Schweiz Ein Tee im Schnee
Da staunten die Schweizer Bauern: Britische Gentlemen erklommen zum Spaß ihre höchsten Gipfel. 150 Jahre nach der Gründung des ersten Alpenvereins wird in Zermatt gefeiert.
Es wirkt wie ein Zugeständnis, dass der Mann sich angeseilt hat. Ansonsten ist er gekleidet wie zu einem Sonntagsspaziergang: roter Rollkragenpullover, grüne Barbour-Jacke, Stoffhut mit breiter Krempe und Lederband. So steht Doug Scott, 66 Jahre alt, auf dem Gipfel des Breithorns, 4164 Meter hoch. Laut Kalender haben wir Sommer, aber das Wetter nimmt darauf keine Rücksicht. Der Wind jagt Graupelschauer über das ewige Eis, die Kälte schmerzt im Gesicht wie Nadelstiche. Doug Scott sagt: »Ich komme aus Nottingham. Wir frieren nicht.«
Die undurchdringlich grauen Wolken haben das Matterhorn verschluckt, das im Nordwesten in den Himmel ragt. Vom Monte-Rosa-Massiv ist ebenso wenig zu sehen wie von den Häusern von Zermatt, die 2500 Meter unter uns liegen. Nur so viel lässt sich erkennen: Auf dem Breithorn steht ein halbes Dutzend Männer aus dem Hochadel der britischen Alpinisten und feiert seine Tradition.
Vor 150 Jahren gründeten elf Engländer den ersten Bergsteigerverein der Welt. Der Name des Clubs zeugte vom Selbstbewusstsein der Weltmacht: Er heißt schlicht und allumfassend Alpine Club, eine nationale Beschränkung in Anspruch und Emblem hielt man nicht für nötig. Das blieb denen vorbehalten, die mit einiger Verzögerung das britische Vorbild nachahmten: Sieben Jahre später wurde der Schweizer Alpen-Club gegründet, der Deutsche Alpenverein folgte erst 1869. Heute hat der Alpine Club 1200 Mitglieder. Etwa 200 sind nach Zermatt gekommen, um das Jubiläum zu feiern. Sie nennen den Ausflug ins Wallis »Alpine Extravaganza«.
Doug Scott hat 1975 als erster Engländer den Mount Everest bestiegen. Er wählte die schwierige Route über die Südwestwand, und weil er im tiefen Schnee langsamer vorankam als erhofft, gab er eine ungeplante Premiere: Er musste bei 40 Grad unter null auf dem Gipfel übernachten. Zelt oder Schlafsack hatte er nicht dabei, lediglich einen kleinen Ofen. »Mit dem haben wir Schnee geschmolzen. Zum Schlafen haben wir uns einen Tunnel gegraben.« Auf den Fotos von damals trägt er schwarzes Haar und einen wilden Vollbart. Heute ist er rasiert, und weiße Strähnen hängen nachlässig um ein Gesicht, das sich erstaunlich glatt gehalten hat.
»Unsere Mitglieder leben im Schnitt sieben Jahre länger als der normale Engländer – wenn sie nicht abstürzen, bevor sie 40 geworden sind«, sagt der Sekretär des Clubs. Er heißt auch Scott, Martin Scott, und steht neben dem Haudegen vom Everest auf dem Breithorn. Er passt weit besser ins Bild eines zeitgemäß ausgerüsteten Bergsteigers: Gletscherbrille und Gamaschen, rote Jacke aus wasserdichter Kunstfaser. Doch auch er legt dem Wetter gegenüber einen gewissen Trotz an den Tag und verzichtet auf eine Mütze. Weißer Graupel bedeckt sein zerzaustes graues Haar. »Doug war schon immer eine Persönlichkeit«, sagt der Sekretär mit bewunderndem Unterton über seinen Clubkameraden.
Zur Seilschaft gehört auch der Schriftführer Stephen Goodwin. Beim Abstieg setzt er seine Schritte breitbeinig und sicher auf den Grat, der auch im Nebel etwas von der Schönheit dieses Berges ahnen lässt. Schnee und Eis ragen in großen Linien in den Himmel, weiße Wächten hängen weit über die steile Flanke. Goodwin ist klein, hat die drahtige Figur vieler Bergsteiger und praktiziert diesen Sport als ganzheitliche Erfahrung: »Du fühlst dich viel lebendiger, wenn du an physische und mentale Grenzen kommst.«
- Datum 09.07.2007 - 12:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
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