Terrorismus Der Bomber und sein Bruder
Bei den Londoner Anschlägen vom 7. Juli 2005 rissen Sidique Khan und drei seiner jungen Freunde 52 Menschen mit in den Tod. Gultasab Khan erzählt, wie aus seinem Bruder ein Terrorist wurde.
Am Morgen des 7. Juli 2005 um 8.30 Uhr wurden am Bahnhof King’s Cross in London vier junge Männer gesehen, die sich umarmten. Sie wirkten fröhlich, sogar euphorisch, wie der offizielle Bericht zu den Ereignissen jenes Tages bemerkt. Knapp dreißig Minuten nach der Umarmung explodierten Bomben in drei Londoner U-Bahnen; eine weitere Stunde später gab es eine Detonation in einem Doppeldeckerbus. 52 Pendler starben, außerdem die vier jungen Männer vom Bahnhof King’s Cross, die Bombenleger. Drei von ihnen kamen aus Beeston.
Beeston ist eines der abgelegensten Viertel von Leeds. Es liegt auf einem Hügel, von dem aus man die Stadt überblicken kann. Und obwohl es zu Fuß nur 25 Minuten bis ins Zentrum sind, gehen die wenigsten dorthin. Beeston ist durch die Schnellstraße M621 vom Rest der Stadt abgeschnitten. Vor dem Sommer 2005 gab es kaum Gründe, je von diesem Ort gehört zu haben. Es ist kein Platz, an dem man sich zu leben wünscht; Beeston zählt zu den ärmsten Flecken Englands. Wohl auch deswegen ließen sich hier immer wieder Einwanderer nieder. Früher die Iren, heute vor allem Pakistaner. Zwar sagen langjährige Bewohner, dass es einmal so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl gab, dass es sogar das war, was das Leben hier ausmachte – bis vor zehn Jahren die Drogendealer kamen. Nachdem Heroin und Crack die Straßen erobert hatten, verabschiedeten sich die Menschen auch vom freundlichen Miteinander. Und während sich das Stadtzentrum von Leeds entwickelte, blieb Beeston ein Ghetto der Armen.
Viele Reporter, die nach dem 7. Juli 2005 nach Beeston fuhren, sahen die Armut und schlossen schnell auf einen Zusammenhang zwischen Lebensumständen und Attentaten. Doch je intensiver man sich mit Beeston und seinen Bombern beschäftigt, desto deutlicher wird, dass es sich bei dieser Annahme um einen Trugschluss handelt: Armut und Ausgrenzung prägten zwar die Biografien der Täter. Doch für die Radikalisierung, an deren Ende der Tod in London stand, waren vor allem Brüche innerhalb der pakistanischen Gemeinschaft in Großbritannien verantwortlich.
Bei meiner Recherche in Beeston wurde ich von schweigenden Menschen empfangen. Die abgeschottete pakistanische Gemeinde gab zunächst, über einen Monat beharrlichen Fragens hinweg, nicht mehr preis als die grundlegenden Fakten: Der Anführer der Bomber-Gruppe, Mohammad Sidique Khan, war verheiratet und hatte ein Kind. Er war 30 Jahre alt und hatte als Jugendarbeiter und Nachhilfelehrer gearbeitet. Durch diesen Job hatte er auch die anderen beiden sogenannten Beeston Bombers, Shehzad Tanweer und Hasib Hussain, kennengelernt. Tanweer, 22 Jahre alt, sollte bald den Fish-and-Chips-Laden seines Vaters übernehmen. Und Hussain, gerade 18, wartete auf das Ergebnis mehrerer Qualifizierungstests, die er an einem College abgelegt hatte.
Einen ersten Hinweis darauf, was diese Männer bewegt hatte, lieferte mir ein aufgeschlossener Junge, der nicht zur Clique um die Bomber gehört hatte, aber integriertes Mitglied der pakistanischen Gemeinde war. „Es gab eine Menge Drogensüchtige hier in der Gegend“, sagte er, „das hat alles runtergezogen. Die Leute, die sich hier einen Besitz aufbauen wollten, haben Spritzen in ihren Gärten gefunden.“ Der Junge erzählte, dass die ältere Generation nicht mit dem Problem umzugehen wusste. Die Einzigen, die etwas gegen die Junkies unternommen hätten, seien Pakistaner der jüngeren Generation gewesen. Sie nannten sich Mullah Boys, eine lose Gruppe von 15 bis 20 Mitgliedern, die sich Mitte der neunziger Jahre formiert hatte. Mohammad Sidique Khan war einer ihrer Anführer. Mehrmals kidnappten die Mullah Boys junge drogensüchtige Pakistaner, mit dem Einverständnis der Familien. Die Entführten wurden in einer Wohnung festgehalten und zum kalten Entzug gezwungen.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde die Gruppe zusehends religiöser. Zunächst freuten sich die älteren Pakistaner von Beeston darüber – bis die jungen Männer, die sich inzwischen mächtiger fühlten als ihre Väter, darauf bestanden, sich ihre Ehefrauen selbst auszusuchen. So heirateten zum Beispiel Sidique Khans Freund Naveed Fiaz und dessen Bruder weiße Frauen. Während zuvor noch die Eltern die Ehepartner für ihre Kinder bestimmt hatten, war nun die einzige Bedingung für die Ehe, dass Nichtmuslime vor der Hochzeit zum Islam konvertierten. Eine bedeutende Veränderung, wie sich später noch erweisen würde.
In Beeston Hill, dem abbruchreifen Zentrum des Stadtteils, machen die Pakistaner bis zu zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Fast alle Familien stammen aus Mirpur, einer ländlichen Region in der Provinz Kaschmir. Die traditionellen Regeln dort sind strikt. Justiz, Sicherheit und Versorgung werden nicht vom Staat organisiert, sondern von den ortsansässigen Stämmen. Sie verbieten die freie Wahl des Ehepartners, um zu vermeiden, dass der Landbesitz zersplittert. Familien, die ihren Kindern die Liebesheirat erlauben, verlieren in den Augen der anderen ihre Ehre, genannt Izzat . Als einziger Weg, sie zurückzuerlangen, gilt meist der Mord an dem Kind, das sich nicht gefügt hat. In Pakistan gibt es die meisten Ehrenmorde auf der Welt.
Als die ersten Auswanderer in den sechziger Jahren aus Mirpur nach Großbritannien kamen, war das Stammessystem eigentlich obsolet – der britische Staat garantierte ja die Grundstrukturen. Doch Traditionen sind eine große Stütze für eine Migrantengemeinschaft. Die Liebeshochzeiten der Mullah Boys versetzten nun die pakistanische Gemeinde in Aufruhr. Aber die Jungen fühlten sich stärker als die Alten, ihr Glaube war ihre Waffe.
- Datum 07.07.2007 - 13:28 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 05.07.2007 Nr. 28
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