Terrorismus Der Bomber und sein Bruder

Bei den Londoner Anschlägen vom 7. Juli 2005 rissen Sidique Khan und drei seiner jungen Freunde 52 Menschen mit in den Tod. Gultasab Khan erzählt, wie aus seinem Bruder ein Terrorist wurde.

Am Morgen des 7. Juli 2005 um 8.30 Uhr wurden am Bahnhof King’s Cross in London vier junge Männer gesehen, die sich umarmten. Sie wirkten fröhlich, sogar euphorisch, wie der offizielle Bericht zu den Ereignissen jenes Tages bemerkt. Knapp dreißig Minuten nach der Umarmung explodierten Bomben in drei Londoner U-Bahnen; eine weitere Stunde später gab es eine Detonation in einem Doppeldeckerbus. 52 Pendler starben, außerdem die vier jungen Männer vom Bahnhof King’s Cross, die Bombenleger. Drei von ihnen kamen aus Beeston.

Beeston ist eines der abgelegensten Viertel von Leeds. Es liegt auf einem Hügel, von dem aus man die Stadt überblicken kann. Und obwohl es zu Fuß nur 25 Minuten bis ins Zentrum sind, gehen die wenigsten dorthin. Beeston ist durch die Schnellstraße M621 vom Rest der Stadt abgeschnitten. Vor dem Sommer 2005 gab es kaum Gründe, je von diesem Ort gehört zu haben. Es ist kein Platz, an dem man sich zu leben wünscht; Beeston zählt zu den ärmsten Flecken Englands. Wohl auch deswegen ließen sich hier immer wieder Einwanderer nieder. Früher die Iren, heute vor allem Pakistaner. Zwar sagen langjährige Bewohner, dass es einmal so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl gab, dass es sogar das war, was das Leben hier ausmachte – bis vor zehn Jahren die Drogendealer kamen. Nachdem Heroin und Crack die Straßen erobert hatten, verabschiedeten sich die Menschen auch vom freundlichen Miteinander. Und während sich das Stadtzentrum von Leeds entwickelte, blieb Beeston ein Ghetto der Armen.

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Viele Reporter, die nach dem 7. Juli 2005 nach Beeston fuhren, sahen die Armut und schlossen schnell auf einen Zusammenhang zwischen Lebensumständen und Attentaten. Doch je intensiver man sich mit Beeston und seinen Bombern beschäftigt, desto deutlicher wird, dass es sich bei dieser Annahme um einen Trugschluss handelt: Armut und Ausgrenzung prägten zwar die Biografien der Täter. Doch für die Radikalisierung, an deren Ende der Tod in London stand, waren vor allem Brüche innerhalb der pakistanischen Gemeinschaft in Großbritannien verantwortlich.

Bei meiner Recherche in Beeston wurde ich von schweigenden Menschen empfangen. Die abgeschottete pakistanische Gemeinde gab zunächst, über einen Monat beharrlichen Fragens hinweg, nicht mehr preis als die grundlegenden Fakten: Der Anführer der Bomber-Gruppe, Mohammad Sidique Khan, war verheiratet und hatte ein Kind. Er war 30 Jahre alt und hatte als Jugendarbeiter und Nachhilfelehrer gearbeitet. Durch diesen Job hatte er auch die anderen beiden sogenannten Beeston Bombers, Shehzad Tanweer und Hasib Hussain, kennengelernt. Tanweer, 22 Jahre alt, sollte bald den Fish-and-Chips-Laden seines Vaters übernehmen. Und Hussain, gerade 18, wartete auf das Ergebnis mehrerer Qualifizierungstests, die er an einem College abgelegt hatte.

Einen ersten Hinweis darauf, was diese Männer bewegt hatte, lieferte mir ein aufgeschlossener Junge, der nicht zur Clique um die Bomber gehört hatte, aber integriertes Mitglied der pakistanischen Gemeinde war. „Es gab eine Menge Drogensüchtige hier in der Gegend“, sagte er, „das hat alles runtergezogen. Die Leute, die sich hier einen Besitz aufbauen wollten, haben Spritzen in ihren Gärten gefunden.“ Der Junge erzählte, dass die ältere Generation nicht mit dem Problem umzugehen wusste. Die Einzigen, die etwas gegen die Junkies unternommen hätten, seien Pakistaner der jüngeren Generation gewesen. Sie nannten sich Mullah Boys, eine lose Gruppe von 15 bis 20 Mitgliedern, die sich Mitte der neunziger Jahre formiert hatte. Mohammad Sidique Khan war einer ihrer Anführer. Mehrmals kidnappten die Mullah Boys junge drogensüchtige Pakistaner, mit dem Einverständnis der Familien. Die Entführten wurden in einer Wohnung festgehalten und zum kalten Entzug gezwungen.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde die Gruppe zusehends religiöser. Zunächst freuten sich die älteren Pakistaner von Beeston darüber – bis die jungen Männer, die sich inzwischen mächtiger fühlten als ihre Väter, darauf bestanden, sich ihre Ehefrauen selbst auszusuchen. So heirateten zum Beispiel Sidique Khans Freund Naveed Fiaz und dessen Bruder weiße Frauen. Während zuvor noch die Eltern die Ehepartner für ihre Kinder bestimmt hatten, war nun die einzige Bedingung für die Ehe, dass Nichtmuslime vor der Hochzeit zum Islam konvertierten. Eine bedeutende Veränderung, wie sich später noch erweisen würde.

In Beeston Hill, dem abbruchreifen Zentrum des Stadtteils, machen die Pakistaner bis zu zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Fast alle Familien stammen aus Mirpur, einer ländlichen Region in der Provinz Kaschmir. Die traditionellen Regeln dort sind strikt. Justiz, Sicherheit und Versorgung werden nicht vom Staat organisiert, sondern von den ortsansässigen Stämmen. Sie verbieten die freie Wahl des Ehepartners, um zu vermeiden, dass der Landbesitz zersplittert. Familien, die ihren Kindern die Liebesheirat erlauben, verlieren in den Augen der anderen ihre Ehre, genannt Izzat . Als einziger Weg, sie zurückzuerlangen, gilt meist der Mord an dem Kind, das sich nicht gefügt hat. In Pakistan gibt es die meisten Ehrenmorde auf der Welt.

Als die ersten Auswanderer in den sechziger Jahren aus Mirpur nach Großbritannien kamen, war das Stammessystem eigentlich obsolet – der britische Staat garantierte ja die Grundstrukturen. Doch Traditionen sind eine große Stütze für eine Migrantengemeinschaft. Die Liebeshochzeiten der Mullah Boys versetzten nun die pakistanische Gemeinde in Aufruhr. Aber die Jungen fühlten sich stärker als die Alten, ihr Glaube war ihre Waffe.

Den Bruch der Traditionen rechtfertigten die Mullah Boys um Sidique Khan mit dem Islam. Hassan Butt, der bis 2006 Mitglieder für ein britisches Dschihadisten-Netzwerk rekrutiert und Sidique Khan zweimal getroffen hatte, erklärte mir das so: Für die Islamisten sei einer der wichtigsten Grundsätze, dass sich die Gemeinschaft der Muslime nicht durch ethnische Zugehörigkeiten spalten lassen dürfe. So konnten Heiratsarrangements den Mullah Boys unislamisch scheinen, als ein kultureller Import aus dem Hinduismus.

Wie aber wurde aus einem Mullah Boy ein Selbstmordattentäter? Die Frage würde nur jemand beantworten können, der Sidique Khan nahegestanden hatte. Von einem Taxifahrer erfuhr ich, dass der Anführer der Beeston Bombers einen Bruder hatte, er sei ein Taxi-Kollege in Leeds und fahre ein blaues Auto. „Er sieht aus wie sein Bruder und heißt Gultasab. Er macht den Bahnhof, Nachtschicht.“ Der Fahrer gab mir die Nummer von Gultasabs Wagen, und eines Nachts tauchte das blaue Auto tatsächlich am Bahnhof auf. Ich stieg ein.

Gultasab hat sanfte, haselnussbraune Augen wie sein Bruder. Ich fragte ihn, ob er mich nach Bradford fahren könne, eine Strecke von 20 Minuten. Dann sagte ich ihm, dass ich sicher sei, schon einmal mit ihm gefahren zu sein. „Gultasab, oder?“ Ja, sagte er. Aber sorry, er könne sich nicht an mich erinnern.

Er redete leise, aber klar. Wie sein Bruder hatte er sein ganzes Leben in Yorkshire verbracht, deshalb sprach er das ortstypische Englisch. Als ich ihn aber fragte, woher er stamme, war die Antwort: „Aus Rawalpindi“, einer der größten Städte Pakistans. Rawalpindi liegt in der Provinz Punjab. Die Khans waren also keine Mirpurer. Im fremden Großbritannien, wo selbst kleinste Unterschiede in der Herkunft das Leben der Migranten bestimmen, ist das ein wichtiges Detail.

Ich fragte Gultasab, wie es seiner Familie gehe. Er fragte zurück, was ich von ihm wolle. „Ich recherchiere über das Drogenproblem in Leeds.“ Er sagte, dass es ziemlich schlimm sei, aber es habe sich einiges zum Guten gewendet in den vergangenen vier, fünf Jahren. Wir waren noch nicht in Bradford angekommen, als ich ihn bat, an einer Tankstelle zu halten. Ich sagte: „Schauen Sie, ich kann Sie nicht anlügen. Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Sids Bruder.“ Resignation zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Ich erklärte ihm, dass ich über den 7. Juli recherchierte. Deshalb würde ich gern mit ihm reden. Ich entschuldigte mich, dass ich in sein Taxi gestiegen sei, ich hätte jedoch gedacht, dass er mir, wenn ich ihm zu seinem Haus gefolgt wäre, die Tür vor der Nase zugeschlagen hätte. Da wurde sein Ton feindselig. „Wenn Sie mir zu meinem Haus gefolgt wären, hätte ich nur gesagt: Kein Kommentar.“ Es sollte das einzige Mal bleiben, dass er seine Stimme gegen mich erhob.

Als einige Zeit zuvor ein Team der BBC die Eltern der Attentäter besucht hatte, war deutlich geworden, wie wenig Ahnung sie davon hatten, was in den vergangenen Jahren mit ihren Söhnen geschehen war. Die meisten schämten sich. Manche waren depressiv geworden, andere leugneten die Tatsachen. Auch Gultasab litt, das war jetzt an der Tankstelle deutlich zu spüren. Er sagte, der Tod seines Bruders sei sehr hart für ihn gewesen. Er könne die Ereignisse des 7. Juli nicht verstehen. Und dann begann er zu erzählen.

Mohammad Sidique Khan wurde am 20. Oktober 1974 im St. James’s Hospital in Leeds geboren. Sein Vater hieß Tika Khan. Er war ein Gießereiarbeiter, schon über 50, und einer der ersten Pakistaner, die nach Yorkshire gekommen waren. Sidique war das jüngste von vier Kindern. Kurz nach seiner Geburt zogen die Khans in die Beestoner Tempest Road.

Auf Sidiques erster Schule waren die meisten Kinder Weiße. Er integrierte sich gut – die anderen nannten ihn Sid. Später ging er auf die Matthew Murray High School, auf der mehr pakistanische Schüler waren. Aber immer noch hatte er viele weiße und nun auch asiatische Freunde. Er war nicht prüde oder sittenstreng. Er hatte keine Freundin, aber er sprach mit Mädchen. Er war ein freundlicher Typ. Doch Sidique befand sich auf Kollisionskurs mit seiner Familie, vor allem wegen der Religion. Mitte der neunziger Jahre, zu der Zeit, als er zum ersten Mal mit den Mullah Boys durch Beeston zog, gewann er Interesse an der fundamentalistischen Glaubensauslegung der Wahhabiten.

Gultasab erzählte, wie er zum ersten Mal bemerkte, dass sein Bruder Wahhabit geworden war. Sidique betete anders als zuvor, er benutzte zusätzliche Gesten zwischen den Verbeugungen. Außerdem verkündete Sidique, dass ihm die traditionelle Moschee in der Hardy Street nichts mehr zu bieten habe. Die Leute dort sprächen und schrieben auf Urdu und hätten keine Ideen, wie man die zweite Generation in die Gemeinde einbinden könne. Die Wahhabiten dagegen predigten und druckten ihre Schriften auf Englisch. Gultasab sagte, viele von Sidiques Freunden seien ebenfalls zum Wahhabitismus konvertiert.

In Beeston genoss Sidique hohes Ansehen. Über Jahre hinweg erwarb er sich unter den pakistanischen Jugendlichen einen guten Ruf als Jugendarbeiter. Damals wurde die Jugendarbeit in Beeston von Maz Ashgar geleitet. Er sagte mir, Sidique sei einer der wenigen Männer gewesen, die innerhalb der pakistanischen Gemeinde modernisierende Einflüsse ausgeübt hätten. „Diese Jungs machten einen guten Job in Sachen Drogenbekämpfung, Rassenfragen und Bildungsförderung. Sie hatten einen anderen Standpunkt zu den Dingen, fast so, als wären sie hier weder geboren worden noch aufgewachsen. Sie hatten einen weiteren Horizont.“ Die Gruppe habe die Jugendlichen fördern wollen, damit die pakistanische Gemeinde der Armut entkommen könne.

Es muss im Jahr 1999 gewesen sein, als Sidique die Grenze vom Wahhabitenfundamentalismus zum aktiv-gewalttätigen Dschihadismus überschritt. Er war 25. Der Radius, in dem er sich bewegte, war immer enger geworden. Die Moscheen, in denen er betete; die Räume, in denen er pakistanische Jugendgruppen unterrichtete; der Buchladen, in dem er Gespräche führte – kein wichtiger Ort in seinem Leben lag weiter als 500 Meter vom Mittelpunkt des Pakistanerviertels in Beeston entfernt.

Mit den Jahren formierte sich die Gruppe der Selbstmordattentäter. Von den vieren standen sich Sidique Khan und Shehzad Tanweer am nächsten. Man sagt, dass sie sich schon seit ihrer Kindheit kannten. Wann und wie sich Khan und Hasib Hussain, der beim Attentat erst 18 war, zum ersten Mal begegneten, ist nicht bekannt. Von 2001 an aber beteiligte Hussain sich an Jugendprojekten in Beeston. Ende 2004 dann war Khan ein regelmäßiger Gast im Hause Hussain.

Jermaine Lindsay ist der einzige Attentäter, der nicht aus Beeston kam. Er wurde in Jamaika geboren und wuchs in Huddersfield auf. Wahrscheinlich geriet Lindsay über den radikalislamistischen Prediger Abdullah Al-Faisal an Sidique, bevor dieser wegen Aufwiegelung zum Rassenhass im Jahr 2003 verhaftet wurde. Lindsay, der bei seinem Tod 19 Jahre alt war, hatte von 2004 an regelmäßigen Kontakt zu Khan.

Im Prozess um das geplante Attentat auf das Bluewater-Einkaufszentrum – eine gigantische Shoppingmall östlich von London, in der eine Terrorzelle eine 600-Kilo-Bombe zünden wollte – wurde bekannt, dass Sidique Khan bereits von 2003 an in Verbindung mit einem mutmaßlichen Al-Qaida-Kontaktmann stand. Im Juli 2003 soll dieser geplant haben, Khan und dessen Freund Shehzad Tanweer nach Pakistan zu schicken, damit sie dort das Bombenbauen lernen könnten.

Durch die Erkenntnisse aus dem Bluewater-Prozess lässt sich Sidique Khans Bewegungsprofil nach 2003 rekonstruieren, jedenfalls teilweise. Der Geheimdienst MI5 hatte ihn bis nach Hause verfolgt, nachdem er sich mit einer der zentralen Figuren des geplanten Anschlags auf das Einkaufszentrum getroffen hatte. Ende 2004 und Anfang 2005 stellten die Sicherheitsdienste und die Polizei Nachforschungen über Sidique Khan an. Die offizielle Erklärung, warum er nicht festgenommen wurde: Als der MI5 Gespräche zwischen ihm und den Bluewater-Planern überwachte, schien es, als sei er nur an der Geldbeschaffung für das Netzwerk interessiert. Der MI5 musste Prioritäten setzen. Es gab dringender Verdächtige als Sidique Khan; deshalb konnte er seine Pläne ungestört schmieden.

Bis heute ist wenig über den Countdown zu den Anschlägen vom 7. Juli 2005 bekannt. Klar ist, dass Sidique Khan und Shehzad Tanweer 2004 eine Reise nach Pakistan und im Juni 2005 eine Aufklärungstour nach London unternahmen, wo sie zusammen mit Jermaine Lindsay die späteren Anschlagsorte besichtigten. Einigen Quellen zufolge hatten Sidique Khans Al-Qaida-Kontaktmänner den Ausgang der Wahlen zum britischen Unterhaus im Mai 2005 abgewartet, bevor sie eine endgültige Entscheidung fällten.

Im kleinen Beeston hatte Sidique Khan in den Jahren zuvor seine Mitstreiter stets im Auge behalten. Es dürfte ihm nicht schwergefallen sein, sie von seiner Sache zu überzeugen. Noch bevor er ihnen auseinandersetzen konnte, wie bösartig die westliche Politik im Irak sei, hatte eine tiefe Identitätskrise der Zuwanderer das Bewusstsein der jungen Männer geformt.

Es gibt eine Theorie, der zufolge es 30 Jahre nach jeder Einwanderungswelle zu Krawallen kommt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen Juden nach England – in den dreißiger Jahren gab es Ausschreitungen in den jüdischen Vierteln des Londoner Ostens. In den fünfziger Jahren strömten Menschen aus der Karibik nach Großbritannien – 1981 gab es Unruhen in den afrokaribischen Gegenden in Toxteth, Chapeltown und Brixton. Die Pakistaner kamen in den siebziger Jahren – im Sommer 2001 brannten Autos in Oldham, später auch in Leeds, Burnley und Bradford.

Für dieses Phänomen gibt es eine Erklärung: Es dauert ungefähr 30 Jahre, bis sich die zweite Einwanderergeneration aufgebaut hat. Die Migrantenkinder werden erwachsen und leiden unter ihrem schlechten Status innerhalb und außerhalb der Gruppe ihrer Landsleute. Sie sind stark verunsichert. Ihnen ist nicht klar, welche Kultur und welche Werte sie annehmen sollen: die der Eltern oder die der Freunde? Die ihrer Gemeinschaft oder die des Einwanderungslandes? Für Hassan Butt, den früheren Anwerber für das Dschihadisten-Netzwerk, war genau das der Grund, warum seine Organisation so leicht neue Mitglieder rekrutieren konnte. Die radikalislamistischen Bewegungen in Großbritannien hätten es verstanden, den Konflikt der Jugend auszunutzen.

Hassan Butt selbst ist in Großbritannien aufgewachsen, in einem pakistanisch geprägten Elternhaus. Er fühle sich weder britisch noch pakistanisch, erklärte er mir. „Immer wenn ich nach Pakistan fuhr, wurde ich von den Menschen zurückgewiesen. Und wenn ich nach Großbritannien zurückkam, hatte ich das Gefühl, dass ich nicht in die britische Gesellschaft passte. Sie dürfen nicht vergessen, dass viele unserer Eltern das auch gar nicht wollten.“

Die Religion – in diesem Fall eine destillierte, politisierte Form des Islams, weit entfernt von der traditionellen Volksreligion der ersten Generation – erschien ihm als ein Weg, die Entwurzelung zu überwinden. „Die Islamisten geben dir plötzlich eine Identität. Du musst nicht Pakistaner oder Brite sein. Du kannst überall auf der Welt leben, und diese Identität wird dich begleiten“, sagte Butt. Viele traditionelle Migrantengemeinden trieben ihre Kinder unbeabsichtigt in die Arme der Islamisten, wobei ein wichtiger Faktor das neue Verständnis von Ehe sei.

Auch Sidique Khan wollte aus Liebe heiraten, wie viele seiner Freunde. In den Jahren seiner Annäherung an den Wahhabitismus verliebte er sich in seine spätere Frau Hasina Patel. Die beiden trafen sich 1997 an der Leeds Metropolitan University. Sidique belegte dort einen einjährigen Wirtschaftskurs, um sein Zertifikat von einem kleinen College in einen richtigen Abschluss umwandeln zu können. Hasina machte ihren Bachelor in Soziologie. Ihre Familie kam aus Indien; Hasina Patel war Muslimin und gehörte den Deobandis an, einer südasiatischen Schule des Islams, die den Wahhabiten nahesteht.

Butt machte mich noch auf einen weiteren Faktor aufmerksam, der den Islamisten zugutekam. Die Konkurrenz zwischen den vier Schulen des Islams, den Traditionalisten, den Fundamentalisten, den Modernisierern und eben den Islamisten, habe sich zu einem regelrechten „Bürgerkrieg“ entwickelt. Der jahrzehntelange Kampf zwischen diesen Richtungen fresse sich zwischen die junge und die alte Einwanderergeneration.

In dem Streit, sagte Butt, hätten inzwischen die Islamisten die Oberhand gewonnen, jedenfalls in Großbritannien. Während traditionalistische Moscheen weiterhin ihre Imame aus den Heimatländern rekrutieren, ihre Predigten auf Urdu oder anderen asiatischen Sprachen abhalten, sind ihre Konkurrenten längst weiter. Sie sprechen Englisch, können mit dem Internet umgehen und verstehen, wie die zweite Generation denkt. Die Wahhabiten und die Islamisten verkünden die wachrüttelnde Botschaft von der weltweiten islamistischen Gerechtigkeit – und lassen die Traditionalisten aus der ersten Generation als unbeweglich und irrational dastehen.

Das Abschiedsvideo von Sidique Khan zeigt, was Butt meint. Das Video ist 27 Minuten und 29 Sekunden lang. Die meiste Zeit spricht das führende Al-Qaida-Mitglied Aiman al-Sawahiri. Sidique Khans Botschaft ist sechs Minuten und elf Sekunden lang. Sie besteht aus zwei Teilen. Im Fernsehen wurde meist nur der erste Teil über die britische Außenpolitik gesendet. Teil zwei, der drei Viertel der Rede ausmacht, richtet sich an die Muslime in Großbritannien.

„Unsere sogenannten Gelehrten sind heutzutage zufrieden mit ihren Toyotas und ihren Doppelhaushälften“, sagt Sidique Khan, „sie glauben, dass ihre Verantwortung darin besteht, den Unglauben zu ehren statt Allah. Deshalb erzählen sie uns auch so lächerliche Dinge, dass man zum Beispiel den Gesetzen der Heimat folgen muss. Gelobet sei Gott! Diese Gelehrten werden bei Allah zur Rechenschaft gezogen werden. Und wenn sie die britische Regierung stärker fürchten als Allah, dann sollten sie aufhören zu predigen, Vorlesungen zu halten oder Fatwas zu unterschreiben. Sie sollten daheim bleiben und den Job echten Männern überlassen, den wahren Erben des Propheten.“ Sidique Khan war seinen Weg zu Ende gegangen.

Als ich Butt Mitte November 2005 zum ersten Mal traf, glaubte er immer noch an den Dschihad und bewunderte Sidique Khan für seine Tat. Doch schon damals erwähnte er, dass Khan „egoistisch“ gewesen sei. Als einer der Denker des Netzwerks hätte er bei der Anwerbung neuer Mitglieder helfen sollen, anstatt den „schnellen Weg“ zu wählen. Um weitere Anhaltspunkte darüber zu gewinnen, was Sidique Khan auf jenen „schnellen Weg“ getrieben hatte, wollte ich noch einmal mit dessen Bruder Gultasab sprechen. Ich fuhr zu ihm nach Hause.

Gultasab Khan lebt in einem Haus am Ende einer schönen Straße auf der Kuppe von Beeston Hill. Es war Abend. Als Gultasab mich vor der Tür stehen sah, reagierte er erbost. Er erinnerte mich daran, dass ich ihn nicht an diesem Ort besuchen sollte. Ich sagte, dass ich ihm etwas Wichtiges erzählen müsse. Nach kurzem Zögern ließ er mich ein. Gultasab ging in die Küche, um mit seiner Frau zu sprechen. Während sie miteinander redeten, konnte ich einen kurzen Blick auf sie werfen. Sie war groß, ihr Kopf unbedeckt. Gultasab kam zurück und wies mir den Weg in den Vorderraum. Seine Frau sah ich nun nicht mehr. Wenn sie Tee brachte, stand sie hinter der Tür und wartete darauf, dass ihr Mann ihn in den Raum tragen würde. Gultasab erzählte mir nichts über sie, außer dass sie eine Cousine war.

Nachdem Gultasab den Tee serviert hatte, berichtete ich ihm alles, was ich von Butt über Sidiques Verbindungen zu den Dschihadisten erfahren hatte. Gultasabs Gesicht verriet Skepsis. Ich versuchte ihm klarzumachen, wie wichtig es sei, aufzuklären, warum sein Bruder das Attentat begangen hatte: Mittlerweile war Sidique Khan zu einer Ikone für die britischen Dschihadisten geworden. Um weitere Operationen zu verhindern, sagte ich, sei es wichtig zu erfahren, warum sein Bruder immer radikaler geworden war. Gultasab stimmte mir zu. Er sagte, dass man dem Bomben ein Ende setzen müsse. Aber für ihn sei es immer noch zu früh, um tiefer gehend über die Sache zu reden.

Bei meinen nächsten Besuchen wirkte er verschlossen. Auf die Frage, warum er nicht reden wolle, antwortete er stets mit dem Satz, dass er nicht in Dinge verwickelt werden wolle, die Angelegenheit der Polizei seien. Einmal, Anfang Juni 2006, variierte ich meine Standardfrage, ob er die Taten seines Bruders „gut“ oder „schlecht“ finde. Mehrere Male hatte er mir geantwortet, dass die Attentate eine schlimme Sache gewesen seien. Nun fragte ich ihn, ob er glaube, dass die Anschläge im Islam halal (erlaubt) oder haram (verboten) seien. Diesmal war Gultasabs Gesicht von bassem Erstaunen erfüllt. Nach einer kurzen Pause antwortete er: „Kein Kommentar.“

Wie lange schon hatten diese beiden Weltsichten in Gultasabs Kopf miteinander konkurriert? Seine Alltagsmoral sagte ihm, dass sein Bruder einen kaltblütigen Terrorakt verübt hatte. Sein Glaube gab ihm keine klare Antwort auf die Frage. Vielleicht war sein Bruder ein Held. Wie viele Tausend junge Muslime in Großbritannien leben mit ähnlichen Konflikten?

Es war letztlich der Prediger der Khans, der das Geheimnis hinter dem Schweigen von Beeston lüftete. Familie Khan – und vermutlich noch einige Dutzend anderer Familien – hatte gewusst, dass Sidique ein potenziell gewalttätiger Radikaler war, und das schon Jahre vor den Anschlägen. In vielerlei Hinsicht folgte seine Wandlung vom religiös uninteressierten Teenager zum Dschihadisten einem üblichen Muster. Die Familie hatte – auf typisch traditionalistische Weise – versucht, ihn dabei aufzuhalten. Aber das hatte die Sache nur schlimmer gemacht.

Im Juli 1999 beispielsweise, als klar geworden war, dass Sidique nicht wie seine Brüder eine seiner Cousinen heiraten würde, engagierten die Eltern den Spiritualisten Sultan Fiaz ul-Hassan. Er war der Familie seit Jahren verbunden und sollte Sidique die falschen Gedanken austreiben. Zu mir sagte der Prediger, Sidique sei zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr der Junge gewesen, der zuvor stets zu ihm aufgeschaut hatte. Vielmehr verkündete Sidique, dass er seine Ansichten zum Islam geändert habe und in Afghanistan ein dschihadistisches Training absolvieren wolle.

In einem letzten Versuch, seinen Sohn von seinem Weg abzubringen, zog der Vater Tika Khan 2001 mit Sohn Hanif, Tochter Nafiza und seiner zweiten Frau – die erste war einige Jahre zuvor gestorben – nach Nottingham. Er hoffte, dass Sidique, der damals 26 Jahre alt war, ihm folgen würde, weg von seinen Wahhabitenfreunden und seiner Lebensgefährtin. Falls die Strategie scheiterte, würde der Vater wenigstens nichts mehr mit seinem Sohn zu tun haben müssen. Tatsächlich gab es nach Sidiques Hochzeit im Oktober 2001 keine Verbindung mehr zwischen Vater und Sohn. Sidique tauchte im Netzwerk unter.

Vorausgesetzt, dass Sidiques Plan, eine Ausbildung für den Dschihad zu absolvieren, bekannt war: Warum hat ihn niemand aufgehalten? Sein Bruder Gultasab sagte, niemand habe geglaubt, dass Sidique zum Selbstmordattentäter werden würde. Unvorstellbar, dass er sich umbringen würde, ein Jahr nachdem seine Frau ein Kind zur Welt gebracht hatte, ein Mädchen. Vor allem aber ist wohl niemand eingeschritten, weil die meisten in Beeston froh darüber waren, dass die jungen Leute immer religiöser wurden. „Besser ein Wahhabit als auf Drogen“, sagte Gultasab. Und warum sollte Sidique, der Modernisierer seiner Gemeinde, am Ende solch einen barbarischen Anschlag begehen?

Sidique Khan mag über die westliche Außenpolitik entrüstet gewesen sein, wie so viele Kriegsgegner. Aber das war nicht der Grund, warum er und die drei anderen 52 Londoner Pendler und sich selbst getötet haben. Im Zentrum dieser Tragödie steht der Konflikt zwischen der ersten Generation von pakistanischen Einwanderern und den Nachfolgegenerationen. Es ist ein Konflikt zwischen Kultur und Religion, zwischen Passivität und Aktion.

Für Sidique Khan, wie für viele junge Menschen, war der Islamismus eine Befreiungstheologie. Die Chance auf Selbstbestimmung.

Der Text ist ein Nachdruck aus der Juni-Ausgabe des britischen "Prospect Magazine". Übersetzung: Sebastian Christ

 
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