Biologie statt Bibel
Viele Menschen schöpfen aus einer Lektüre Ratschluss für ihr Leben. So ist das auch bei Karin Wolff. Für Hessens Kultusministerin ist »die Bibel das faszinierendste Buch und ein Koordinatensystem« für ihr Leben. Diese Ansicht sei ihr als Privatperson unbenommen. Doch leider scheint Wolff ihre privaten Lesefrüchte auch als Koordinatensystem für ihre Schulpolitik zu nutzen.
Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sie einen »modernen Biologieunterricht« gefordert, in dem die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis, religiöse und philosophische Fragen nach dem Sinn von Welt und Mensch thematisiert werden müssten.
Die Ministerin versichert, in der biblischen Schöpfungslehre eine »erstaunliche Übereinstimmung« mit der wissenschaftlichen Evolutionstheorie entdeckt zu haben.
Ihre Argumentation ist sattsam bekannt: Auch die Naturwissenschaft sei schließlich nur eine Weltanschauung, daher dürften religiöse Ansichten mit gleichem Recht daneben stehen. Irrtum: Nur die Naturwissenschaft folgt dem einzigen Erkenntnisinstrument des Menschen, der Ratio. Sie beschreibt die Welt auf nachprüfbare Weise. Und sie ist souverän genug, die Grenzen ihrer Erkenntnis gleich mitzuthematisieren.
Religiöse Anschauungen, gleich welcher Couleur, entziehen sich hingegen der Überprüfbarkeit, und wo sie es nicht tun, sind sie widerlegt. Ihr Anliegen ist auch gar nicht die Anschauung der Welt, sondern etwas, das es nicht gibt: endgültige Wahrheit.
Erkenntnisgrenzen sind nicht vorgesehen.
Politik aber, auch Schulpolitik, sollte der Ratio folgen. Der Casus Wolff ist mehr als eine Provinzposse. Er ist ein Beispiel für die wachsende Impertinenz religiöser Menschen und Organisationen, ihre Anschauungen zur Richtschnur staatlichen Handelns zu machen. Dass die Debatte über die Äußerungen der Ministerin so erstaunlich zahm verläuft, ist das eigentlich Alarmierende. Wolffs relativierende Weltsicht hat im naturwissenschaftlichen Unterricht nichts verloren.
Und die Ministerin nichts in ihrem Amt.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.28 vom 05.07.2007, S.37
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