Auf in den Ökokapitalismus!

Spätestens seit dem Report des britischen Regierungsökonomen Nicolas Stern wissen wir, dass der Klimawandel nicht nur ein ökologisches Risiko erster Ordnung darstellt: Auch die ökonomischen Risiken sind gewaltig. Hausgemachte »Naturkatastrophen«, die mit einem exponentiellen Anstieg der Temperaturen einhergehen, könnten zu einer massiven Vernichtung wirtschaftlicher Werte führen. Dagegen schätzt Stern die Kosten für effektiven Klimaschutz auf etwa ein Prozent der globalen Wertschöpfung pro Jahr. Ihnen stehen enorme Wachstumspotenziale auf dem Feld der green economy gegenüber. Sein Fazit: Investitionen in Klimaschutz sind volkswirtschaftlich hoch rentabel und sie können zum Auslöser eines grünen Wirtschaftswunders werden.

Die Ökologie kann zum Jungbrunnen der Ökonomie werden, aber es ist eine gewaltige Herausforderung. Es geht um eine Halbierung der globalen CO2-Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts, was einer Reduktion in den »alten« Industriemetropolen in einer Größenordnung von 80 bis 90 Prozent entspricht. Das bedeutet nicht weniger als eine neue industrielle Revolution. In den vergangenen 150 Jahren nährte sich das Wachstum der Industriegesellschaft von Kohle, Öl und Gas.

Dieses Entwicklungsmuster ist jetzt an seine ökologische Grenze gestoßen nicht durch die physische Erschöpfung dieser Rohstoffe, sondern durch das Übermaß an Kohlendioxid, das durch ihre Verbrennung freigesetzt wird. Heute stehen wir vor der Herausforderung, innerhalb weniger Jahrzehnte den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zu vollziehen, die auf Energieeffizienz, erneuerbaren Energien und geschlossenen Stoffkreisläufen basiert.

Politische Zielvorgaben und rechtliche Normen sind unverzichtbar, um die Dynamik des Marktes in eine ökologische Richtung zu lenken. Aber sie können die Kreativität der Marktwirtschaft nicht ersetzen, in der Millionen und Abermillionen von Produzenten und Konsumenten eigenverantwortlich handeln. Unternehmen und Verbraucher müssen selbst zu Akteuren der ökologischen Innovation werden. Wie realistisch ist diese Utopie?

Ökokapitalismus ein Widerspruch in sich? Von Karl Marx stammt der berühmte Satz: »Der Kapitalismus ruiniert die Springquellen des Reichtums, auf denen er beruht: den Arbeiter und die Natur.« Das war als Tendenz scharfsinnig beobachtet. Heute, nach eineinhalb Jahrhunderten Erfahrung mit dem Kapitalismus, muss man hinzufügen: Der Kapitalismus ist ein hochgradig lernfähiges, evolutionäres System, das bisher noch jede Krise in einen Innovationsschub verwandelt hat.

Als erste historische Antwort auf die zerstörerischen Tendenzen des Kapitalismus trat im 19. Jahrhundert die Arbeiterbewegung auf den Plan und mit ihr die Sozialdemokratie. Ihr Projekt war die soziale Zivilisierung des Kapitalismus. Sie erkämpfte ein weitverzweigtes Netz von Institutionen: Gewerkschaften, Genossenschaften, Sozialversicherungen, berufliche Bildung, Arbeitsgesetzgebung, Tarifverträge, Mitbestimmung und vieles mehr. Im Ergebnis stiegen Lebenserwartung und Lebensstandard der arbeitenden Klassen - der Anstieg der Massenkaufkraft führte zur modernen Konsumgesellschaft.

Zwar ist die soziale Einhegung des Kapitalismus ein stets umkämpfter, von Rückschlägen bedrohter Prozess, aber sie ist auch im Zeitalter der Globalisierung nicht außer Kraft gesetzt. Denn auch in den neuen Industrieländern steigen Bildungsniveau und Massenkaufkraft, wächst die Nachfrage nach qualifizierter Arbeit und die Bedeutung des »Humankapitals« für die Wirtschaft.

Ob die Analogie zur sozialen Marktwirtschaft trägt, muss sich noch erweisen. Aber wer genau hinsieht, findet viele Anzeichen dafür, dass die ökologische Modernisierung des Kapitalismus bereits begonnen hat.

Wenn es stimmt, dass im Wettlauf mit der Klimakatastrophe nur eine kurze historische Frist bleibt, gibt es dazu auch keine ernsthafte Alternative.

Das Neue wächst im Schoß des Alten: Es geht hier nicht um Spekulationen, sondern um einen geschärften Blick für neue Entwicklungen und Akteure, die zur ökologischen Transformation der Wirtschaft beitragen:

So haben Zahl und politische Reichweite zivilgesellschaftlicher Organisationen enorm zugenommen. Während im Jahr 1992 bei der Weltkonferenz der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Rio de Janeiro noch 1400 Organisationen akkreditiert waren, waren es in Johannesburg im Jahr 2002 bereits 3000. NGOs sind heute international vernetzt und haben Zugang zu Medien und politischen Instanzen in vielen Ländern. Mit ihrer Fähigkeit zur Skandalisierung fungieren sie als Wächtersystem gegenüber transnationalen Unternehmen. Ihre Wirkung auf die Wirtschaft wird von den NGOs selbst nicht selten unterschätzt.

Das »Reputationsrisiko« das damit verbunden ist, Ziel einer internationalen Kampagne zu werden, ist vor allem bei Konzernen, die im konsumnahen Bereich tätig sind und einen Markennamen zu verlieren haben, ein harter ökonomischer Faktor. Ihre Umsätze und ihr Börsenwert reagieren empfindlich auf Rufschädigungen. Internationale Kampagnen wie »Nestlé tötet Babys«, die Brent-Spar-Aktion von Greenpeace oder die Kampagne gegen ausbeuterische Zustände in den Produktionsstätten von Nike haben Unternehmensleitungen zur Veränderung ihrer Geschäftspolitik gezwungen.

Umweltrisiken, insbesondere die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen, werden zunehmend zum ökonomischen Risiko. Zudem erzwingen langfristig steigende Preise für Rohstoffe und Energie ein effektiveres Ressourcenmanagement. Die Verknappung und Verteuerung von CO2-Emissionsrechten wird diesen Prozess noch beschleunigen.

In weltweit vernetzten Zuliefersystemen kann ein Produktionsausfall eine Kettenreaktion auslösen, die spürbar auf Umsatz und Ertrag durchschlägt. Deshalb sind »Risk Management«-Systeme für Gefahrstoffe und gefährliche Produktionsprozesse inzwischen internationaler Standard auch um Haftungsrisiken beherrschbar zu halten.

Der internationale Aufstieg der grünen Bewegung hat zur Institutionalisierung des Umweltschutzes geführt. Umweltministerien, Grenzwerte, Umweltabgaben, Ökosteuern, Förderprogramme wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Zertifizierungen haben wiederum dazu beigetragen, dass Umwelttechniken, alternative Energien und ökologische Dienstleistungen zu einem Wachstumsmarkt wurden, der Kapital anzieht und Arbeitsplätze schafft.

Die aktuelle Diskussion über den Klimawandel signalisiert selbst hartleibigen Unternehmen, dass sie nicht mehr auf eine fortgesetzte Ignoranz gegenüber globalen Umweltproblemen setzen können. Wer die ökologische Trendwende verpasst, wird an den Märkten bestraft die Krise der US-Autoindustrie demonstriert dies gerade. Das setzt einen Innovationswettlauf für mehr Ressourceneffizienz und umweltverträgliche Produkte in Gang, der nach und nach alle Branchen erfasst.

Auch die handelnden Personen verändern sich. Eine neue Generation von Managern erlebt in ihrer Ausbildung, dass »Corporate Social Responsibilty« und Ökomanagement selbstverständliche Bestandteile ihres Berufsbilds sind. Heutige Ausnahmeerscheinungen wie der neue US-Finanzminister, der als Chef von Goldman Sachs zugleich Präsident einer der größten US-Naturschutzorganisationen war, müssen keine Ausnahmen bleiben.

Vor allem in den USA, dem Mutterland privaten Wagniskapitals, ist eine grüne Welle bei Unternehmensbeteiligungen und Gründungsfinanzierungen zu beobachten. Allein im Sektor alternativer Energien wurden dort im vergangenen Jahr rund 30 Milliarden Dollar investiert. » Grüne« Investmentfonds boomen.

Eine der interessantesten neuen Entwicklungen vollzieht sich auf dem Finanzmarkt. Bereits seit mehr als einem Jahrzehnt sind die großen Rückversicherer zu Verbündeten im Kampf gegen die Erderwärmung geworden, weil die Hurrikanschäden astronomische Größenordungen angenommen haben. Andere ziehen nach: Investoren, die auf die mittel- und langfristige Stabilität ihres Anlagekapitals angewiesen sind wie etwa große Pensionsfonds in den USA , beziehen zunehmend klimarelevante, ökologische und soziale Kriterien in ihre Entscheidungen ein. Sie erhöhen damit den Druck auf Konzerne, sich diesen Fragen zu stellen.

Es ist ein Anfang, nur reichen diese Veränderungen für sich genommen nicht aus, um eine ökologische Wende in der nötigen Geschwindigkeit herbeizuführen. Sie verweisen jedoch auf die Potenziale einer ökologischen Marktwirtschaft und lenken den Blick auf neue Allianzen von Akteuren, die sich bisher eher als Gegner denn als Partner kennengelernt haben. So wird in den USA inzwischen die Bush-Regierung von Koalitionen aus Umweltverbänden und klimabewussten Unternehmen unter Druck gesetzt, verbindliche Ziele und Maßnahmen zur CO2-Reduktion anzugehen. Nicht die Politik geht dort der Wirtschaft voran, sondern umgekehrt.

Es gibt bereits viele solcher Allianzen, auch »Multistakeholder«-Initiativen genannt. Als »liberalizations unexpected consequences« bezeichnet ein Artikel in der Harvard Business Review die zunehmende Kooperation von internationalen Unternehmen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. So arbeiten 90 Unternehmen mit einem Gesamtjahresumsatz von 400 Milliarden Dollar zusammen mit Transparency International in der Antikorruptionsinitiative PACI. Die International Union for the Conservation of Nature schließt Verträge mit Unternehmen über Konsultationen bei Investitionsprojekten und zur Weiterbildung von Mitarbeitern. ABN Amro, die größte niederländische Bank, entwickelt Mikrofinanzmodelle in Lateinamerika zusammen mit der Organisation Accion International. BP kooperiert mit indischen NGOs bei Entwicklung und Vertrieb eines hocheffizienten Kleinofens für den privaten Gebrauch in ländlichen Gebieten, der die berüchtigten Atemwegserkrankungen beim herkömmlichen Verfeuern von Biomasse verhindert. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Weitreichender noch als die Einzelkooperation von Unternehmen und NGOs sind die Initiativen, die auf eine kooperative Regulierung von Märkten zielen. Auch ihre Zahl wächst. Sie setzen da an, wo staatliche Regulierung wegen fehlender internationaler Übereinstimmung nicht oder noch nicht möglich ist. Und sie markieren eine neue Qualität der Zusammenarbeit von Unternehmen, Zivilgesellschaft und unterstützenden Regierungen: In der Extractive Industrie Transparency Initiative arbeiten marktführende Öl- und Gaskonzerne und Regierungen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Investoren und Entwicklungsbanken gemeinsam an dem Ziel, die Geldflüsse aus Öl- und Gasprojekten in ressourcenreichen Ländern transparent zu gestalten.

Bei der Ethical Trading Initiative und Fair Labor Association geht es den teilnehmenden Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften um die Einhaltung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Der Kimberley-Prozess in der Diamantenindustrie ist in jüngster Zeit einem breiteren Publikum durch das Schlagwort »Blutdiamanten« bekannt geworden: Das inzwischen eingeführte Zertifizierungssystem für Rohdiamanten hat zu erheblichen Fortschritten geführt. Ein weiteres Beispiel ist der Forest Stewardship Council (FSC), der Holz und Holzprodukte aus nachhaltiger Bewirtschaftung zertifiziert. Er erfasst inzwischen fast zehn Prozent der kommerziellen Waldflächen. Großabnehmer wie der US-Baumarkt Home Depot und der weltgrößte Verlag, Random House, gehören zu den Kunden, die mit dem Label arbeiten.

Der Finanzmarkt als Seismograf: Für jeden international tätigen Konzern ist die Bewertung durch institutionelle Investoren von zentraler Bedeutung. Etwa seit dem Jahr 2000 ist eine zunehmende Relevanz von Nachhaltigkeitsindikatoren für das Rating von Unternehmen zu beobachten. Pensionsfonds sprechen schon von einer fiduciary duty (Treuhänderpflicht), solche Kriterien in die Geldanlage einzubeziehen, um das Risiko für ihre Anleger zu reduzieren. Damit ernst gemacht hat im vergangenen Jahr der weltgrößte Pensionfonds TIAA-CREF: Er verkaufte seine Coca-Cola-Anteile (Marktwert 52,4 Millionen Dollar), nachdem bekannt wurde, dass der Konzern gegen Kinderschutz, ILO- und Umweltstandards verstoßen hatte.

Der bislang erfolgreichste Zusammenschluss institutioneller Investoren ist das Carbon Disclosure Project (CDP), das sich auf klimarelevante Risiken und Daten konzentriert. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 ist das CDP von 25 auf 211 Investoren gewachsen und hat ein Anlagevolumen von sagenhaften 31 Billionen Dollar. Das CDP befragt regelmäßig die 500 weltweit größten börsengelisteten Unternehmen zu Treibhausgas-Emissionen und Emissionsminderungsprogrammen. Die Tätigkeit des CDP hat den Druck auf Börsenaufsicht, Unternehmensleitungen und Wirtschaftsprüfer verstärkt, transparente Berichtsstandards zu Klimarisiken zu entwickeln.

Was kann, was muss Politik bewirken? Mit den neuen Dynamiken in der Unternehmenswelt, dem Auftreten neuer Akteure und Allianzen wird staatliche Regulierung nicht überflüssig. Originäre Aufgabe der Politik bleibt es, den Märkten ökologische Zielvorgaben und einen ökologischen Ordnungsrahmen zu geben. Im Kern geht es um Erwartungssicherheit hinsichtlich umweltpolitischer Ziele, an denen Unternehmen ihre Investitionen ausrichten müssen, sowie um Kostenwahrheit durch die Einbeziehung ökologischer Folgekosten in die Preise für Energie, Produkte und Dienstleistungen. » Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen«, das bleibt das A und O einer ökologischen Marktwirtschaft. Die wichtigsten Hebel der Politik, um diese Transformation zu beschleunigen, sind deshalb:

Umstellung des Steuer- und Abgabensystems von der Besteuerung der Arbeit auf Ressourcensteuern

Weiterentwicklung und Effektivierung des Emissionshandelssystems, zunächst auf europäischer, im nächsten Schritt auf globaler Ebene

Verbindliche Zielkorridore für Energieeffizienz und erneuerbare Energien, flankiert durch Förderprogramme für Forschung und Entwicklung

Stärkung von Verbraucherrechten (Informationspflicht hinsichtlich der Ökobilanz von Produkten und Materialien, erweitertes Haftungsrecht bei Gesundheitsrisiken)

Verankerung internationaler Standards mit Blick auf Transparenz, soziale Rechte und Umweltschutz in Freihandels- und Investitionsabkommen

Verstärkter Transfer umweltfreundlicher Techniken in Entwicklungsländer, um deren Wachstum in ökologische Bahnen zu lenken.

Machen wir uns keine Illusionen: Allein der absehbare Zuwachs der Weltbevölkerung auf rund neun Milliarden Menschen wird das globale Wirtschaftswachstum weiter ankurbeln. Die entscheidende Herausforderung besteht deshalb darin, ein wachsendes Volumen an Gütern und Dienstleistungen mit einer drastischen Minderung des Naturverbrauchs zu kombinieren. Ohne konsequente staatliche und globale Ordnungspolitik wird das nicht gelingen. Aber die ökologische Transformation der Marktwirtschaft kann nicht nur »von oben« erfolgen.

Sie muss durch eine »ökologische Dynamik von unten« getragen werden, die Ökobauern und Hightech-Unternehmen, Erfinder und Investoren, Umweltverbände und aufgeklärte Konsumenten umfasst. Diese Dynamik zu beschleunigen, darauf muss ökologische Politik abzielen.

Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/nachhaltigkeit

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  • Von Ralf Fücks
  • Datum
  • Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.32
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