zitternden Kopfstimme, mit der sie keine Grundschulklasse beherrschen könnte, würdigt sie die guten Absichten des Tsunami-Bekämpfers und zeigt sich ansonsten hier bricht ihre Stimme kurz darüber beglückt, dass der A.C. Neapel in die erste Liga aufgestiegen ist.
Am nächsten Tag sind die Mülltüten an der Bushaltestelle von Forio verschwunden. Sie liegen jetzt da, wo die anderen Mülltüten auch liegen, neben einem Container vor einem Restaurant mit dem Schriftzug »Bella Vista«. Die Hauptsaison hat begonnen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.54
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