Österreich Das Archiv der Auslöschung
Sie schlummerten unbeachtet in einer Vorstadtwohnung: Dokumente, die von der Rolle der Israelitischen Kultusgemeinde in der NS-Zeit erzählen.
Ein Archiv ist normalerweise ein Ort der Ordnung. Erst Ordnung und Zugänglichkeit machen es für Benutzer interessant. Im Haus Herklotzgasse 21, in einem unauffälligen Wohnbau aus der Jahrhundertwende im Wiener Arbeiterbezirk Fünfhaus, das bis zur NS-Zeit auch zahlreiche jüdische Vereine, darunter eine Sektion des Sportklubs Makkabi beherbergt hatte, befand sich ein Archiv, das diesen Parametern gar nicht entsprach. Völlig vergessen schlummerte dort ein beträchtlicher Bestand an Akten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, der bis zum März 1938 knapp 200000 Menschen angehörten.
Die Akten waren im Sommer 2000 lediglich durch einen Zufall vor dem Verkauf der Immobilie entdeckt worden. Sie füllten 800 Kartons, in einer Wohnung vom Boden bis zur Decke gestapelt. Durch unsachgemäße Lagerung waren viele schwer beschädigt: Für einige Jahre während der NS-Zeit waren sie in eine Mikwe, ein rituelles jüdisches Bad, ausgelagert worden.
Die gefundenen Materialien bieten einzigartige Einblicke in die vergangenen 300 Jahre jüdischer Geschichte und sind nun zentraler Inhalt der Ausstellung Ordnung muss sein im Jüdischen Museum Wien. Für Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek speichert das lange Zeit verschollene Archiv das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Es kann allerdings nur so lange funktionieren, solange diese Gesellschaft existiert. Folgerichtig thematisiert die Ausstellung in ihrem letzten Raum die Auflösung der Ordnung. Hier finden sich Schnellhefter mit den Listen der Deportationen aus Wien: die Namen von über 48000 Personen, die in Zügen in Richtung Osten zu ihrer Vernichtung transportiert wurden.
Die gefundenen Bestände beinhalten eine halbe Million Blätter, die aus der Zeit der NS-Herrschaft stammen. Im Unterschied zu jüdischen Gemeinden in Deutschland wurde die Wiener Kultusgemeinde von den Nationalsozialisten nicht aufgelöst, sondern konnte weiterexistieren. Sie wurde im Fürsorgebereich tätig und musste das Regime in der Organisation der erzwungenen Auswanderung unterstützen. Karteikarten, Bücher, Aktenordner und Statistiken des Bestandes erzählen von dieser tragischen Rolle. Später wurde die Gemeinde gezwungen, auch an der Organisation der Deportation ihrer Mitglieder mitzuwirken.
Die Nationalsozialisten benutzten die Kultusgemeinde dazu, ihren eigenen Untergang zu administrieren und diesen auch selbst zu dokumentieren. Die Papiere aus der Herklotzgasse geben heute Aufschluss über die verzweifelte Lebenssituation der Verfolgten in ihren letzten Tagen in Wien. Während der gesamten NS-Zeit wurde die Kultusgemeinde instrumentalisiert: Die nach kurzer Verhaftung wieder entlassenen Funktionäre schöpften Hoffnung, in einer schlimmen Situation zumindest eingeschränkt helfen zu können. Vorerst gab es wenigstens weiterhin die Kultusgemeinde als Institution, und die Fürsorgearbeit – aufgrund von tätlichen Übergriffen, Kündigungen und Verhaftungen wichtiger denn je – konnte fortgeführt werden. Die Organisation der »Auswanderung«, die einer Flucht glich, bot letzte Hoffnung auf einen Ausweg.
Unter ständiger Gängelung durch die Gestapo und Adolf Eichmanns »Zentralstelle für Jüdische Auswanderung« blieb den Funktionären nichts anderes übrig, als unwillentlich Helfer des NS-Terrors zu werden. Kleine Schritte und Entscheidungen waren es, welche die Kultusgemeinde schrittweise in das System integrierten. Für Adolf Eichmann stellte das Wiener Experiment einen ungeheuren Erfolg dar. Die jüdische Selbstverwaltung innerhalb des nationalsozialistischen Vernichtungssystems war derart erfolgreich und effizient, dass sie später als Vorbild bei der Gründung von »Judenräten« in den okkupierten Ländern Europas kopiert wurde.
Für die Kultusgemeinde wurden die täglichen Aufgaben und die erzwungenen Entscheidungen unterdessen immer schwieriger. Bis November 1941 konnte die Kultusgemeinde die offizielle Auswanderung von 128000 Mitgliedern organisieren. Ein schwieriger Prozess: Amtliche Hürden und Schikanen waren Teil eines Systems, das sicherstellen sollte, dass zwar die Juden, nicht aber ihr Besitz das Land verlassen konnten.
- Datum 05.07.2007 - 13:12 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren