Beginnt die Reife immer früher?
Herr Professor Hiort, täuscht der Eindruck, dass Mädchen heute früher reif werden als noch vor einiger Zeit?
Wenn Sie Kinder einer fünften oder sechsten Klasse betrachten, sind manche schon voll in der Pubertät, andere noch nicht. Pubertät ist ja ein sehr komplexer Prozess, gesteuert durch eine Art Zeitschaltuhr, die im Hirn in Gang gesetzt wird und die durch Hormonausschüttung die körperliche Entwicklung auslöst.
Bei der Arbeit an diesem Jugend-Magazin fiel uns allerdings auf: Man kann die meisten 13-Jährigen leicht für 15-Jährige halten und 15Jährige für 18-Jährige.
Das stimmt. Der Beginn der Pubertät hat sich nach vorn geschoben. Das heißt, erste Pubertätszeichen treten bei Mädchen früher auf wie etwa Schambehaarung oder Brustentwicklung.
Wie kommt es zu dieser Verschiebung nach vorn?
Der Beginn der Pubertät erfolgt meist im Einklang mit einem Wachstumsschub, mit einer Zunahme an Körperlänge und -masse. Und durch die heute optimalen biologischen Bedingungen wie etwa die verbesserte Ernährung erfolgt das Wachstum früher. Bei Mädchen kann heute im Alter von etwa neun Jahren bereits die Schambehaarung beginnen. Die ersten Zeichen eines Brustansatzes zeigen sich in der Regel frühestens im Alter von zehn Jahren. Bis die Brust voll entwickelt ist, kann es dann die ganze Pubertätsspanne dauern, also etwa drei Jahre.
Wird die Pubertät, also die Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein, immer kürzer?
Nein, im Gegenteil: Die Spannbreite der Pubertät wird immer länger.
Sie setzt früher ein, aber das entscheidende Datum der Geschlechtsreife, also das Einsetzen der Regelblutung, ist in den letzten zehn Jahren nahezu unverändert geblieben, bei gut 13 Jahren.
Wie sehen die Veränderungen aus, wenn wir nicht nur zehn, sondern hundert Jahre betrachten?
Man schätzt, dass sich die Geschlechtsreife bei Mädchen um etwa drei Jahre nach vorn geschoben hat. Damals hatten Mädchen ihre erste Regelblutung mit etwa 16 Jahren.
Woran liegt das?
Wir gehen davon aus, dass die Umweltfaktoren noch nie so optimal waren wie heute, weshalb auch das Körperwachstum stetig zugenommen hat.
Nehmen Sie die verbesserte Ernährung, das Ausbleiben von Katastrophen wie Kriegen oder Hungersnöten. Das Körperwachstum ist ein ausschlaggebender Faktor für das Einsetzen der Pubertät.
Wie ist bei all diesen Erkenntnissen der viel diskutierte Fall in der Türkei zu deuten, wo ein 17-Jähriger sexuellen Kontakt zu einer 13Jährigen hatte?
Das kann und möchte ich aus der Ferne nicht beurteilen. Es kommt auf die individuelle Reife dieser beiden Jugendlichen an. Ich weiß aber nicht, inwieweit das Mädchen biologisch in der Pubertät ist.
Werden irgendwann schon Achtjährige pubertieren?
Keine Sorge, es wird nicht so sein, dass Mädchen in fünfzig Jahren mit zehn ihre erste Regelblutung haben. Zudem könnten wir auch an einen Punkt kommen, wo die Überfütterung der Menschheit diese Entwicklung rückgängig macht. Eine extreme Gewichtszunahme kann nämlich auch die geschlechtliche Reife verzögern.
Welchen Wahrheitsgehalt hat die Alltagslegende, dass seit Einführung der Pille auch Östrogene eine Rolle spielen, die vom Abwasser wieder ins Trinkwasser gelangen?
Ein Einfluss ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass die Wasserzusammensetzung im Tierreich erhebliche Folgen hat. Man konnte das nachweisen an der sexuellen Entwicklung von Fischen. Es gibt viele Chemikalien, die in hormonelle Prozesse eingreifen. Man weiß das auch von Weichmachern in Kinderschnullern.
Mädchen waren Jungen in ihrer Entwicklung immer etwa ein Jahr voraus.
Hat sich dieser Abstand vergrößert?
Nein, dieser Abstand ist im Wesentlichen gleich geblieben. Mädchen wachsen einfach schneller und sind mit etwa 16 Jahren ausgewachsen.
Bei den Jungen fängt die Pubertät grundsätzlich etwa ein Jahr später an. Meist vergrößert sich zunächst der Penis, die Hoden beginnen mit der Hormonproduktion, dann setzt die Schambehaarung ein. Mit etwa 17, 18 Jahren ist die Pubertät dann bei Jungen abgeschlossen. Erst mit 19, 20 Jahren müssen sich die meisten regelmäßig rasieren.
Können auch soziale Faktoren die körperliche Reifung beschleunigen? In den Medien ist das Thema Sexualität allgegenwärtig, schon Zwölfjährige tragen Stringtangas, und Eltern sind liberal wie wohl nie zuvor.
Natürlich werden Kinder immer früher mit Sexualität konfrontiert, was Neugier und gewisse Wünsche hinsichtlich sexueller Reife und gelebter Sexualität auslöst. Aber das richtige Interesse an Sexualität erwacht erst, wenn ein gewisser biologischer Reifegrad erreicht ist. Und im Endeffekt sind es biologische Prozesse, die den Ausschlag dafür geben.
Insgesamt gesehen, in der Rückschau der letzten Jahrzehnte, spielen Faktoren wie die Körpermasse und -größe die wichtigste Rolle. Aber natürlich lassen sie sich nicht komplett von der psychosozialen Entwicklung trennen. Ein Beispiel für einen psychologischen Einfluss etwa ist die Magersucht, also die bewusste Unterernährung, die zu einem veränderten hormonellen Milieu und damit einer verzögerten Pubertät führt.
Pubertieren Jugendliche in der Großstadt früher als auf dem Land?
Es gibt eine Untersuchung, die geografische Unterschiede gezeigt hat in der psychologischen Auseinandersetzung. In großen Metropolen reifen Jugendliche anscheinend schneller, aber dort haben sie auch einen anderen ethnischen Mix als auf dem Dorf. Die ethnische Herkunft spielt eine entscheidende Rolle: Schwarzafrikanische Kinder beispielsweise kommen, genetisch bedingt, etwa ein Jahr früher in die Pubertät.
Geht die körperliche Reife mit geistiger Reife einher?
Ich glaube nicht, dass Kinder und Jugendliche jetzt früher reif werden in dem Sinne, dass sie früher fertige Erwachsene sind. Die Pubertät ist eine Phase der Verunsicherung.
Das Gespräch führte Anita Blasberg
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.M08
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