Anglerglück

Als sich früher der amerikanische Präsident und der sowjetische/russische Staatschef zu zweit trafen, war das der Presse tagelang den Aufmacher auf der Seite eins wert. Und diesmal, in Kennebunkport? Ein Einspalter in der FAZ am Dienstag, nichts in der Financial Times, ein kleineres Stück in der Herald Tribune. Nun gut, Terror in England, der Krieg im Irak, Klima- und EU-Krise sind lauter neue Dramen. Doch seit Jahresbeginn, als Putin Bush auf der Münchner Sicherheitskonferenz den Fehdehandschuh hinwarf, rückt das fast vergessene Verhältnis Moskau/Washington abermals ins Zentrum der Bühne, gerade der europäischen.

Russland entpuppt sich nicht bloß als revisionistische, sondern als revanchistische Macht. » Its payback time«, notiert der Mann, der zu Clintons Zeiten im State Department für Moskau zuständig war. Er will sagen: Putin will sich für die Demütigungen die echten wie die vermeintlichen rächen, die Russland in der Schwächephase nach dem Kollaps des Kommunismus widerfahren sind. Seit Monaten betreibt Putin moralische Wiederaufrüstung, indem er die USA niedermacht. Er vergleicht sie indirekt mit dem »Dritten Reich« und grollt, ohne die Amerikaner zu nennen, »dass sie uns Schuldgefühle anhängen«. Flankiert wird das durch eine raumgreifende Politik im »Nahen« und »Ferneren Ausland« (Ex-Sowjetunion und Osteuropa).

Umso mehr ein Grund, genauer zu betrachten, was in Kennebunkport geschah. Bush erwies Putin die Ehre der Einladung auf den Familiensitz. Sie plauderten gar artig miteinander und gingen zusammen angeln. Sie waren sich im Prinzip über die atomare Bedrohung aus Iran einig. Doch verwechseln wir nicht Party-Talk mit großer Politik.

Schärfere Sanktionen gegen Iran? Unabhängigkeit für das Kosovo?

Abwehrraketen? Ein dreifaches njet. Haben die beiden also in leeren Gewässern gefischt?

Nicht ganz. Wenigstens bei der Raketenabwehr bewegt sich etwas. Putin bot eine nagelneue Radarstation in Südrussland an, dazu gemeinsame Frühwarnsysteme in Moskau und Brüssel. Und jeder europäische Staat soll frei über seine Teilhabe entscheiden können, also sollen es auch Warschau und Prag. Bloß: nix Amerikanisches auf deren Boden. Bush nannte all das »konstruktiv, mutig und ernsthaft«, will aber an dem Projekt in Polen (Abwehrgeschosse) und Tschechien (Radar) festhalten.

Fazit: Großmächte bleiben Großmächte, mit ihren Interessen und Ansprüchen. Aber Putin scheint zu erkennen, dass seine scharfe Rhetorik nicht gerade vertrauensbildend gewirkt hat. Die beiden reden also wieder zivilisiert miteinander. Angeln wirkt doch entspannend.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.10
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